Inklusion im Hühnerkäfig

12. Oktober 2013 11 Von Jan-Martin Klinge

Über den Lehrerfreund wurde ich auf eine ganz spannende Dokumentation des WDR aufmerksam gemacht: Ein Kamerateam hat die “Offene Schule Köln” ein Jahr lang besucht und den Werdegang der Schule gezeichnet. Hier der Link zum Videobericht (45 Minuten).  Man kann den engagierten Eltern und Lehrern gar nicht genug Hochachtung für ihre Leistung entgegenbringen.
Die Einbindung von Menschen mit verschiedenen Behinderungen und Lernstörungen in den normalen Schulalltag ist eine ganz gewaltige Herausforderung, die diese Schule anscheinend sehr gut meistert. Die Lehrer arbeiten sehr differenziert und ganz viel mit offenen Unterrichtsformen – mehr noch als ich das mit meinen Lerntheken schaffe. Ein wichtiger Faktor wird in dem Bericht angesprochen: Inklusion zum Nulltarif gibt es nicht.

Zwei Bilder können das verdeutlichen. Zunächst eines aus der Dokumentation.

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Und nun eines aus meinem Klassenraum:

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Auch ich arbeite gerne mit offenen Unterrichtsformen. Auch bei mir bilden sich dann 2er und 3er-Grüppchen von Schülern, die sich im Raum verteilen und lernen. Aber ich habe für 28+3 Personen nur knapp 100m² zur Verfügung. Zieht man noch den Platz für Heizung, Schränke, Tafel und Tische ab, bleiben nur wenige Quadratmeter übrig, in denen sich die Schüler frei bewegen können. Die Problematik, auf diesem engen Feld mit Rollstühlen klarkommen zu müssen, lasse ich mal außen vor.

Ich möchte mich gar nicht beschweren. Wie sacht der Kölner? Es gibt nicht zu eng, es gibt nur gemütlich!
Aber ich habe auch disziplinierte Kinder – selbst meine Chaotenjungs sind eigentlich brave Sonntagsschüler. Sitzen in solch engen Verhältnissen aber verhaltensauffällige oder gewalttätige Kinder, dann kann das nicht gut ausgehen. Trotzdem werden – über kurz oder lang – auch diese Kinder mit in solche Hühnerkäfige gesteckt, in der Hoffnung, es würde schon irgendwie hinhauen.
Eine Lösung dafür gibt es aber nicht: Man kann in unserer Schule weder die Klassenräume vergrößern, noch ernsthaft diskutieren die Schülerzahl zu halbieren um mehr Platz zu schaffen.

Wohin wird das führen?

Zwei Diskussionen werden in diesem Land geführt: Ein Leistungsvergleich zwischen den Ländern hat gezeigt, dass die Fach-Kollegen aus dem Osten scheinbar besser ausgebildet sind – ich muss mich also fachlich fortbilden. Gleichzeitig muss ich nicht nur die besten Schüler besser machen, sondern auch die einbinden, die nicht ins Raster passen – ich muss also eigentlich auch eine sonderpädagogische Fortbildung machen, um zu wissen wie ich Kinder mit  sensorischen Störungen in Mathematik fördere oder gewalttätige Kinder bändige und außerdem die Kinder und Eltern in der Mitte nicht vergesse. Alles auf 100m².

Lehrersein ist wirklich ein spannender Beruf.