Ich unterrichte seit zehn Jahren das Fach Arbeitslehre: Technik. Darunter kann man sich eine Art „Einführung in die Handwerksberufe“ vorstellen. Man arbeitet mit vielen Werkzeugen in einer Werkstatt und beschäftigt sich mit Papier, Holz, Metall oder Kunststoff. Vieles davon habe ich schon einige Male gemacht und bin, ehrlicherweise, etwas gelangweilt.

Mit meinem 9er Technikkurs habe ich noch zwei Jahre Unterricht vor der Brust. Alle Inhalte stehen aktuell unter dem Vorbehalt, durch mögliche Schulschließungen und Quarantäne-Fälle immer wieder torpediert zu werden. Da passt es gut, wenn ich auf den aktuellen „Projektunterrichtszug“ aufspringe und mal etwas völlig neues probiere.

Wir haben bei uns einen Innenhof, der vor vielen Jahren einmal einen gepflegten Schulgarten beheimatet hat, inzwischen aber völlig verwuchert ist.

„Dieser Platz“, erkläre ich meinen 9ern, „gehört mir. Ich kann damit machen, was ich will!“

Großes Staunen. Und sofort erste Ideen, was man daraus machen könne: Einen Grillplatz, eine  Chill-Area, eine Treppe auf das Dach der Schule (und klar: auch der pubertäre Vorschlag, dort verbotene Kräuter anzubauen). Als ich den Bau eines Hühnerhauses vorschlage, ernte ich im ersten Moment skeptische Blicke, nach etwas Grübeln begeistern sich die Schüler1 aber doch dafür.

Natürlich, Thema und Richtung des Projekts sind von mir vorgegeben – das ist nicht ganz optimal aber im Rahmen meines Unterrichts aktuell sinnvoll. Was aber genau ein Projekt ist, was von ihnen erwartet wird – das müssen wir gemeinsam herausfinden.

In einem Brainstorming sammeln wir zunächst alle Ideen und Aspekte, die uns zu dem Projekt einfallen: Materialien, Kosten, Umzäunung, Tierhaltung, Rohbau, Feinarbeiten, …

Wir stellen fest, dass unser großes Vorhaben, ein Hühnerhaus im Innenhof zu bauen, aus ganz vielen kleineren Projekten besteht: Das Material muss beschafft und dafür vielleicht Sponsoren gefunden werden, wir müssen uns überlegen, ob das Haus aus Stein, Metall, Holz oder einer Mischung gebaut wird. Wie soll es überhaupt aussehen?

Anschließend sollte sich jeder Schüler gedanklich mit einem Teilaspekt anfreunden und drei Fragen schriftlich beantworten:

  • Das stelle ich mir als Höhepunkt meiner Arbeit vor:
  • Ein Aspekt, auf den ich mich bei dem Projekt freue, ist:
  • Schwierigkeiten sehe ich bei folgenden Aspekten:

Als Rechercheaufgabe über das Wochenende sollen alle im Internet nach kreativen Hühnerhäusern suchen und die Bilder davon online in unserer Kommunikationsplattform (Microsoft Teams) sammeln. Doch noch am gleichen Tag finde ich dort erste Bilder. Ein Schüler hat anstelle ergoogelter Bilder rasch das 3D-Modell eines eigenen Hühnerhauses entworfen:

Hühnerhaus

Das ganze Projekt bewegt sich in eine ganz spannende Richtung und ich werde es hier auf dem Blog intensiv begleiten.

Mit welcher Normalität meine Schülerinnen und Schüler mittlerweile digitale Medien nutzen, um von passiven Rezipienten zu aktiven Produzenten von Inhalten zu werden, begeistert mich maßlos. Den 3D-Createur werde ich bitten, dem Kurs eine kurze Einführung in das Programm zu gewähren.

Auf einer Meta-Ebene betrachtet möchte ich bei den Kindern Problemlösestrategien fördern und ein gewisses Durchhaltevermögen trainieren. Es geht um strategisches Planen und kooperatives Arbeiten. Um Verantwortung und Absprachen, die eingehalten werden müssen. Es geht um Kreativität und die Nutzung moderner Medien und handwerklicher Werkzeuge. Und natürlich um viel Fachwissen: Wie gieße ich ein Fundament? Wie sorge ich dafür, dass das Dach hält?

Aus Unterrichtsperspektive (und der Frage der Bewertung) geht es natürlich um aktive Mitarbeit. Aber auch um ein sorgfältig geführtes Portfolio als Orientierungshilfe: Hat man sich am Anfang noch vorgenommen, den Zaun mit zahlreichen Feen und Kobolden zu schmücken, kommt man später vielleicht auf den Trichter, dass das arg aufwändig ist und entscheidet sich um. Diese Entwicklung soll schriftlich begleitet werden und ich nutze dazu zahlreiche vorbereitete Formulare. Außerdem gibt es regelmäßige Projektgespräche, die sich auf die Teilprojekte beziehen. Auch die werden intensiv vorbereitet und treten an die Stelle einer Klassenarbeit. Im Vordergrund stehen regelmäßiges Feedback, ständige Überarbeitung der Arbeit und der lange Atem, ein Projekt über mehrere Monate zu verfolgen.

Mehr zu Projektunterricht findet sich hier auf dem Blog und hier in meinem Buch.

1: Der Kurs besteht nur aus Schülern, nicht aus Schülerinnen.