Handschrift vs. Computerverständnis

20141205_193309Meine Tochter schreibt gerne Geschichten. Seitenlang bekriegen sich Elben und Orks, erleben Mädchen Abenteuer auf dem Schulweg, befreunden sich Jungen mit Gespenstern aus der Tiefkühltruhe.
Sie hat sogar ellenlange “Abenteuerbücher” verfasst, in denen man am Ende des Kapitels wählen konnte, wie es weiterging und im entsprechenden Kapitel weiterlesen musste um zu erfahren, ob Legolas und Tauriel nun einander retten, oder nicht.

Zu schreiben ist – wie meine befreundeten Deutschkollegen immer sagen – die beste Art, schreiben zu lernen. Untersuchungen zeigen, dass sich Schreibschrift sehr gut einprägt, fast, als hätte die Hand ein eigenes Gedächtnis.
Im Zuge der Diskussion ob Informatik ein verpflichtendes Schulfach werden soll, denke auch ich manchmal über Carolinas (nicht vorhandene) Fähigkeiten am Computer nach: Geschichten zu schreiben wäre ein guter Einstieg in ein Textverarbeitungsprogramm. Sie würde quasi beiläufig die Begriffe “Laden” und “Speichern” verstehen und auch die Anordnung der Buchstaben auf der Tastatur erlernen.
Ihre Kenntnisse beschränken sich bisher darauf, Apps auf dem Handy zu de- bzw. installieren, neu anzuordnen und das Hintergrundbild zu verändern.

Wie man es auch dreht und wendet: Es gibt mehr Dinge zu lernen, als Zeit sie zu üben.

Handschrift oder Computer? Klavier oder Bogenschießen im Garten? Sportverein oder Kinotag?
Bedeutet “familiäre Förderung”, dass sie viel Zeit zum Lernen bekommt oder dass sie ihre Kindheit genießt? Und: Bedeutet “optimale Förderung” in der Schule, dass ich den Schülern möglichst viel Wissen vermittle oder, dass ich mit ihnen Ausflüge mache und das Leben lebe?

Enid Blyton–Relikt vergangener Zeiten.

Nachdem wir die SAMS Bücher durchgelesen haben, versuche ich Carolina für Enid Blyton zu begeistern. Was habe ich ihre Bücher als Kind verschlungen. Fünf Freunde. Geheimnis um. Rätsel um. Die Schwarze Sieben. Sogar Hanni und Nanni habe ich gelesen.
Und immer ging es um kluge Kinder, die Verbrechen lösen und Geheimnissen auf die Spur kommen. Enid Blyton war für mich damals, was Rosamunde Pilcher für Kollegin Eva heute ist: Bewährtes, immer wiederkommendes Rezept. Familie sozusagen.

Doch ich komme aus einer Zeit, da es keine Political Correctness gab. Die Playmobil-Bauarbeiter kamen noch mit einer Kiste Bier daher und bei Knight Rider hatten alle Bösen grundsätzlich einen Schnauzbart. Besonders frei von Gut und Böse waren Kinderbücher: Es gab Negerkönige und Zigeuner. George von den 5 Freunden war eigentlich ein Mädchen, wollte aber ein Junge sein – und zwar nicht, weil sie eine Identitätskrise durchlebte und über ihr Geschlecht uneins war, sondern weil Jungs cooler, stärker und mutiger waren.

Carolina hingegen ist mit Klassenrat und Streitschlichtern groß geworden. Mit den “Geheimnis um”-Büchern wird sie nicht so recht warm. Das einer der Jungen treffend “Dicki” genannt wird, findet sie gemein. Das die anderen Jungen (Rolf und Flipp) herablassend sind, ziemlich unsympathisch. Und das die Mädchen (Betti und Gina) sich nichts trauen und nur blöde Fragen stellen, findet sie blöd. Dazu kommt die alte Sprache.

“Wir müssen Indizien suchen.”

Sie blickt auf.
”In Dizien? Wo liegt das denn?”

Hach… Enid Blyton… ich glaube, deine Zeit ist gekommen. :-(

Kindergeburtstag

IMG_20141110_181222 (Small)Morgen hat meine Große Geburtstag (tatsächlich scheint es mir, als sei der letzte Geburtstagseintrag noch gar nicht so lang her…).
Den ganzen Tag backt und werkelt meine Frau um alles vorzubereiten – im Vergleich zu letztem Jahr sind Kuchen und Kekse noch fantastischer geworden. Geschenke sind besorgt und Gäste eingeladen.

Ich bin mehr für den Action-Teil zuständig.

Das schöne daran, wenn man auf dem Land lebt: Schatzsuchen werden richtige Erlebnisse. Geheime Botschaften und Hinweise sind im Haus versteckt, führen über Grundstück, Nachbars Wohnwagen und den (mit Regenwasser gefüllten) Pool über den Bach im Garten bis in den tiefen Wald. Flaschenpost. Geheimschriften.
Im November wird das eine düstere Angelegenheit und ich werde dafür sorgen, dass sich ordentlich gegruselt wird. Davor und dazwischen und danach wird gegessen und gefeiert.

Heute Abend genießen wir noch mal den “alles zum letzten Mal mit 8” machen. Und wie ich meine Tochter kenne, wird da eine Menge Unsinn dabei sein Smiley.

Happy Birthday, Carolina!

Bailey (Bailinho Rodriguez Klinge)

Es klingelt.
Nichtsahnend öffne ich die Tür und sehe einen völlig Fremden vor mir. Einen Fremden, der gelassen unseren Hund am Nacken zur Haustür geschleppt hat.
Mein Blick wandert von ihm zum Hund und wieder zurück.
”Hi”, stellt er sich vor. “Ich besuche eure Nachbarn – und Bailey ist in mein Auto gesprungen.”

Bailey strahlt mich begeistert an. Ihre Augen rufen “Abenteuer! Abenteuer! Abenteuer!” ihre sabbernde Schnauze dagegen “der Mann hat ganz lecker riechende Sitze!”

“Sie sagten mir, ich solle Bailey einfach hier abliefern.”

Ich entschuldige mich, blicke zerknirscht drein und hoffe, der junge Mann fährt kein Auto mit weißem Lederbezug.

Unser Australian Shepherd ist ein schlechter Wachhund, aber ein toller Familienhund. Sie liebt Menschen (und ich finde, damit passt sie prima in unsere Pastorenfamilie) und früher oder später wird sie zum Postboten ins Auto springen und mit ihm eine Runde fahren.

Ich glaube ja, dass viele Kinder ihren zweiten Namen nur als Steigerung ihres ersten tragen. Wenn ich Carolina rufe, dann überhört sie das geflissentlich – rufe ich sie aber zusätzlich mit zweiten Namen, ahnt sie, dass es Ärger gibt. Natürlich hat auch Bailey einen zweiten Namen (benannt nach Bender Rodriguez aus Futurama) und den schimpfe ich laut vor mich hin, kaum dass der Fremde gegangen ist.

Aber da ist der Hund schon längst verschwunden und schaut mit Carolina eine Dinosaurier-Dokumentation.

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Hach…

Große Familie

20141025_132016_AndroidDas Wochenende waren wir auf einem runden Geburtstag von Freunden aus alten Tübinger Zeiten eingeladen. Sie haben es sich nicht nehmen lassen, eine alte Villa in Frankreich für diese Party zu mieten und haufenweise Familie und Freunde gerufen.
Für uns war es die erste größere Fahrt mit dem Baby – das, ganz Gemeindekind – zwei Tage lang von Arm zu Arm gereicht wurde und meist selig schlief. Carolina – im gleichen Haushalt aufgewachsen – kannte zwar niemanden, aber sprang sofort mit den anderen Kindern umher, fuhr ins örtliche Schwimmbad und begegnete uns erst abends wieder, wenn sie todmüde ins Bett fiel. Es wurden Geschichten und Anekdoten erzählt, Lieder gesungen und eine bunte Weinverkostung (bei der jeder Gast seinen Lieblingswein & eine Geschichte mitbrachte) genossen. Essen. Trinken. Lachen. Freuen. Spazierengehen. Zuhören. Aufmuntern. Freuen. Genießen.

Ein großartiges Wochenende.

Es tut mir immer leid, wenn ich höre oder lese, welche ätzendes Bild Menschen von Kirche haben. Als überflüssige Institution. Als seelenloses Konstrukt. Denn für mich ist es das nicht.

Obwohl wir Tübingen vor sechs Jahren verlassen haben, fühlte sich das Wochenende eher wie ein Familientreffen, als eine Geburtstagsparty an. Ein, nur schwer in Worte zu fassendes, Gemeinschaftsgefühl herrschte die Tage über – obwohl sich viele Gäste gar nicht oder nur flüchtig kannten.

Vielleicht lag das daran, dass der Geburtstag nur vordergründig Anlass der Feier war und im Mittelpunkt stand. Für mich bedeuten solche Feste vor allem, dass man das Leben feiert. Ein Blick auf mein neugeborenes Baby erinnert mich daran, wie zerbrechlich dieses Leben ist und wir alle wissen, wie schnell alles in Scherben vor uns liegen kann.

Ein Wochenende mit Freunden und Musik und Wein.

Feiert, Freunde, feiert das Leben.