Gewaltbereite Kinder in Theorie und Praxis

Gewaltbereite Kinder in Theorie und Praxis

Das Kompetenzteam des Kreises Siegen-Wittgenstein bot heute morgen eine Fortbildung zum Umgang mit aggressiven Kindern und Jugendlichen an. Referent war Ulrich Krämer, der große Erfahrung im Bereich mit jugendlichen Straftätern und gewaltbereiten Kindern hat.
Von meinem gestrigen Cocktail noch völlig von der Rolle schleppte ich mich an diesem Samstagmorgen zu der Veranstaltung – und traf auf ein halbes Dutzend gut gelaunter Kolleginnen. Ich betrachte Schule mehr und mehr aus der Perspektive Schulleitung und dieser Morgen lässt mich innerlich aufhorchen: Was kann eine Schule (eine Schulleitung?) leisten, damit Lehrerinnen und Lehrer sich Samstagmorgens freiwillig und gutgelaunt in eine dreistündige Fortbildung setzen? Wie kann man jene Kolleginnen und Kollegen ermutigen, stärken – ihnen einen roten Teppich ausrollen? Wie muss eine Schule sein, dass die Angestellten mehr tun, als Dienst nach Vorschrift?

Mit den Jahren sind viele Fortbildungen zusammengekommen. Einige ganz schreckliche und einige ganz gute. Aber die heute war herausragend. Sowohl inhaltlich als auch methodisch hat Krämer es geschafft, 400 Zuhörer von der ersten bis zur letzten Minute zu fesseln. Krämer hinterfragt unsere Vorstellungen von Sinn und Anzahl der Klassenregeln, wir denken über Wertschätzung und Grenzziehungsbereitschaft nach. Ich bin so unfassbar beeindruckt, dass ich ihn und sein Team sofort jeder Schule weiterempfehlen würde – für eine Fortbildung, einen pädagogischen Tag oder ähnliches.

Nach zweieinhalb Stunden bin ich voller Gedanken und Strategien und warte auf das erste aggressive Kind, um es mit meinen neugewonnenen, pädagogischen Folterwerkzeugen niederzustrecken.

Dieses Kind wartet zu Hause.

Meine Dreijährige steht nassgeschwitzt vor der XBox und boxt gegen den blauen Manfred. Ohne Unterlass hämmert sie ihre kleinen Kinderfäuste in die Luft. „Bam! Bam! BAAAMMM!“ krakeelt sie. „Schatz“, sage ich und knie mich auf den Boden, um auf ihrer Höhe zu sein. Innerlich sortiere ich meine pädagogische Waffenkammer. Was hat Krämer nochmal gesagt? Empathie entwickeln?

„Schatz, meinst du nicht, dass der blaue Manfred auch Gefühle hat?“ frage ich ich meine Prinzessin. Ruhig. Besonnen. Freundlich. Aber statt Prinzessin Elsa erblicke ich das rote, verschwitzte Gesicht von Ronja Räubertochter. „Ja!“, schnauft sie atemlos, „ich hoffe das tut weh!“

Und mit einem letzten gewaltigen Schlag streckt sie den blauen Manfred nieder. K.O. in der zweiten Runde. Ihr Avatar reißt jubelnd die Arme hoch. „GEEEE-WONNNNEN!“

Herr Krämer? Übernehmen Sie!

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