Digitalisierung der Schule “von unten”

Digitalisierung der Schule “von unten”

30. Oktober 2017 19 Von Jan-Martin Klinge

Im Sommer habe ich mit meiner 11jährigen Tochter ein Experiment gestartet: Wir wollten die Schule “von unten” heraus digitalisieren. Dazu verbrannte ich alle ihre Schulhefte in einem feierlichen Akt und kaufte ihr ein gebrauchtes “Samsung Galaxy Note 10.1”, das man mit einem Stift bekritzeln kann. Mit selbigem Tablet hat Carolina seit den Sommerferien als Heftersatz ihren Schulalltag gemeistert – an einer regulären Schule ohne iPad-Klassen und ohne Schüler-Wifi.

Die erste Hürde – eine offizielle Erlaubnis – war recht schnell gemeistert: Carolina bequatschte der Reihe nach alle Lehrer und bat um den Segen, erwähnte dabei den Pilotcharakter des Projekts und versicherte, alle anderen Lehrer hätten auch schon zugestimmt. “Na, wenn alle anderen Lehrer das auch erlauben, kannst du das bei mir auch machen.”

Nun sind einige Wochen vergangen ist es ist Zeit, die Sache kritisch zu betrachten. Einige Fragen kamen von euch und ich möchte sie gerne hier aufgreifen:

  • Schreibt sie am Tablet wirklich schneller als auf Papier?

  • Ist die Qualität des digitalen Aufschriebs besser/schlechter/vergleichbar mit dem bisherigen Aufschrieb in Heften?

  • Wie sieht es mit geometrischen Konstruktionen im Mathematik- oder Physikunterricht aus?

  • Wie geht sie mit ausgeteilten Arbeitsblättern in Papierform um?

  • Arbeitet sie in der Schule im Flugmodus, so dass Ablenkungen digitaler Art außen vor bleiben?

  • Erstellt sie ein regelmäßiges Backup ihrer Mitschriebe?

Carolinas Schule ist der Teilstandort einer ländlichen Gesamtschule, der die Jahrgänge 5-7 umfasst. Dort sind Handys verboten. Es gibt keine iPad-Klasse und entsprechend auch kein Schüler-WiFi. Der Tablet muss entsprechend ohne Internet auskommen. Bei der genutzten Software handelt es sich um Microsoft OneNote, das für Android-Tablets kostenlos erhältlich ist und keinerlei Beschränkungen der Dateigröße oder Synchronisierung aufweist.

Die ersten Schulwochen fand meine Tochter anstrengend. Nicht so sehr wegen der Arbeit mit dem Tablet, sondern weil die Mitschüler ständig darauf herummalen und kritzeln wollten. Dies hat sich nach etwa einem Monat aber gegeben – inzwischen interessiert es niemanden mehr.
Das Schreiben auf dem Tablet sei zunächst gewöhnungsbedürftig, inzwischen spüre sie aber keinen Unterschied mehr zu einem normalen Blatt. Die Qualität des Aufschriebs ist in meinen Augen vergleichbar mit einem klassischen Heft – vielleicht sogar etwas besser, weil es keine Eselsohren und halb zerknitterte Blätter mehr gibt. Das wirkt aufgeräumter.

Im Fach Physik beschäftigt sie sich derzeit mit der Optik. Als extrem hilfreich hat sich erwiesen, dass sie Skizzen aus dem Unterricht im Nachhinein in Größe und Farbe verändern kann. Wo passend, kann sie außerdem Softwarelinien einfügen. Dies macht sie – wo nötig – nachträglich am Computer. Der Zirkel wird aktuell nicht genutzt – aber wenn, wird auf eine Mappe gewechselt werden müssen.

Blöd sind ausgeteilte Arbeitsblätter. Die Kamera des Tablets ist zu alt und schlecht, um sie bspw. mit “Office Lens” schnell einzuscannen. Daher führt sie eine Extra-Mappe mit all den Arbeitsblättern mit sich. Ein neuerer Tablet oder direkte Synchronisation mit dem Handy könnten dieses Problem aus der Welt schaffen.

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Außer OneNote und der Wikipedia ist auf dem Tablet nichts installiert. Carolina ist sich jedoch einerseits des Experimentcharakters des Projekts aber bewusst und hat kaum ein Interesse daran, dieses durch Spielereien zu gefährden – außerdem ist sie – platt gesagt – ein typisches Lehrerkind (s.a. bei Frau Henner): Schule macht ihr Spaß und sie lernt gerne. Ein Selbstläuferkind.

Nach nun zwei Monaten habe ich Carolina freigestellt, wieder auf ein Heft zu wechseln – so lange wollten wir das Experiment mindestens laufen lassen. Diesen Gedanken hat sie aber entschieden zurückgewiesen: “Auf keinen Fall – das ist mega!”

Aus elterlicher Perspektive beobachte ich einen enormen Kompetenzgewinn bei meiner Tochter. Die ersten Tage hatte sie stets Angst, dass der Tablet unvermittelt in der Stunde lospiepsen würde – mittlerweile beherrscht sie die Technik und weiß genau, was sie tut. Sie wechselt nahtlos zwischen der Tablet- und der Desktop-Variante von OneNote hin und her. Sie experimentiert mit ‘Tags’ und ‘Überschriften’ und hat jetzt in den Ferien begonnen, ihre Schullektüre in OneNote kapitelweise zusammenzufassen (freiwillig).
Carolina merkt, wie sie an Fähigkeiten dazugewinnt und dieses Wachstum macht ihr sichtlich Spaß (und mir auch!).

Aus Lehrerperspektive sehe ich die Sache differenzierter. Analog zum Ausspruch Günther Jauchs, Fernsehen mache kluge Leute klüger und dumme Leute dümmer, würde ich über den Einsatz des Tablets sagen: “Ein Tablet als Heftersatz macht leistungsstarke Kinder stärker und leistungsschwache schwächer”. Die Gefahr der Ablenkung ist sicher gegeben und es dauert ein paar Wochen, bis man sich eingearbeitet und an das digitale Arbeiten gewöhnt hat. Sollte Carolina den Spaß an der Sache nicht verlieren kann man sich – perspektivisch – den Unterschied zwischen einem Kind, das jahrelang mit digitalen Werkzeugen umgeht und solchen, die das nicht tun, leicht vor Augen führen.

Zusammenfassend kann man sagen: Experiment geglückt, Nachahmen wird empfohlen.

Nachtrag: Was sind die Ziele des ganzen gewesen? Zum einen möchte ich, dass meine Tochter sich besser mit digitalen Medien auskennt. Kompetenzzuwachs. Außerdem betrachte ich es als guten Nebeneffekt, dass sich ihre (meine) Schule schonmal sanft an zukünftige iPad-Klassen gewöhnen kann. Wie ist das, wenn ein Schüler plötzlich mit Tablet dasitzt? Eine Schülerin ist da nicht so beängstigend, wie eine ganze Klasse. Zudem stoßen wir womöglich auf Probleme / Hürden, die zukünftig ausgeräumt werden können.