Tabletschule im Aufbau #11: Digitaler Unterricht

In meiner Reihe „Tabletschule im Aufbau“ beschreibe ich, wie meine städtische Gesamtschule vorgegangen ist, um Tablets intensiv in den Schulalltag einzubinden. Die gesamte Reihe findet sich hier. Nach dem letzten, eher trockenen Beitrag über den Einfluss von Firmen auf die Bildungspolitik möchte ich mich heute mit dem beschäftigen, worum es eigentlich geht: Dem Unterricht. Konkret: Wie sieht digitaler Unterricht bei euch eigentlich aus?

Vorbemerkung
Eine kurze (mythenmetzsche) Abschweifung bevor es losgeht: Ein solcher Artikel führt unzweifelhaft zu kritischen Stimmen: Die einen, weil ihnen das, was ich beschreibe, nicht weit genug geht. „Ist das alles?“, fragen sie, „wo bleiben höheren Ebenen im SAMR-Modell? Wo die Kooperation und alles?“
Euch sei gesagt: Das ist alles richtig, aber ihr seid gar nicht die Zielgruppe dieses Artikels. Ich richte mich an Einsteiger, an Kolleg*Innen, die sich orientieren wollen und Ideen suchen, mit denen sich ein Kollegium auf den Weg machen möchte.
Andere, die vielleicht zum ersten Mal einen Artikel aus der Reihe lesen, werden denken: „Wie um Himmels Willen sollen wir das denn auch noch schaffen?“
Euch möchte ich an den Anfang meiner Reihe ans Herz legen. Dort habe ich beschrieben, wie wir uns als Kollegium auf den Weg gemacht und mit dem nötigen Wissen ausgestattet haben.

OneNote als Dreh- und Angelpunkt
Der Ansatz meiner Schule im Bereich Digialisierung liegt nicht in der Anwedung von spezifischen Programmen (Apps) in speziellen Unterrichtssituationen, sondern im kontinuierlichen Nutzen eines Tablet-Computers als Heft.
Die – ich würde sagen – konkurrenzlose Software in dieser Hinsicht ist das kostenlose Microsoft OneNote. OneNote ist sozusagen die digitale Entsprechung eines Leitz-Ordners. Es gibt Seiten und Registerkarten zum Trennen von Themen. Es ist schlicht die Software schlechthin. Seit Bestehen dieses Blogs habe ich immer wieder über OneNote geschrieben. Das Besondere ist nun, dass man diese Notizbücher mit anderen Menschen teilen kann. Innerhalb des Kollegiums nutzen wir das, um Protokolle zu teilen, Etat-Wünsche und weiteres.
Noch spannender ist der Punkt, dass man ein Notizbuch mit Schülern teilen kann und ihnen – in ihrer Schülerrolle – besondere Rechte einräumt. So sehe ich als Lehrer das gesamte Notizbuch, die einzelnen Schüler aber nur jeweils den Abschnitt mit ihrem Namen und eine gemeinsame Bibliothek. Das aber hat weitreichende Konsequenzen.
Ich kann mir zu jedem Zeitpunkt das Heft eines jeden Kindes anschauen. Dabei – und das möchte ich an dieser Stelle explizit betonen – geht es weniger um Kontrolle als um Diagnose: Wer hat Probleme mit der Schrift? Wer kann bestimmte Aufgaben nicht oder sehr gut? Wer bearbeitet Teilaufgaben nur sehr oberflächlich.

Ein Beispiel
Konkretes Beispiel eines häufigen Fehlers:

Meine 5er beschäftigen sich mit Säulendiagrammen und hier im Beispiel kann man einen häufigen Fehler beobachten: Die Einheiten an der Y-Skala sind nicht gleichverteilt. Natürlich habe ich genau das an der Tafel mehrfach angesprochen. Natürlich steht die Regel explizit im Heft der Kinder. Und trotzdem ist das ein Fehler, der sich oft finden lässt.
Ununterbrochen die Hefte der Kinder einsammeln, durchgucken und zurückgeben wäre extrem zeitaufwändig und ist darum auch utopisch. Via OneNote aber kann ich im Büro, auf der Couch, zwischendurch oder wann immer es mir passt hier und da einen Blick in die Hefte der Schüler werfen und Anmerkungen einfügen. „Schau mal hier!“ „Achte darauf!“
Das geht rasend schnell und ohne Aufwand.
Im Corporate Space, einem weiteren Bereich des Notizbuches, indem alle Schüler gleichzeitig schreiben können, lassen sich wunderbar kooperative Gruppenarbeiten realisieren. Einer meiner Schüler hat mir – nach nur drei Wochen Unterrichtszeit – schon vorgeschlagen, die Expertenliste meiner Lerntheke dort zu führen.

Forms as Diagnosetool
Mit Microsoft Forms (ebenfalls Bestandteil von Office 365) lassen sich recht unkompliziert Multiple-Choice Tests erstellen. Dies habe ich für meine Fächer getan und nutze sie – Achtung: Pädagogik! – weniger zur Leistungsbeurteilung sondern vielmehr als Diagnosetool.
Konkret:

„Finde heraus, was das Messgerät bei U2 anzeigt.“
Nachdem alle Schülerinnen und Schüler den Test durchlaufen haben, bietet mir Forms eine Auswertung dieser Art an:

Ich sehe zunächst, dass nur 10% meiner Schüler diese Frage korrekt beantwortet haben. Hier ist dringend Nachholbedarf angesagt. Die häufigste Antwort (6V) entspricht exakt einer typischen Fehlvorstellung in der Physik: Das Kabel neben der Batterie „hat halt 6V geladen“.
Die Auswertung erfolgt automatisch und in Echtzeit. Auf Wunsch kann ich mir die Ergebnisse einzelner Schüler anzeigen lassen, also genau sehen, wo Jonathan seine Schwächen hat und wo Sebastian. Weil es mir um die Diagnose geht, können die Schüler im Anschluss auch direkt ihre Ergebnisse sehen. Wo sind mir Fehler unterlaufen?
Für meine 5er habe ich, zur Vorbereitung auf die Klassenarbeit, verschiedene MultipleChoice-Tests erstellt und nach nur drei Wochen habe ich 180 (!) Antworten erhalten. Das bedeutet, meine kleinen Jungen und Mädchen haben diese Tests immer und immer wieder durchlaufen. Ohne, dass ich mit dem erhobenen Zeigefinger daneben stehe. Die Tatsache, dass man das Gerät – und damit den Zugang zum Quiz – immer zur Verfügung hat, sorgt dafür, dass die Kinder es nutzen.

Auch hier gilt: Ein technologischen Werkzeug ermöglicht mir detaillierte Analysen von Schwächen ohne großen Aufwand und in Echtzeit. Herausragend ist, dass ich die Tests exakt auf meine Lerngruppe zuschneiden kann. Im Unterschied zu Mathe-Übungs-Webseiten kann ich hier viel genauer arbeiten. Der wichtigste Punkte: Unmöglich hätte ich 180 Probe-Tests schreiben und auswerten können. Forms dagegen macht das automatisch und gibt – wenn ich das will – den Kindern auch direkt eine Rückeldung über ihr Ergebnis.

Ganz nebenher und ohne großen Aufwand lernen die Schülerinnen und Schüler mit dem Computer umzugehen. Sie lernen den Unterschied zwischen Ausschneiden und kopieren kennen. Lernen Dateien zu organisieren und kooperatives Arbeiten.

Schlussbemerkung
Natürlich geht das nicht ohne vorausgegangenen Aufwand. Ohne Vorbereitung. Ohne begleitende Unterstützung. Dazu habe ich bereits geschrieben oder werde noch schreiben. Es sind noch weitere Teile der Reihe geplant. Dies heute soll nur ein Einblick sein, wie Unterricht bei mir nach wenigen Wochen in einer fünften Klasse aussieht. Es ist der Anfang eines Prozesses von Anfängern – nicht das Ende.

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