Besinnungsaufsatz vs. Strafarbeit²

30. November 2012 9 Von Jan-Martin Klinge

Wie reagiert ihr, wenn der Nachbarsjunge bei euch Klingelmäuschen spielt und ihr ihn auf frischer Tat ertappt?

Diese – für uns Lehrer beinahe alltägliche – Situation diskutierten wir neulich während unserer großzügigen Kaffeepause spärlichen Wechselpause. Immer wieder klopfen vorwitzige Schüler an die Tür und rennen dann weg. Wie geht man damit um, wenn man sie erwischt?

Über Strafen habe ich mich schon einige Male ausgelassen, denn die Sache ist leider vielschichtiger, als man zunächst annehmen darf. Geht es hierbei doch nicht nur um die Beziehung Lehrer-Schüler – sondern auch um die Eltern, die womöglich nachmittags empört anrufen, um sich zu beschweren. Es herrschte Uneinigkeit im Land. Der Flensburger Uni-Professor Walter Spiess plädiert dafür, auf Strafen komplett zu verzichten. Vor einiger Zeit habe ich einen alten Ministerialerlass hier eingestellt, auf dem penibel aufgeführt wurde, wie viele Stockhiebe es für welches Vergehen gibt.
Auch meine Kollegen (die in großer Furcht davor leben, hier bloßgestellt zu werden) sehen das unterschiedlich. bart-simpson-generatorMausezähnchen77 ist eher pragmatisch: “Wer was Dämliches tut, darf auch mit einer dämlichen Strafe rechnen. Also 50 Mal aufschreiben ‘Ich soll den Unterricht anderer Klassen nicht stören.’”
Knuddelbär tendiert eher zum Besinnungsaufsatz. Thema: “Was habe ich falsch gemacht und wie mache ich es in Zukunft besser!” Die Kinder sollen schließlich nicht bestraft werden, sondern etwas fürs Leben lernen. “Unsinn”, kontert Mausezähnchen77, “die wissen ganz genau, dass das falsch ist.”
Ich, Zauberhasi81, halte mich zurück. An unserem Lehrertisch darf ich als Zauberhasi Physiker sowieso nur zur Probe sitzen, da bin ich besser still. Ich versprach jedoch, dass Problem hier zu erörtern.

Ich habe schon beides als Sonderaufgabe vergeben, jeweils abhängig von der Situation und dem betreffenden Schüler. Für die Aufsätze spricht, dass da manchmal was Schönes bei rausspringt, so wie hier. Aber eigentlich tendiere ich eher zu einer dämlichen Schreibarbeit. Die Schüler wissen ihr eigenes Fehlverhalten meist ganz genau einzuschätzen. Das läuft dann auch meist ziemlich sachlich ab: Der Schüler hat Mist gebaut, jetzt muss er dafür gerade stehen und die Sache ausbügeln. Also z.B. irgendwelche Verhaltensregeln abschreiben. Danach ist die Sache aber auch vorbei.

Und ihr so? Besinnungsaufsatz oder Strafarbeit?

² Ich weiß, ich weiß: Man darf keine Strafarbeiten verteilen. Höchstens “erzieherische Maßnahmen”. Es gibt auch kein Nachsitzen, sondern nur Nacharbeiten. Glaubt mir – dem Schüler ist es egal, wie das Pferd heißt.