(Schreckgespenst) Digitalisierung in der Schulpraxis

(Schreckgespenst) Digitalisierung in der Schulpraxis

29. Oktober 2018 13 Von Jan-Martin Klinge

Meine aufstrebende Gesamtschule hat sich zum Ziel gesetzt, im Bereich der Digitalisierung mit großen Schritten voran zu gehen. Das ist aufregend und spannend und gleichzeitig (für mich) zuweilen frustrierend.

Das Medienmodell SAMR

Ein recht bekanntes Modell zur Beschreibung der Integration von Lerntechnologien in den Unterricht ist das SAMR-Modell. Dabei werden (vereinfacht gesagt) vier Niveaustufen unterschieden:

  1. Ersetzung (der Beamer ersetzt das Tafelbild)
  2. Erweiterung (auf dem Beamer können wir Animationen und sich verändernde Schaubilder zeigen)
  3. Änderung (gleichzeitiges, gemeinsames Arbeiten an Dokumenten verändert den Unterricht)
  4. Neubelegung (völlige Neugestaltung des Unterrichts; skypen mit Klassen aus dem Ausland, Nutzen des Handys als Messinstrument)

Je nachdem, wohin man schaut, findet man diese unterschiedlichen Niveaustufen vor.
Die „Digitalisierung von unten“ meiner Tochter ist Niveaustufe 1. Sie hat einfach nur ihr Heft durch ein Tablet ersetzt. Der Unterricht ist davon in keiner Weise betroffen. Manchmal setze ich ein Quiz ein (bspw. Kahoot), um ein Thema abzuschließen und die Kinder spielen an ihren Handys gegeneinander – hier findet sich Niveau 2.
Wenn in meiner 7 im Fach Physik gemeinsam an Dokumenten gearbeitet wird, Präsentationen im Unterricht oder von zu Hause bearbeitet und verbessert werden, dann ist das im SAMR-Modell Niveau 3. Das skypen mit einer Klasse aus Ecuador war tendenziell Niveau 4 (weil ohne den Einsatz von Technologie nicht zu denken). In meinem eigenen Unterricht springe ich wie wild hin und her, befinde mich aber meistens auf den Niveaustufen 1 und 2.

Digitalisierung auf Twitter

Öffne ich Twitter, dann bewege ich mich in einer anderen Welt. Dort sind Lehrer zu finden, in mir in ihrem Denken um Jahre voraus sind. Dort wird die App-isierung des Unterrichts beklagt und über die Qualität von Unterricht diskutiert. Dinge, die ich gerade entdecke, sind auf Twitter schon ein alter Hut und immer, wenn ich mich mit jenen Vorreitern der Digitalisierung vergleiche, wächst in mir der Druck, mein kümmerliches Blog zu schließen. Das sind Leute, die sich scheinbar nur auf den Niveaus 3 und 4 bewegen. Ich bin (und das meine ich völlig sachlich) eingeschüchtert.

Auf viele Lehrerinnen und Lehrer, die keinen Twitter-Account haben und die nicht abends noch bloggen wirkt der Begriff der Digitalisierung daher wie eine Drohkulisse. Was genau wird gefordert? Was muss ich jetzt auch noch lernen? Reicht es denn nicht, das…? Müssen wir denn auch noch diese Baustelle…?

Innerlich sitze ich zwischen den Stühlen.
Ich finde den Prozess, in dem ich stecke und an dem ich aktiv teilnehme ungemein spannend und mag ihn verbloggen. Schritt für Schritt. Ich mag gerne klein beginnen – als eine kleine Allerwelts-Gesamtschule im Aufbau die nach und nach den Prozess der Digitalisierung aktiv gestaltet. Die Möglichkeiten entdeckt und durch meine Quasselei hier den ein oder anderen inspiriert, die gleichen Schritte auch zu wagen. Andererseits schüchtert mich das #Twitterlehrerzimmer ein. Ich schreibe das so explizit , weil auch dies Teil der Thematik „Digitalisierung“ ist und dort zuweilen diskutiert wird. Den Grad zwischen Inspiration und Frust empfinde ich als schmal.

Digitalisierung in meiner Praxis

An meiner Schule hat die Stadt zumindest vor, den Internetzugang in alle Gebäude zu streuen. Im Augenblick teilen wir uns die Gebäude noch mit zwei auslaufenden Haupt- und Realschulen, was Umbau und Übersicht nicht einfacher macht. Ein nagelneues Whiteboard wartet darauf, in meinen Klassenraum gehängt zu werden und entgegen meiner eigenen Erwartungshaltung werde ich alles daran setzen, dass das kein Frontalunterrichtsmedium wird. Mit einem Kollegen starte ich endlich einen OneNote ClassNotebook-Kurs. Das kannte ich bisher nur von Erzählungen und Youtube, aber das wird sicher mega! Außerdem sehr geil: Wir sind jetzt Microsoft Showcase Schule. Das bedeutet ein bisschen Ehre für unsere kleine Standorttyp-4 Schule aber vor allem Werbung nach außen. Seht her, wir bewegen uns! Ich habe schon in den vergangenen Jahren viele Kontakte über das Microsoft Educator Program geknüpft und nicht zuletzt mein Skype-in-the-classroom-Projekt nach Ecuador realisiert. Es wird aufregend, da noch tiefer einzusteigen und unseren Schülerinnen und Schülern ein Stück weit die Welt ins Klassenzimmer zu holen – konkretes Beispiel ist die Hour of Code, die ich uuuunbedingt mal mitmachen will.

(Disclaimer: Ich weiß, dass die Kooperation von Wirtschaft und Bildung kritisch gesehen wird und ja, ich bin ein großer Verfechter unabhängiger Bildung. Ich arbeite nicht für Microsoft, erhalte auch keine Privilegien oder Vorteile.  Google und Apple bieten vergleichbare Projekte an und sind auch toll.)