Elternsprechtag (& Mathematik mit Glasknochen)

Donnerstag war Elternsprechtag. Bis Mittags haben wir regulär Unterricht und nachmittags bis abends dann im 10-Minuten-Takt Gespräche mit den Eltern. Für einige Kollegen bedeutet das, von morgens 8 bis abends 20 Uhr ununterbrochen zu reden, zuzuhören und im Gespräch zu sein.
Je nach Disziplin und Redebedarf werden die Takte mehr schlecht als recht eingehalten, es entstehen Schlangen und die Stimmung sinkt.

Aber genug des Lamentierens! Ich liebe Elternsprechtage! Wirklich wahr! Meine Klasse hat sich arg viel Mühe gemacht, unser Klassenzimmer aufzuräumen (und im Übereifer sogar den OHP völlig zerlegt und geputzt..), meine neue Co war gut gelaunt und so stand

einem entspannten Nachmittag nicht mehr viel im Wege.
2013-04-15 10.03.16Ich habe ein Auge darauf, dass alle Kollegen, die in meiner Klasse unterrichten, großen Wert auf Disziplin legen und an diesem Nachmittag durfte ich die Früchte dieser Arbeit ernten: Die Eltern waren fast ausnahmslos dankbar und zufrieden mit der Schule und dem Kollegium. Gefreut haben sie sich über unsere Filme zur Müllsituation an unserer Schule.

Obwohl wir ununterbrochen im Gespräch sind, haben wir uns etwas mehr Zeit für die Situation meiner Glasknochen-Zwillinge genommen. Nach einem dreiviertel-Jahr sind alle Beteiligten rundherum zufrieden. Die Mädchen entwickeln sich toll und das Zusammenspiel zwischen Eltern, Lehrern, Intergrationshelferinnen und Förderlehrern klappt erstaunlich reibungslos.
Im vergangenen Jahr habe ich gelernt, dass Rollstuhlkinder auffällig oft eine Mathematik-Schwäche aufweisen. Das mag daran liegen, dass eine Behinderung, die im Kleinkindalter beim Krabbeln einschränkt (also z.B. Lähmung, Glasknochen oder auch zeitlich begrenzte Krankheiten), verhindert, dass man ein räumliches Vorstellungsvermögen entwickelt. Also: In einem Alter, da gesunde Kinder rumkrabbeln, gegen Wände laufen und Legosteine in den Mund nehmen, müssen Glasknochenkinder an all dem gehindert werden, um sich nicht zu verletzen. Entsprechend ist Mathematik ein selten angekreuztes Lieblingsfach unter Betroffenen. Meine Arbeit mit den Lerntheken in diesem Fach ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn. Mir ist eine enorme Differenzierung möglich, um auch den Granaten der Klasse gerecht zu werden und hier können Eltern und Förderlehrer nahtlos mit meinem Material weiterarbeiten.
2013-04-30 08.30.53Für die Eltern äußerst belastend ist der Ausblick auf die Zukunft: Die Stadt hat den Zwillingen erst mal nur für zwei Jahre die Schulerlaubnis erteilt. Ohne Aufzug ist es unmöglich, in die oberen Fachräume zu gelangen und die Stadt ist wenig motiviert, einen bauen zu lassen.
Bisher werden Rollstühle und Tische von den Mitschülern in die entsprechenden Räume getragen. Erstaunlicherweise haben auch die größten Rabauken der Klasse in diesem Punkt vom ersten Tag an ein enormes Sozialverhalten an den Tag gelegt. Und wenn sie noch so viel Unsinn im Kopf haben – wenn es darum geht, die angepassten Tische in die Chemieräume zu tragen, sind sie augenblicklich dabei.

Zwischendurch gab es auch amüsante Gespräche. Es passiert immer wieder, dass Eltern Informationen über andere Lehrer haben wollen. “Was is’n das für einer?”, wird dann manchmal gefragt. Und während ich noch verblüfft nach einer Antwort suchte, antwortete meine neue Co spitz: “Ach.. der riecht morgens schon etwas nach Alkohol.. wir sind uns da auch unsicher!”
Hat sie natürlich nicht dort gesagt, sondern mir danach. Aber sie hat sich innerlich gefragt, ob unser Gegenüber nicht so eine Antwort erwartete. Denn während ich immer noch schwieg, wurde weiter nachgebohrt: “Ist der gut? Taugt der was?”
Ich musste zu diesem Zeitpunkt wirklich an mich halten, die Contenance zu bewahren und empfahl, betreffenden Kollegen doch direkt aufzusuchen. Das war schon arg an der Grenze aber eine Ausnahme.

Positiv war jedoch, dass ausnahmslos alle Eltern ihre volle Unterstützung signalisierten. Sie brachten uns volles Vertrauen entgegen und ich kann nicht oft genug wiederholen, wie wichtig das ist. Wenn die Kinder es schaffen, Eltern und Lehrer gegeneinander auszuspielen (“Ne, dass ist ja wirklich unmöglich vom Herrn Klinge. Diese Hausaufgabe musst du nicht machen!”), dann haben wir verloren. Dann beginnt eine “wenn Papa es verbietet, frage ich halt Mama”-Situation, in der letzten Endes das Kind verliert.
Also… bitte! Liebe Eltern, vertraut den Lehrern eurer Kinder. Wir haben oft genug einen Grund für das, was wir tun. Auch wenn die Kinder es anders sehen. Fragt nach, erkundigt euch – aber bitte fallt uns nicht in den Rücken. So doof sind wir nicht. Versprochen! Smiley

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