Ein bisschen verliebt.

Die letzten zwei Tage habe ich neben meinem Unterricht viel Zeit an anderen Bildungsstätten verbracht.
Mittwoch war ich im „Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung“ (ZfsL) Siegen – das ist der Ort, an dem die Lehramtsanwärter einmal in der Woche zusammenkommen um über Sorgen, Nöte, Hoffnungen und Wünsche des Referendariats zu sprechen. Im Unterschied zum populären Hashtag #Stresserendariat habe ich diese Zeit als enorm positiv im Kopf. Die Atmosphäre war wertschätzend geprägt, das Miteinander positiv und es gab ein stetes Bemühen, die Hierarchien möglichst flach zu halten. Umso schöner, wenn man hier und da zurückkommen darf. Ich war eingeladen worden, einen Vortrag über „differenziertes Lehren und Lernen mit Lerntheken“ zu halten.

So gerne ich mit Teenagern arbeite: Im Bereich der Erwachsenenbildung zu arbeiten, könnte ich mir auch gut vorstellen. Intellektuell anspruchsvolle Diskussionen, respektvoll vertretene Meinungen und kritische Nachfragen. Das hat schon richtig Spaß gemacht und abends stelle ich fest, dass ich mich ein bisschen in den Gedanken verliebt habe, auch mal in diese Richtung zu schnuppern.

Echtes Kontrastprogramm dann früh am nächsten Morgen: Als Abteilungsleiter für die unteren Jahrgänge fällt die Kommunikation mit den Grundschulen in meinen Aufgabenbereich und so begann der Tag für mich an einer hiesigen Grundschule. Und, ach, was für ein Gewusel. Die Schulleiterin nahm mich kurzerhand mit in ihren Unterricht und wo immer ich auftauche gibt es (nicht nur) bei Kindern vor allem ein Thema: „Wie groß bist du?“ „Ich wette zwei Meter?“ „Mein Papa ist auch so groß!“ „Sag doch mal, wie groß bist denn du?“
Meine Größe ist und bleibt mein Geheimnis (es gibt schließlich einen Kuchen, wenn man sie ausrechnet), aber damit kam ich hier nicht durch! Rasch rannten vier, fünf Kinder in die benachbarte Lernwerkstatt und kamen mit zwei Zollstöcken wieder.

„Stell dich mal grade hin!“ „Tu mal die Arme weg!“ 

Und dann wurde ich vermessen. „Mist, der Zollstock ist zu kurz. Kannst du dich auf den Boden legen?“ Kein Pardon!

Und da war es um mich geschehen: ich habe mich verliebt. In diese wunderbaren, aufgeweckten Kinder die voller Lebensfreude um mich herumsprangen. In den offenen Anfang. In das gemeinsame Morgenlied und die Gitarre dazu. In einen Klassenraum ohne Tafel aber mit Lernecken, Regale voller Material, bunten Blättern und tausenden Eindrücken. In offene Räume und Kinder, die im Flur sitzen und konzentriert den Buchstaben „B“ kennenlernen. Ach.

So gerne ich mit Teenagern arbeite: Im Bereich der Grundschule zu arbeiten, könnte ich mir auch gut vorstellen. Die Lebenslust und Freude, die Authentizität aller Emotionen, diesen Kindern ins Leben zu helfen, wie wunderbar wäre das! Gleich morgen kaufe ich mir eine Gitarre!

Zwei wunderbare Grundschulen habe ich besucht und als ich nachmittags endlich in meiner Schule – zu Hause! – ankomme, gehe ich in den Gesprächen mit meiner Co auf. Wir sprechen über unsere Klasse und alte Hobbies. Über Schulstrukturen und das kommende Wochenende. Und später, als ich in meiner Klasse sitze und all die wunderbaren Kinder sehe und als Marie mir schnatternd erzählt, was sie alles mit ihrer Oma erlebt hat, und wenn ich all die Geschichten und Sorgen und Hoffnungen meiner Kinder kenne, da verliebe ich mich ein drittes Mal.

In den wunderbarsten Beruf der Welt.

Einer recht aktuellen Studie zufolge machen drei von vier Beschäftigten in Deutschland „Dienst nach Vorschrift“, viele haben innerlich gekündigt. Was für eine schreckliche Vorstellung!

Neben viel Organisatorischem und viel Bürojob, ist dieser Aspekt gleichzeitig jener, der mich im Arbeitsfeld „Schulleitung“ am meisten reizt: Wie kann ich an meiner Schule, in meinem Umfeld eine Atmosphäre schaffen, in der sich die Kolleginnen und Kollegen wertgeschätzt fühlen? In der sie den Alltag nicht als Job, sondern als Berufung empfinden? Meine Aufgabe ist es, Schule so zu gestalten, dass sich alle Kollegen in sie verlieben.

Statistisch verbringen wir mehr Zeit mit unseren Arbeitskollegen, als mit unseren Ehepartnern. Da sollte man schon ein bisschen verliebt sein.

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