Ich entscheide.

IMG_20160827_163331In unserem Haushalt wird sehr viel gelacht. Meine Ältere lässt sich keinen Schabernack entgehen und meine Zweijährige pfeffert mir dir gerade gesetzten Haarspangen frech entgegen, bevor sie lachend davonrennt. Zähneputzen kann schonmal zwanzig Minuten dauern, weil die Kleine unbedingt “alleine! alleine!” putzen möchte und sich mit Händchen und Füßchen prustend gegen mich wehrt – hinterher ist das ganze Gesicht voll Zahnpasta und weiße Sprenkler überall im Bad zu finden. Abends krabbeln dann hungrige Mäuse unter die Bettdecke und beißen in die leckeren Zehen (“Hm. Leckere Trauuuuben”).

Meine Kinder lachen viel.

In meinen zahlreichen sozialen Experimenten, die ich heimlich mit meinen Kindern durchführe, habe ich festgestellt, dass ich meine Zweijährige ganz einfach sehr unglücklich machen kann: Ich muss sie nur vor eine Wahl stellen. Ein Beispiel:

Amélie: “Papa, Apfel essen!”
Ich: “Einen Apfel?”
Amy (glücklich): “Jaaa!”
Ich (in Laborkittel und mit gezücktem Notizblock): “Oder lieber… eine Banane?”
Amy: “Ja! Banane!”
Ich: “Okay”
Amy: “Nein. Apfel.”
Ich: “Okay”
Amy: “Nein. Banane.”

Schließlich fängt sie an zu weinen, weil sie beides möchte und beides nicht möchte. Wenn ich dann schließlich entscheide, zu einem “ja” und zum anderen “nein” sage, herrscht augenblicklich Ruhe.

Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.

Im Unterricht beobachte ich ähnliches2.
Wenn ich einer Klasse verkünde, wir würden heute Charlie Chaplins Moderne Zeiten aus dem Jahr 1936 anschauen, sind alle dankbar für den entspannten Unterricht und schauen sich den Film an. Stelle ich ihnen jedoch zwei Filme zur Auswahl, gibt es Knatsch. Der eine Film sei zu langweilig, den anderen hätten aber viele schon gesehen. Ob ich nicht noch etwas drittes zur Verfügung hätte – als ob dieser mysteriöse dritte Film alle glücklich stellen würde.

Die Wahl zu haben, führt zu Unzufriedenheit.

Ich glaube, dass Kinder unglücklich werden können, wenn sie zu früh mit viel Verantwortung belastet werden. Ich bin kein Freund von antiautoritärer Erziehung in dem Sinne, dass sie Kinder als “gleichberechtigte Partner” neben den Eltern ansieht. Meine Frau und ich erklären unseren Kindern die meisten unserer Entscheidungen, wir fragen nach ihrer Meinung und lassen uns davon beeinflussen – aber getroffen werden sie letztlich von uns.

Auch im Unterricht erkläre ich mein Verhalten gerne (“Verstehst du, warum …?”), bitte um Rückmeldung mein Meinungen – aber die Entscheidungen treffe ich1. Aus diesem Grunde sehe ich viele pädagogische Entwicklungen im Klassenverbund nicht unkritisch: Klassenrat, Schulparlamente, das Diskutieren von zahlreichen Entscheidungen kann wunderbar funktionieren (und ich kenne Schulen, die damit tolle Erfolge feiern) – ich muss aber gestehen, dass ich Kinder auch gerne Kinder sein lasse: Ihr geht spielen, ich sorge dafür, dass alles reibungslos läuft. Und wer wissen will, warum wir nicht ins Phantasialand fahren oder warum der Jonathan neben der Isabell sitzen muss oder warum wir heute mal Stillarbeit machen, darf gerne fragen.

Ich erkläre. Aber: Ich entscheide.

Anm.: Dieser Blogartikel war Ausgangspunkt einer größeren Blogparade zum Thema „Partizipation in der Schule“ mit Beiträgen von Dejan Mihajlovic (findet meinen Standpunkt falsch), Sven Sommer (ausgeglichen), Sebastian Schmidt (ausgeglichen), Herrn Rau (ausgeglichen), Tom Mittelbach (findet meinen Standpunkt falsch) und Maik Riecken (betrachtet das Ganze analytisch in größerem Rahmen).

1: Ich bin nicht alleiniger Klassenlehrer, sondern habe eine Co-Klassenlehrerin. Und wie in jeder funktionierenden Ehe ist sie der eigentliche Chef. Winking smile

2: Ich behaupte: Auch in meinem Unterricht wird sehr viel gelacht.

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