“Sempre, sempre avanti!”

20. Oktober 2015 12 Von Jan-Martin Klinge

Immer wieder beschleichen mich Zweifel.

Bin ich als Lehrer wirklich geeignet? Als Vater? Als Ehemann? Soll ich wirklich weiter Energie in dieses Blog investieren? Lohnt sich mein ehrenamtliches Engagement eigentlich? Oder umgekehrt – ist es zu wenig?

In meinem Umfeld arbeiten Lehrer mit solch brillanten Ideen und solcher Ausstrahlung, dass ich mir oft wie ein Scharlatan vorkomme. Ich lese viele kluge Artikel von anderen Kollegen und vergleiche sie mit meinem profanen Anekdoten und denke.. Hm. Im Dezember bin ich Referent auf dem ExcitingEDU-Lehrerkonkgress mit all den wirklich, wirklich innovativen und gebildeten Leuten und frage mich ernsthaft, was ich dort zu suchen habe. Hmm.

Gestern, erster Tag nach den Ferien (!), sind einige meiner Schüler in einem leeren, neu gebauten Fahrstuhlschacht herumgeklettert. Auf den Hinweis der Aufsicht, dies zu unterlassen, entgegneten sie allen Ernstes und voll kindlicher Unschuld, ihnen hätte niemand gesagt, dass man das nicht dürfe.
Nächste Woche muss ich in meiner Funktion als Moderator zu einer Dienstbesprechung ins Schulamt. Thema: “Elektronisches Schulbuch”. Zweieinhalb Stunden lang wird ein kluger Kopf von der Universität referieren, was wir Lehrer.. hm… brauchen? können? dürfen? Ich bilde mir ein, etwas Ahnung zu haben und bin.. nunja.. vorsichtig gespannt, was mich da erwartet. Hmmm.

Vor wenigen Tagen ist mit Arne Steding einer der führenden Köpfe der Dortmunder Fanszene verstorben. An Krebs. Mit 30. Er hinterlässt Frau und Kind – und einen Blog. Ich verabscheue Krebs-Blogs und kann mich ihrer doch nicht erwehren. Ich lese sie und lerne die Menschen dahinter kennen. Leide und trauere mit. Nehme mir Konsequenzen für mein eigenes Leben vor, die ich doch nicht halte.

Vor kurzem sprach ich mit einem Bekannten über seinen Alltag. Er erzählte, dass er seine Arbeitsstelle nicht besonders mögen würde und die Müdigkeit darüber stand in sein Gesicht geschrieben.

Immer wieder beschleichen mich Zweifel.

Ich schaue auf alte Fotos von mir und rolle mit den Augen. Lese alte Blogartikel und muss mich beherrschen, sie nicht zu löschen. Ein Teil von mir hat immer das Bedürfnis, ganz neu anzufangen und alles Vergangene vergessen zu machen. Wie viele Fehler ich schon gemacht habe. Bei wie vielen Menschen ich mich entschuldigen müsste.
Wäre dieses Blog anonym, würde ich anders schreiben. Überspitzter. Zynischer. Vielleicht lustiger. Stellenweise sicher ehrlicher. Negativer.

Es würde mein Denken nicht zum Guten verändern.

Steding erzählt auf seinem Blog, dass er diesen nicht zuletzt für seinen Sohn schreibt – ihm gefiele der Gedanke, dass sein Sohn einst über den Blog seinen Papa kennenlernen könne. Nun ist er tot.

Sein Tod erinnert mich daran, dass ich mich dieser destruktiven Zweifel entziehen sollte. Oder, wie Picard es einst ausdrückte, vielleicht ist die Frage, was wir hinterlassen nicht so bedeutsam, wie die Art, wie wir gelebt haben.

Heute.

Hier.

Jetzt.

Womöglich sollte ich mit meiner Rabauken-Klasse noch mehr Unsinn machen und noch weniger über Konsequenzen nachdenken. Vielleicht sollte ich bei der kommenden Fortbildung durch gezielte Fragen die Veranstaltung stören (“Ich wohne in Rheinland-Pfalz. Darf ich mit meinem elektronischen Schulbuch in ein anderes Bundesland reisen, obwohl die Gesetze dort anders sind..!?”) und mehr heute, hier, jetzt leben. Ich sollte.. nein, ich muss einfach weiter schreiben. Wozu ich Lust habe und was mir gefällt.

Wer weiß was morgen ist.

Arne Steding wurde nur 30 Jahre alt und hinterlässt viele, viele, viele Menschen in tiefer Trauer.
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