SEfU oder: Die Crux mit dem Feedback

Ich habe eine Feedbackrunde in einer meiner Klassen durchgeführt und spannende Ergebnisse erhalten. Die Frage ist aber – was mache ich jetzt damit?

Vergangene Woche habe ich meinen 10er Mathematik-Kurs geben, meinen Unterricht auszuwerten. Dazu habe ich die SEfU-Webseite benutzt.

Die Abkürzung „SEfU“ steht für „Schüler als Experten für Unterricht„. SEfU ist ein Instrument zur Selbstevaluation des eigenen Unterrichts, das speziell für die Unterstützung der individuellen Unterrichtsentwicklung von Lehrerinnen und Lehrern konzipiert wurde. Es bietet der bzw. dem Lehrenden die Möglichkeit, sich ein Bild über den eigenen Unterricht zu schaffen, und zwar aus Sicht derer, für die er gestaltet wird: die Schüler.

Der SEfU-Fragebogen wird seit Februar 2005 im Online-Verfahren von der Friedrich-Schiller-Universität Jena betreut, wissenschaftlich begleitet und fortlaufend weiterentwickelt.

Dort muss ich mich anmelden und meinen Kurs „registrieren“. Anschließend erhalte ich einen Haufen Zugangsschlüssel, die ich den Schülern aushändige. Der Vorteil: Sie müssen sich nicht registrieren oder irgendwelche Daten angeben – der Schlüssel führt direkt zum richtigen Bogen.

Das habe ich gemacht.
Zwei Aspekte haben die Ergebnisse maßgeblich beeinflusst: Erstens ist die Klasse mir sehr ans Herz gewachsen – wir haben eine Menge Unsinn miteinander getrieben und vor Jahren bspw. mit dem DFB zusammengearbeitet. Das verfärbt die Antworten zu meinen Gunsten.
Zweitens: Die Auswertung erfolgte direkt nach einer schweren Mathematikarbeit. Das sorgt wiederum eher für negative Rückmeldungen.

SEfU bietet eine wirklich tolle, fachspezifische Auswertung. Es beginnt mit einer allgemeinen Erhebung:

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Es ist erst einmal schön zu sehen, dass ein großer Teil der Schüler gern in die Schule geht – sich unabhängig davon aber alle in der Klasse sehr wohl fühlen. Dies hat natürlich Auswirkungen auf die Aussagekraft ihrer Antworten. Ein Kurs, indem sich niemand wohl fühlt und alle Schule als Zeitverschwendung empfinden, wird definitiv anders antworten.

Anschließend erfolgt eine detaillierte Auswertung der Schülerantworten:

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Über viele Antworten freue ich mich, aber natürlich gibt es immer ein, zwei Schüler die unzufrieden sind. Das ist schade, lässt sich aber kaum vermeiden, besonders nicht in den Hauptfächern.

Toll finde ich:

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Doof finde ich:

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Schließlich gibt es noch ein Feld für freie Antworten, im positiven („Ich finde toll“) wie im negativen („Ich wünsche mir von ihm..“). Ein kleiner Auszug:

  • Am liebsten hätte ich ihn für immer in mathe den er gibt mir den arschtritt den ich brauche

Bzw.

  • Mehr rote Stationen [also schwerere Aufgaben]
  • Manche Schuler könnten sich [Anm.: … durch meine flapsige Sprache] nicht wohl fühlen, dass ist zwar witzig für alle anderen, aber für den Betroffenen ist das ¨nicht schön und er fühlt sich dadurch evt. benachteilig und unwohl
  • Ich wurde gerne mal Hausaufgaben auf bekommen. […] Nach meiner Meinung beabeiten wir zu wenig im Buch und müssen viel zu sehr eigenständig arbeiten. Wir sollten auch zwei Stunden in der Woche an der Tafel Aufgaben bei denen Schüler schwierigkeiten haben zusammen besprechen

[sic!]

Und nun?
Seit einigen Tagen durchdenke ich diese Ergebnisse und vergleiche sie mit meinen eigenen Erfahrungen in der Universität, wo solche Auswertungen mittlerweile üblich sind. Der Ansatz von SEfU lautet „Schüler als Experten für Unterricht“ – und schon da zweifle ich.
Beispiel oben: Klar wünschen sich die Genies der Klasse noch mehr „Rote Aufgaben“. Meine Erfahrung ist aber, dass sich auch sehr gute Schüler bisweilen in ihre Spezialaufgaben verrennen und schlussendlich die Basics aus den Augen verlieren. Es hat also seinen Sinn, dass auch die Leistungsstärksten die Grundlagen wiederholen müssen.
Oder: Klar ist der ein oder andere vom eigenständigen Arbeiten genervt – aber ich verfolge ja einen Zweck damit. Die SchülerInnen sollen auf die Oberstufe bzw. ein Berufsleben vorbereitet werden.

Letztlich kann ich die Kritikpunkte der Schüler komplett nachempfinden – ich werde sie aber nicht ändern, weil ich ja gute Gründe dafür habe. Das aber führt zu einem Problem: In der Uni hat mich seinerzeit sehr genervt, dass die Professoren zwar Auswertungsbögen herumgaben – letztlich aber gar nichts verändert haben. Bei mir bzw. den Studenten entstand Frust und die (berechtigte) Frage, wozu man da überhaupt irgendwas ankreuzen solle. Gleiches würden womöglich meine Schüler empfinden – darum würde (und werde) ich mit Feedbackbögen sehr vorsichtig umgehen.

Schüler als Experten für Unterricht? Schwierig.
(Um ein plakatives Beispiel zu bringen: Ich koche für meine Tochter. Trotzdem ist sie kein „Experte für Kochkünste“, denn ihre Kritik besteht stets aus „zu viel Gemüse“ und „zu wenig Schokolade“. Die Aussagekraft ist aber eher marginal.)

Es bleibt trotzdem die Frage, welchen Nutzen ich aus diesen Daten ziehen soll.
Nach einigen Tagen des Grübelns und Durchdenkens, bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich so eine Auswertung nicht wiederholen werde.
Ich kann (rede ich mir zumindest ein) sehr gut damit leben, wenn Schüler mit mir sprechen und Wünsche oder Kritik äußern. Beides ist in der Vergangenheit oft geschehen und ich habe mich auch schon bei Schülern für dieses oder jenes entschuldigt. Aber so anonymisierte Kritik (“Bitte mehr mit dem Buch arbeiten”) nervt mich eher – ich habe ja Gründe, das nicht zu tun und möchte das lieber erklären können. Und natürlich finden Sabine und Jeremy es womöglich nicht toll, dass ich ihnen permanent Druck mache („in den Arsch trete„) und sie antreibe – trotzdem ist das nötig, damit sie einen Schulabschluss erreichen.

Am Ende bleibt von dieser Erhebung, dass die meisten zufrieden sind, Das wusste ich aber auch vorher schon.

Wie handhabt ihr das?
Nutzt ihr Feedbackbögen? Habt ihr schon Aspekte eures Unterrichts auf Basis solcher Erhebungen verändert?

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12 Responses to SEfU oder: Die Crux mit dem Feedback

  1. Johannes says:

    Ich nutze einen selbst erstellten Fragebogen mit sehr wenigen Items und einer 4er-Antworteinteilung. Ich habe eine Excelauswertungstabelle dafür, mit der ich eine Klasse sehr schnell auswerten kann, um die Ergebnisse zu diskutieren. Ich erkläre den Schülern dann, warum ich bestimmte Dinge so mache wie ich sie mache, wenn sie angesprochen werden. Ich höre dieselbe Kritik wie du, nutze das Feedback aber vor allem zum Dialog in der Klasse. Wenn ich Anregungen für sinnvoll halte, bemühe ich mich sie umzusetzen, wenn nicht, begründe, warum ich es nicht tue. Insgesamt hilft in meinen Augen diese Metaebene beim Verständnis des Gegenüber – in beide Richtungen.

    • Ja, sehe ich so wie Johannes, also klar ändere ich nicht Alles, nur weil SuS es gerne anders hätten oder SuS sind auch nicht unbedingt „Experten“, aber natürlich Teil in einem Prozess, der um so besser läuft, um so besser die Beziehungsebene und der Dialog ist. Daher sollten keine falschen Versprechungen gemacht werden, aber dennoch immer ein deutliches Interesse an der Sichtweise der SuS klar gemacht werden. Dieses dann aber auch transparent zu machen, warum gewisse Kritik Konsequenzen hat und andere eben nicht zu einer Veränderung führt, ist dabei wichtig. Und ob nun das eine oder das andere besser ist zum Lernen ist ja ohnehin ein dauernder Aushandlungsprozess. Interessant ist auch, das die Ergebnisse der gesamten Lerngruppe die Einzelnen reflektieren lässt, inwieweit sie mit ihrer Einschätzung Alleine stehen oder viele ähnlich denken, also auch insofern eine Chance, sich selbst und seinen Lernprozess zu reflektieren. Zu oft würde ich das allerdings nicht machen, vor allem finde ich Feedback nach ein paar Monaten in einer neuen Lerngruppe gut, vielleicht so zwei, dreimal im Schuljahr aber nicht zu oft, je nach Lerngruppe. Aber schön, dass der Blogautor so ehrlich ist, dass es da zu Widersprüchen kommt zwischen den SuS-Experten und dem Lehrer-Experten kommt, das ist ja immer so denke ich und ich als Lehrer werde meinen Unterricht nicht vollständig an Schülerfeedback ausrichten, sondern immer den Dialog suchen und auch Entscheidungen setzen.

    • retemirabile says:

      Ich halte es genauso wie Johannes. Eigener anonymer Online-Fragebogen mit anschließender Diskussion der Ergebnisse, die mir besonders relevant erscheinen. Und auch für mich ist das wichtig als Einblick und als Anlass, bestimmte Dinge zu erklären.

      “Schüler als Experten für Unterricht” – und schon da zweifle ich.

      Ich sehe das auch kritisch, denn natürlich machen sich manche Schüler ab der Mittelstufe aufwärts intensiv Gedanken über den Unterricht und ich lese auch Dinge wie: »Das finde ich nicht so gut, aber das muss natürlich sein.« Andere hingegen haben eben dieses Reflexionsniveau nicht, gehen aber mit ihren Stimmen genauso in die Auswertung ein.

      Ich finde es ohnehin etwas überzogen, Kinder und Jugendlichen in allen möglichen Bereichen Expertenschaft zu bescheinigen. Wie gesagt: manche kennen sich in bestimmten Bereichen aus und haben auch etwas dazu zu sagen. Bei anderen sieht es aber halt eher mau aus … wobei – wenn ich das jetzt so schreibe: bei Erwachsenen ist das ja auch so 😉

      Dennoch: Ich erlebe auf verschiedenen Ebenen (Kindergarten, Schule), dass die Haltung »Das sollen die Kinder selbst entscheiden« oft zu wenig sinnvollen, teilweise sogar absurden Ergebnissen führt. Da sollen z.B. Kindergartenkinder entscheiden, wie Gruppen eingeteilt werden sollen, man merkt, dass die so gefundene Einteilung personell und pädagogisch nicht machbar ist und dann macht man es doch anders. Das ist meines Erachtens Quatsch. Für viele Entscheidungen braucht man Sachkenntnisse und Erfahrung. Wenn beides nicht vorhanden ist, muss man – finde ich – auch mal sagen: Das entscheiden die Erwachsenen.

      Letztlich kann ich die Kritikpunkte der Schüler komplett nachempfinden – ich werde sie aber nicht ändern, weil ich ja gute Gründe dafür habe. Das aber führt zu einem Problem: In der Uni hat mich seinerzeit sehr genervt, dass die Professoren zwar Auswertungsbögen herumgaben – letztlich aber gar nichts verändert haben.

      Ich denke, das Ansprechen und Erklären macht den Unterschied. Es einfach still zu ignorieren sorgt mit der Zeit sicher für Resignation und innere Distanz.

  2. Sofie says:

    Ich persönlich denke schon, dass auch die Arbeit im Buch wichtig ist. Wie viele Stunden habt ihr pro Woche? Vielleicht hilft es, vorallem den eher schwächeren Schülern, wenn ihr eine Stunde pro Woche nur im Buch arbeitet.
    Ich selbst fühlte mich die letzten paar Schuljahre gerade durch das eher freie Arbeiten in Mathe überfordert, was dadurch kam, da ich mir so kein System antrainerieren konnte, um gezielt Aufgaben zu lösen. Seit diesem Schuljahr (Q1, neue Lehrerin, 3 Stunden GK + 2 Stunden Vertiefung Mathe) hat sich dies jedoch grundlegend dadurch geändert, da wir in den ersten 45 Minuten der Stunde mit dem Buch arbeiten und in den zweiten 45 Minuten vergleichen und dann frei und gezielt weiter arbeiten (Wir haben an meiner Schule immer 90 minütige Schulstunden, weshalb das ganze ziemlich gut klappt). Im Vertiefungsunterricht arbeiten wir alle frei und unabhängig voneinander, jedoch auch zumeist Päckchenaufgaben aus dem Buch, um uns überhaupt erstmal dieses System anzutrainieren.

    • Die Ironie ist: jene Aufgabe aus dem Buch, die an der Tafel mehrfach durchgesprochen und vorgerechnet wurde, bereitete in der Klassenarbeit die größten Probleme.
      Aus meiner Sicht: Klar. Denn da haben alle nur zugeguckt, statt selber zu arbeiten.

  3. Peter says:

    Ich habe am Ende des Praxissemesters die Schüler eine (kurze) Umfrage ausfüllen lassen, ebenso in meiner AG, die ich zur Zeit betreue (bin noch Student, daher sind die Erfahrungen eingeschränkt und sowohl „Praxissemesterstudent“ als auch „außerschulischer AG-Leiter“ sind jetzt nicht genau die gleichen Rollen wie „Lehrer“, dessen bin ich mir bewusst).
    Ich finde das Feedback für mich wichtig, auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich nicht alles was gewünscht wird auch realisieren kann (z.B. sind Inhalte oftmals nicht verhandelbar), zumindest nicht sofort (wenn ich umständlich erkläre, dann mache ich das nicht absichtlich, aber dann ist es gut zu wissen, dass das so bei den Schülern ankommt). Und Kritikpunkte, die eben nicht geändert werden können oder sollen sind doch auch ein guter Einstieg in ein Gespräch wie oben schon geschrieben – und vielleicht auch ein Grund, vor einer eigenständigen Arbeit nochmal zu erwähnen, warum man diese Arbeit in genau dieser Form durchführt – das kann ja auch motivieren!

  4. KC says:

    Ich hab eine Weile Begleitkurse an der Uni gegeben. Und mein Kurs wurde bei der Hauptveranstaltung immer mitevaluiert bzw. hab ich persönliches Feedback bekommen.
    Ich hab es so gehandhabt, dass ich nur dann etwas verändert habe, wenn es wirklich der Mehrheit genutzt hat bzw. die Mehrheit ein Problem hatte. Sobald krude Einzelwünsche kamen, nun ja, zur Kenntnis genommen, aber nicht umgesetzt.

  5. chemle says:

    Ich nutze SefU seit einigen Jahren (in der Regel zum Halbjahres- und Schuljahresende) und bespreche die Ergebnisse mittlerweile häufig im direkt im Anschluss an den Unterricht. D.h. ich überfliege die Ergebnisse und die freien Antworten und präsentiere dann die pdf-Datei – grundsätzlich immer die Klassenauswertung und die Antwort-Balken. Die freien Antworten eher weniger.

    Mein Eindruck ist, dass die Klassen/Kurse dann motiviert sind, diese Umfragen auszufüllen, wenn man selbst den Eindruck erweckt, dass man die Ergebnisse ernst nimmt. Was umgekehrt aber nicht heißt, dass man alle Kritikpunkte ändern müsste – aber ich erkläre dann, warum ich etwas, was kritisiert wurde, so und auch in Zukunft nicht anders mache. Und ich weise auch auf widersprüchliche Antworten hin – was einem gefällt, sieht der andere vielleicht eher als Kritik.

    Wenn ich weiß, dass es im Kurs gut läuft, ist die Umfrage eine schöne Bestätigung. Spannend wird es dann, wenn ich das Gefühl habe, dass es nicht so rund läuft – da gab es dann schon wirklich konstruktive Kritik, aber auch den Fall, dass aus den Antworten deutlich wurde, dass zwar nicht alles optimal war, aber mein „Bemühen“ um die Klasse anerkannt wurde.

    Sehr spannend war für mich auch der direkte Vergleich von Parallelkursen bzw. die „Langzeitstudie“ – seit einigen Jahren bin ich jedes Jahr im gleichen Differenzierungskurs eingesetzt, da lohnt sich der Vergleich und es wird auch eine Entwicklung deutlich.

  6. Stephan says:

    Danke für den Blog-Beitrag! Spannend zu lesen.

    Ich unterrichte in einer Berufsfachschule Fachunterricht. Das ist also nicht ganz das gleiche Business, aber doch auch sehr ähnlich.

    Am Ende jedes Semesters lasse ich einen Online-Fragebogen ausfüllen, der aber nicht anonym ist. Es geht mir darum, die Meinungen der Lernenden abzuholen bzw. mit gewissen Fragen zur Selbstreflektion anzuregen. Das ist für mich insofern wichtig, dass sie ja ihre Meinungen und Gefühle damit zum Ausdruck bringen. Die sind ja echt 🙂 Um dein Beispiel mit deiner Tochter und dem Gemüse-/Schokoladedilemma aufzugreifen, merke ich an den Antworten der Lernenden auch, wie gut es mir gelungen ist, die Lernvorgänge, -erfolge, -gedanken transparent zu machen. Das spornt mich immer wieder auch an, mal mit den Lernenden zusammen die Meta-Ebene zu betreten. Aber natürlich wollen auch gerne meine Lernenden lieber einfach zuhören, als selber arbeiten. Und zu allem Ärger kommt noch dazu, dass sie im Selbsterarbeiten meine Leistung nicht sehen 🙂

    Und auf gewisse Bemerkungen im Freitext gehe ich gerne in einem Zweiergespräch ein, das sind sehr gute Gespräche.

    Grüsse
    Stephan

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