Zuckerbrot und Peitsche

9. Dezember 2011 8 Von Jan-Martin Klinge

IMAG0996

Wie für jede spezielle Berufsgruppe haben sich verschiedene Verlage auch auf uns Lehrer spezialisiert. Eine Vielzahl von Magazinen und Zeitschriften buhlt um unsere Aufmerksamkeit und nicht wenige bekommen wir als Werbeexemplar gratis auf den Tisch.

Einige sind ganz spannend, andere auch – aber auf andere Art.

Anfang der Woche lag die Zeitschrift “Forum Schule” auf meinem Platz mit dem großen Aufmacher “Zuckerbrot und Peitsche? – Sinnvolle Sanktionen in der Schule”.
Natürlich sind “Strafen” in der Schule ein ebenso heißes Thema, wie zum Beispiel Schläge in der Erziehung. Aber es ist auch etwas, dass uns Lehrer sofort anspricht. Als wir als Referendare angefangen haben, war die Frage nach dem Umgang mit Störungen die drängendste Frage eines jeden von uns. Klar: Der “neue Lehrer” muss erstmal getestet werden – was geht bei dem, was nicht?

Besonders interessant in der Zeitschrift ist meines Erachtens das Interview “Stärken statt Strafen” mit Walter Spiess. Er plädiert dafür, “…auf Strafen komplett zu verzichten. Lehrer könnten es schaffen, Schülern Respekt und Disziplin beizubringen, ohne sie zu Sündenböcken zu machen.” (S.11)
Interessantes Statement. Spiess verdeutlicht, wie er zum Beispiel über Gespräche Zugang zu gewaltbereiten Schülern suchen würde, um ihnen deutlich zu machen, wo ihr Fehlverhalten lag.

Hmm.

Irritierend finde ich hier, dass Professor Spiess kein Lehrer ist, sondern eben Professor. Und aus dem Hörsaal heraus scheint es mir leichter, pädagogische Grundsätze zu formulieren und Dogmen aufzustellen. Aber mit der Praxis hat das manchmal nichts zu tun.

Ich selbst betrachte Strafen auch nicht als rein negativ.
Natürlich wird bei mir kein Schüler vor den anderen gedemütigt oder muss hundertmal irgendeinen Quatsch an die Tafel schreiben. Aber immer wieder kommt es vor, dass einzelne Schüler “austesten”, wo meine Grenzen liegen. Einige wenige überschreiten sie und an dieser Stelle bin ich nicht der Typ Lehrer für aufklärende “Gespräche”. In den vergangenen zwei Jahren habe ich drei oder vier Schüler eine Stunde lang nachmittags nachsitzen versäumten Stoff nacharbeiten lassen und vielleicht vier weitere mit Aufsätzen über sinnvollen Umgang miteinander ‘bestraft’ (hier ein Beispiel). Fast ausnahmslos lag der Ursprung des Ärgers in Vertretungsstunden – also im Umgang mit Schülern, die mich aus dem regulären Unterricht nicht kennen und wo die größten Chaoten der Schule motiviert sind, meine Grenzen auszutesten.
Was haben die nun aus ihren Strafen gelernt?
In erster Linie, dass sie mir respektvoll begegnen müssen, denn sonst tut es weh. Sie – und vor allem alle anderen Mitschüler – wissen, dass ich klare Grenzen habe und durchaus bereit bin, mich jedem Ärger zu stellen.
Dadurch habe ich insgesamt so gut wie keine Disziplinschwierigkeiten. Weder in meinem Unterricht, noch außerhalb. Denn jeder weiß um die Konsequenzen.  Und das bringt mich dazu, einen sehr lockeren Unterrichtstil zu pflegen mit einem sehr großen Anteil an Freiarbeit. Die Schüler genießen nun, da meine Rolle als Lehrer nicht untergraben wird, große Freiheiten.

Was mich zurück zu dem Interview führt.

“Stärken statt Strafen”.
Ich würde behaupten: Durch Strafen kann ich Stärken.
Indem ich den Chaoten klare Grenzen aufzeige und ihnen u.U. durch schmerzhafte Lektionen (“Nacharbeit, Aufsatz, Hofdienst, …”) beibringe, sich mir und anderen gegenüber respektvoll zu verhalten, lernen sie Sozialverhalten. Im Lehrerjargon heißt das: Stärkung der Sozialkompetenz.
”Zuckerbrot und Peitsche” ist eine (niedrige) Form der Kommunikation miteinander und ich bin der Meinung, dass es Schüler und Situationen gibt, die man nur auf dieser Ebene erreichen bzw. lösen kann. Sobald ein gewisses Niveau an Verstand, Verhalten und Respekt vorhanden ist, braucht man meines Erachtens keine Strafen mehr – aber dieses Niveau findet sich vor allem im Hörsaal. Meistens in der Schule. Nicht immer in Vertretungsstunden in der Mittelstufe.

Oder nicht?