Bewerbungswoche

7. März 2017 4 Von Jan-Martin Klinge

Ich unterrichte an einer Gesamtschule, das bedeutet, einige meiner Schüler werden nach der 10. Klasse nicht in die Oberstufe wechseln, sondern die Schule verlassen und einen Ausbildungsplatz ergreifen. Das ist im Alltag ein interessantes Spannungsfeld, weil sich die Jugendlichen, teils spürbar, in unterschiedliche Richtungen entwickeln.

Als Absolvent eines altsprachlichen Gymnasiums stand die Berufsvorbereitung bei uns sehr weit unten auf der Prioritätenliste. Hätte man mich nicht davon abgehalten, wäre ich im Anschluss an die Klasse 13 in Ermangelung sinnvoller Perspektiven einfach weiter zur Schule gegangen. Die Berufsorientierung ist bei uns intensiv in die Schullaufbahn eingebunden und ich habe das ein oder andere Mal darüber berichtet.

Unabhängig von schulischen Vorgaben habe ich heute in der Mittagspause meine Klasse und eine junge Kollegin überredet, zusammenzufinden. Besagte Kollegin hat vor ihrer Lehrerlaufbahn eine Ausbildung zur Goldschmiedin absolviert und berichtete freimütig über Positives und Negatives aus jener Zeit. Spannend ist, dass einige Schüler einen leichten Widerwillen in sich spüren: Die schöne Schulzeit nähert sich dem Ende und das Erwachsensein klopft so langsam an. Das macht Angst.

Freitag geht es dann weiter: Ich habe einen sehr erfahrenen und einschüchternden Kollegen gebeten, mit einem Freiwilligen meiner Klasse ein Bewerbungsgespräch zu führen. Jener Lehrer hat seit vielen Jahren eine große Erfahrung darin, Schüler an Firmen zu vermitteln und weiß sehr viel besser als ich, wie man Bewerbungsgespräche einübt und worauf es ankommt.

Der Plan ist außerdem, das Gespräch tendenziell unangenehm zu halten (der Schüler weiß das auch und verspürt eine seltsame Mischung aus Aufregung und Hosen-voll). Aus einem Scheitern kann man letztlich mehr zehren, als wenn man sich die Vorstellung eines perfekten Ablaufs ansieht. Auch aus diesem Grunde führe ich nicht selbst durch die Übung: Obwohl meine Lehrerrolle völlig klar ist, bin ich meiner Klasse zu „nah“. Ich bin eher „Papa„, als „fremder Prüfer“ und in einer Rolle als einschüchterndes Gegenüber bei einem Bewerbungsgespräch würden sie mich nicht ernst nehmen. Den Zorn des Kollegen dagegen kennen meine Schüler, wenn sie in der Pause beim Toben erwischt wurden. Das wird ein wunderbares Ereignis und alle freuen sich schon darauf.