“Leg doch mal das Ding weg”

15. August 2016 3 Von Jan-Martin Klinge

IBM Werbung für ihren neuen Computer…titelt der SPIEGEL und wirft die Frage auf, ob wir die Technik beherrschen oder inwieweit Smartphones eher uns dominieren.

Im wunderbaren Techniktagebuch ist mir die Geschichte zweier unterschiedlicher Schüler begegnet, die ich mit freundlicher Genehmigung hier posten darf.

Das Schweigen der Mädchen

Es ist Sommer. Nicht zum ersten Mal im Leben, aber zum ersten Mal in unserer Familie hat sich ein hochinteressanter Spalt aufgetan. Denn das eine Kind (ein Mädchen, 11 Jahre alt und auf dem Weg in Klasse 7 am Gymnasium – ich erkläre das so genau, weil das vielleicht für das Gesamtbild wichtig sein könnte) sitzt traurig in der Ecke, auch bei schönstem Sonnenschein.

Das andere Kind, ein Junge, 12 Jahre alt und auf dem Weg in Klasse 8 am Gymnasium, sitzt fröhlich allein in seinem Zimmer und plaudert bis spät in den Abend mit seinen Freunden, von Einsamkeit keine Spur. Dabei verlässt er seinen Rechner kaum, höchstens um nachzusehen, ob die Sonne endlich untergegangen ist, damit er mit seinen Schwestern raus kann, um Inliner zu fahren oder auf den Bolzplatz zu gehen. Alle meine Kinder verabscheuen das Tageslicht, ich kann mir das nicht erklären, aber es ist so. Wenn irgend möglich, sind sie draußen, sehr gern sogar, aber nur wenn keine Sonne scheint. Und wenn es nicht zu heiß ist. Am besten, wenn es regnet.

Aber zurück zum Spalt.

In meiner Jugend in den sehr späten 80ern gab es in meinem Viertel Väter, die mit Eintritt der Pubertät ihrer Töchter kleine Telefonschlösser kauften, die man in die 3 der Wählscheibentelefone klemmte und mit einem kleinen Schlüssel abschließen konnte. So ließen sich noch Notrufe absetzen – zumindest konnte man 112 wählen –, aber es ließen sich keine kostspieligen Telefonate mit der Freundin im Nachbarort oder dem “Brieffreund” in Timbuktu führen.

In meiner gesamten Erwachsenenzeit galt das Klischee des schweigsamen Mannes und der hochkommunikativen Weiblichkeit, und als die Kinder kamen, hatte ich zunächst den Eindruck, dass an Klischees vielleicht mehr dran ist, als man so wahrhaben will.

Pustekuchen.

Die so schweigsamen Jungs sitzen alle in ihren Jugendzimmern und skypen miteinander, was das Zeug hält, sie halten stundenlang verbale Kommunikation durch, sie besprechen in hochkomplexen Sätzen hochkomplexe Online-Strategien in Online-Strategiespielen miteinander, oder sie spielen stundenlag voller Glück Bedwars und machen dabei Tiergeräuschimitationswettkämpfe. Das weiß ich aus sicherer Quelle.

All das, während die angeblich so kommunikationsfixierten Mädchen allein in ihren Jugendzimmern sitzen und stumm für sich allein Schminktutorials bei YouTube schauen, weil die Eltern der anderen Mädchen ihnen weder ein Smartphone gekauft haben noch ein Notebook, und wenn das doch vorhanden ist, dann dürfen sie keine der gefährlichen Apps wie Skype benutzen. Auch das weiß ich aus sicherer Quelle, ich sage nur: Elternabend.

Das Ergebnis: Während das eine Kind in den Ferien mit all seinen weit verstreut wohnenden Freunden täglich für Stunden Kontakt haben kann, ist das andere Kind von seinen ebenfalls verstreut wohnenden Freundinnen vollkommen abgeschnitten, weil die “nur Notfallhandys mit Tasten” haben und darauf natürlich kein WhatsApp.

Ich bohre nach und tatsächlich: In der Klasse der Tochter sind es die Jungs, die miteinander reden, sich gegenseitig Apps und Spiele auf den Telefonen zeigen und ohne Probleme stundenlang darüber reden können, während die Mädchen das mangels Geräten nicht können – wenig verwunderlich, dass in dieser Klasse kaum Kontakte zwischen den beiden Gruppen bestehen, während es in der Klasse des Sohnes, wo nahezu alle Kinder unabhängig vom Geschlecht recht gut mit Geräten ausgestattet sind, eine gut funktionierende Klassengruppe bei WhatsApp und im sogenannten real life viel weniger Berührungsängste gibt (und sehr viel nettere Elternabende).

Es ist vielleicht zu stark, aus einer einzelnen Situation etwas Größeres abzuleiten, aber ich bin sicher, die weit bessere Klassenatmosphäre hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Kinder außerhalb der Schule einen leicht zugänglichen Kommunikationskanal haben. Und (fast) alle ein Handy haben, wirklich alle aber Zugang zum Netz.

(Alina Smithee)

Eine ganz spannende Sichtweise und – klar – interessiert mich eure Erfahrung. Seht ihr das ähnlich? Wie wird das an eurer Schule gehandhabt? Wie haltet ihr das bei euren eigenen Kindern?

Ich freue mich auf eure Berichte.

(Passend dazu klagt Arne Ulbricht über die Smartphone-Eltern auf Spiegel Online. Eine lesenswerte Gegenmeinung: “Technikfeinde sind eine Gefahr für unsere Kinder – nicht Smartphones”.)