Die Corona-Krise hat alte Strukturen aufgebrochen und schulisch viel durcheinandergewirbelt. Das bietet auch die Chance, Schule nachhaltig zu verändern. In dieser Artikelreihe beschreibe ich, wie meine Schule diesen Transformationsprozess angeht. Die ersten vier Teile findest du eins, zwei, drei und vier.

Wenn eine Schulleitung den Stundenplan erstellt, dann muss sie zahlreiche Vorschriften befolgen: Eine Klasse muss soundsoviele Stunden Mathematik bekommen und soundsoviele Stunden Sport und so weiter. Das wird auf einer sogenannten Stundentafel festgehalten, die jeder Planung zugrunde liegt.

Schulentwicklung: Werkstattunterricht #5 1

Entscheidend sind die Freiräume, die einem das System lässt: In der Mittelstufe (Klassen 7-10) müssen alle Schüler:innen 2-3 Stunden Hauswirtschaftsunterricht erteilt bekommen. Aber ob sie das doppelstündig in der 7 machen oder jeweils einstündig in den Klassen 8-10 ist jeder Schule selbst überlassen.

Von diesen Möglichkeiten gibt es einige: Es ist bspw. nicht vorgeschrieben, dass ein Kind x Stunden Kunst- und y Stunden Musikunterricht haben muss – aber es muss eine feste Anzahl an Stunden aus dem „künstlerisch oder musischen Bereich“ erhalten. An diesem Punkt setzen unsere „Werkstätten“ an.

Werkstattunterricht

Ein einfaches Beispiel zum Verständnis:
In jeder Klasse gibt es einige Kinder mit Interesse an klassischer Musik und anderen mit Fokus auf HipHop. Außerdem gibt es eine Gruppe, die sich für perspektivisches Zeichnen begeistert und eine weitere, die Aquarellmalen wertschätzt.
Normalerweise bekommt die eine Klasse Frau Müller vorgesetzt und die macht HipHop und die andere Klasse Herrn Meier, der Kunstwerkte mit Aquarellfarben erstellen lässt. Beides stößt auf Begeisterung und entnervtes Stöhnen.

Wenn die Kinder nun die Wahl hätten, könnte man mehrere Kurse anbieten: Jene, die sich für HipHop begeistern, wählen HipHop. Jene, die sich mit perspektivischem Zeichnen auseinandersetzen wollen, wählen dies. Damit die Kurse groß genug sind, werden sie jahrgangsstufenübergreifend zusammengesetzt, d.h. 5 und 6 können in gemeinsame Werkstätten, 7 und 8 genauso wie 9 und 10.

An verschiedenen Stellen können solche Werkstätten realisiert werden
„Kultur“ vereinigt die Fächer Kunst und Musik. Die Werkstatt „Gemeinschaft“ beinhaltet die Fächer Religion, Ethik und Praktische Philosophie: Lust auf „katholische Heilige des 7. Jahrhunderts“? Cool – Herr Erasmus bietet eine Werkstatt in der 7/8 dazu an. Auch Sport-Werkstätten sind möglich: Bock auf rhythmische Tanzgymnastik oder eher Feldhockey?

Gedanken im Hintergrund

WerkstattOft genug müssen sich Schüler:innen durch Fächer quälen, die sie als Zeitverschwendung empfinden. Eine Wahlmöglichkeit – wo möglich – bietet Kindern die Möglichkeit, den Stundenplan ihren Neigungen entsprechend anzupassen. Das wird im Bereich „Wahlpflicht“ noch deutlicher (dazu später mehr).
An unserer Schule entstehen individuelle Bildungsbiographien – die Stundenpläne vieler Kinder werden sich voneinander unterscheiden.

Die Entwicklung wird auch für die Lehrenden positiv sein: Wenn in erster Linie Kinder im Kurs sind, die wirkliches Interesse an „Aquarellmalen“ haben, wenn nur solche dabei sind, die „rhythmische Tanzgymnastik“ lieben – dann verändert das die Atmosphäre eines Kurses.

Die Lehrpläne sind überdies an vielen Stellen nicht zuerst inhaltsorientiert, sondern kompetenzorientiert. Diese Kompetenzen kann man an unterschiedlichen Inhalten erwerben: Egal ob ich die Holz- oder die Metallwerkstatt wähle: Ich erlerne Materialkunde, kann mit Werkzeugen umgehen und lerne technische Zeichnungen zu lesen.

Durch die Lernbüros geben wir den Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung in die Hand, stellen Lernräume und -zeiten zur Verfügung und ermöglichen Ihnen mit den Projektstunden eine individuelle Vertiefung vorgegebener naturwissenschaftlicher und gesellschaftlicher Themen. Die Werkstätten gehen darüber hinaus und bieten neigungsspezifische Angebote, damit die Schüler:innen als den Platz erleben, der er sein soll: Ein lebensrelevanter Ort, der Lust macht aufs Lernen.

Ein Gedanke zu „Schulentwicklung: Werkstattunterricht #5“

  1. Ich lese immer wie man so schön sagt „mit großem Interesse“ die Beiträge zur Schulentwicklung. Viele Ideen hören sich wunderbar an und werden vielen Schülern sicher gut tun, allerdings habe ich gerade bei den Wahlmöglichkeiten bedenken:
    Ich bin meiner eigenen Schulzeit sehr dankbar für die Allgemeinbildung, die sie mir gegeben hat, auch wenn ich sie damals nicht immer mit offenen Armen empfangen habe. Mit anderen Worten, oft musste man mich zu etwas zwingen. Teilweise zu Dingen, die ich nie wieder gebraucht habe (z.B. Chemie), trotzdem bin ich heute sehr glücklich darüber, einige Grundlagen zu kennen; teilweise selbst zu Dingen, die ich heute liebe – ich habe (klassische) Musik studiert und es gibt kaum etwas, was mir für mich persönlich im Leben heute wichtiger ist, trotzdem habe ich das Fach Musik bis zur 9. Klasse gehasst und hätte es sofort abgewählt, wenn ich als Schüler die Chance gehabt hätte. Das lag auch nicht am Lehrer oder den konkreten Inhalten, ich war einfach noch nicht tief genug drin, um zu entdecken, was mich heute fasziniert. Später hatte ich dann beim selben Lehrer Musik Leistungskurs und würde die Entscheidung jederzeit wieder genauso treffen.
    Worauf ich hinaus will: Die Idee, den Stundenplan den eigenen Vorlieben anzupassen, hört sich gut an und im ersten Impuls würde ich das als Lehrer auch sofort unterstützen; auch viele der im Beitrag aufgezählten Vorteile erscheinen mir einsichtig, aber wenn ich genauer darüber nachdenke glaube ich nicht, dass man diese Freiheit „zu früh“ gewähren darf – zumindest mir hätte das enorm geschadet!

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