MINT on Tour

13. März 2014 13 Von Jan-Martin Klinge

20140311_090856Die Universität Siegen hat ein Projekt gestartet, um “junge Menschen für die MINT-Fächer zu begeistern”. Dabei kommen Lehramts-Studenten drei Tage lang an die Schulen und betreuen jeweils 20 Schülerinnen und Schüler der 7. Klasse um mit ihnen zu experimentieren und zu…

…helfen, die physikalischen oder chemischen Hintergründe zu verstehen oder selber zu entdecken.

(Siegener Zeitung)

Der Dekan der Fakultät IV setzt auf eine “multiplizierende Wirkung” des Projekts. Die Schüler sollen ihre Begeisterung aus dem Unterricht mit nach Hause nehmen und dort auch die Eltern und Geschwister “anstecken”.

Das sind hehre Ziele.
Die Wirtschaft lechzt nach ausgebildeten Naturwissenschaftlern, die Berufsaussichten für Chemiker und Physiker sind großartig. Viele Eltern finden solche Aktionen gut. Für die Schule ist es Auszeichnung und Werbung, mit der großen Schwester “Universität” zusammenarbeiten zu dürfen und die Schüler freuen sich immer über Projekttage.

Also alles gut?

Nein.

(An dieser Stelle sollte ich sehr deutlich betonen, dass dieser Eintrag nur meine Meinung darstellt, die nicht repräsentativ ist und nicht die Meinung der Schule ist!)

Ganz zu Beginn stellte sich die Professorin den Schülern vor und fragte, wer denn Physik scheußlich fände. Zwei, drei Hände gingen hoch – die meisten finden das Fach okay. Wer denn Chemie scheußlich fände. Hat noch niemand. Und Mathematik? Wieder meldet sich nur eine kleine Minderheit. Die meisten gehen gerne zur Schule und mögen die Fächer auch. Ein unerwartetes Ergebnis – also erzählt sie, wie furchtbar sie besagte Fächer früher gefunden hätte. Danach ein Vortrag über die Vorzüge der Wissenschaft und die Forschung an der Universität (“…wir könnten dann die Energie von 1013 Autos einsparen”), gefolgt von dem Apell an die Kinder, später nicht einen Beruf auszuwählen, der Spaß mache, sondern einen, mit dem man Geld verdienen könne. Zum Beispiel Chemiker. Die Schüler verstehen kein Wort.

Ich atme an dieser Stelle tief durch.

Während der drei Tage saß ich als stummer Beobachter bei einer Projektklasse und habe mir angeschaut, wie die Schüler Stunde um Stunde z.B. eine Schütteltaschenlampe gebaut haben. Die funktioniert, weil sich ein mit Gummibändern fixierter Magnet im Inneren eines Pappröhrchens durch einen außen zu einer Spule aufgewickelten Draht bewegt und dabei einen Strom induziert.

Bitte was?

Spielt keine Rolle – denn wie die Taschenlampe funktioniert, wird mit keinem Wort erklärt. Es wird nur gebastelt. Schritt für Schritt für Schritt. Ohne Sinn und Verstand. Die Studenten erzählen mir, dass sich einzelne Schulen in der Vergangenheit beschwert hätten, wenn zu viel Theorie gemacht worden sei. Man wolle nur noch experimentieren.

Hm.

Auch in dem Begleitheft wird nichts erklärt. Dort findet man statt dessen den Sprung vom historischen wir-legen-Strom-an-Froschschenkel-an zu Halbleiterkristallen – auf weniger als vier Seiten. Kristallstruktur. Valenzelektronen.

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Hm.

Am Ende bleiben für die Schüler drei unterrichtsfreie Projekttage. Sie haben gebastelt und experimentiert  und im Feedback an die Studenten äußern sie, dass allen die drei Tage Spaß gemacht haben.

Das Ziel der Aktion, Kinder für die MINT-Fächer zu begeistern, ist aber (in meinen Augen) völlig verfehlt. Denn die Schüler haben nichts gelernt. Gar nichts. Sie haben gebastelt. Schütteltaschenlampen und Teelichtboote. Und Aufwindturbinen (die einige Schüler als meine tibetischen Gedankenräder wiedererkennen). Das alles hat nicht viel mit dem naturwissenschaftlichen Unterricht zu tun, in dem ich bestimmte Inhalte in vorgegebener Zeit durcharbeiten muss. Und es hat noch viel weniger mit dem Physikstudium an der Uni zu tun. Es ist wie fernsehgucken: man schaut und staunt und hat keine Ahnung. (Vielleicht lief das in den anderen Gruppen besser?)

Die Siegener Zeitung titelt “Lehrerbildung muss sich ändern” – und da bin ich absolut einverstanden. Aber sie muss sich nicht zu lustigen Basteltagen hin verändern, sondern zum normalen Schulalltag. Zum Ende hin werden die Schüler gelangweilter und mutiger. Die Zahl der frechen unverschämten Sprüche häuft sich. Die Studenten müssten lernen, mit Unterrichtsstörung umzugehen. Mit ätzenden Zwischenrufen. Mit Kindern, die ihre Autorität untergraben. Und sie müssten etwas von “Phasenwechsel” verstehen – man kann nicht von 8 bis 13 Uhr basteln experimentieren. Es bräuchte eine methodische und didaktische und inhaltliche Begleitung.

Ich bin fest davon überzeugt, dass man begeisternden, großartigen Physikunterricht machen kann. Mit Experimenten. Mit Theorie. Mit Aha-Effekten. Mit Partner- und Gruppenarbeit. Mit Stationen und Lehrervorträgen. Und mit Schülern, die sich später gern an den naturwissenschaftlichen Unterricht erinnern. Fragt mal meinen alten Physiklehrer. Oder Martin Kramer vom Uhland-Gymnasium in Tübingen, dessen Bücher ich jedem Physiklehrer empfehlen kann.

Es geht.

Nur nicht so.