Dieses Schuljahr habe ich mit einer neuen, fünften Klasse angefangen. Anfang der Sommerferien hat sich meine Co-Klassenlehrerin (wir sind immer zu zweit gesteckt) mit mir getroffen und wir haben grob unsere Ideen für das neue Jahr abgesteckt. „Sag mal“, meinte sie, „was hältst du von der Idee, das Lehrerpult rauszuwerfen und von einer zur Tafel ausgerichteten Sitzordnung wegzukommen?“

Im Nu hatten wir alle Tische in einem großen Kreis angeordnet – mit den Stühlen innen und der Blickrichtung nach außen. Im Klassenraum in der Mitte plötzlich eine große, leere Fläche.

„Hm.“ meinte ich. „Hm.“, meinte meine Co.

Je mehr sich die Ferien dem Ende zuneigten und der erste Schultag heranrückte, desto unruhiger wurde ich. Hin und wieder brauche ich die Tafel ja schon, denke ich und Teile der Klasse gucken gegen die Wand, andere aus dem Fenster. Hmmmm.

Ich habe das Lehrerpult rausgeworfen. 1

Wir wollten uns einige Tage geben, um die Sitzordnung auszuprobieren und überrascht stelle ich fest, wie schwer es mir fällt, von althergebrachten Denkmustern abzuweichen. In den ersten Tagen hat die Sitzordnung gewaltige Vorteile: Wir sitzen praktisch immer in einem großen Sitzkreis. Diskussionen und Erzählungen können augenblicklich geführt werden und jeder sieht jeden. Am Ende der Tage habe ich viel mehr Schritte gemacht, stehe viel öfter zentral im Raum und wandere umher. Das gefällt mir sehr.

Der pädagogische Stein der Weisen!, denke ich triumphierend. Bei einer Auswertungsrunde melden sich einige Kinder. „Joa, in der Grundschule saßen wir zwischendurch auch so. Das änderte sich immer wieder mal.“ Wie immer – es braucht einige Jahre, bis die Veränderungen aus der Grundschule in den weiterführenden Schulen ankommen und dann gefeiert werden.

Die ersten Tage mit den Kindern sind brutal anstrengend und gleichzeitig erfüllend. Die Kinder strahlen zu weiten Teilen Neugierde und Lust auf Schule aus, sind gespannt auf die neuen Lehrkräfte und Fächer. Gleichzeitig ist die Einrichtung der Tablets, das Erklären von Abläufen ungewohnt aufwändig. Klar – die sind neu!

Zwischen den ersten Unterrichtssequenzen starten meine Co und ich mit pädagogischen Spielen. Heute ein recht bekanntes: Die Kinder balancieren einen Zollstock Gliedermaßstab auf ihren Fingern und sollen ihn auf dem Boden ablegen. Völlig simple Übung, die ein ums andere Mal scheitert. Die Kinder sind frustriert und genervt. „Das ist wie bei dem Bild, dass Sie uns gezeigt haben“, erklärt eine Schülerin.

Und genau so ist es: Ich will die Kinder ärgern, herausfordern, frustrieren. Und sie sollen lernen, diese Hürden zu besiegen, zusammenzuarbeiten und sich dem Frust nicht hinzugeben. Das fällt einigen schwer, den meisten aber überraschend leicht. Immer wieder werden die Ärmel hochgekrempelt. Wir lernen: Wenn es leise ist, geht es besser. Wenn man einander zuhört, geht es besser. Wenn man nicht aufgibt, geht es besser. Immer wieder besprechen wir im Sitzkreis den Fortschritt. Die Klasse benennt einen Schüler zum Taktgeber – und tatsächlich: In den letzten Minuten des Schultags gelingt es, den Stab abzulegen. Großer Jubel, Erfolgserlebnis.

Ich mag diese Sitzordnung ohne Lehrerpult mehr und mehr. Es entspricht meinem Unterricht: Wenig instruktiv, viel kooperativ.


Ich habe das Lehrerpult rausgeworfen. 2Noch mehr Informationen zu diesem Thema und zahlreiche Spiele und Übungen, um deine eigene Rolle und die Team-Fähigkeit deiner Schüler:innen zu stärken findest du in meinem Buch „Klasse(n) stärken – 86 Team-Spiele für die Schule„, erhältlich bei Amazon.