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Einer Schneeflocke folgen (5/11)

Ich habe mir einen Roman geschrieben und im Laufe der vergangenen Monate viel gelernt. Weil das Schreiben zu einer Leidenschaft geworden ist, berichte ich in dieser Reihe, wie ich vorgegangen bin: Nach meinem Interview mit einem Geist folge ich heute einer Schneeflocke.

OInzwischen kenne ich die Handlung des Buches und habe die beteiligten Hauptfiguren durch ausführliche Interviews kennengelernt. Im Augenblick ist die gesamte Handlung des Romans immer noch extrem grob skizziert. Ich beginne nun damit, die einzelnen Kapitel (oder Szenen) zu erstellen. Das bedeutet, dass ich in OneNote haufenweise neue Seiten einfüge, die von mir zunächst drei Punkte abverlangen:

  • kurze Zusammenfassung der Szene
  • was ist der zentrale Konflikt?
  • Perspektive des personalen Erzählers
  • welche Weiterentwicklung einer Figur gibt es?

Diese Phase dauert lang, sehr lang. Wie bei einer Schneeflocke werde ich immer detaillierter, erstelle immer neue, notwendige Szenen und Situationen. Die Geschichte entwickelt sich.

Dabei überprüfe ich immer wieder: Passt das? Gehört das zur Geschichte oder kann das weg? Was fehlt noch?

Außerdem habe ich den unausgesprochenen Vertrag mit dem Leser im Kopf, der sich durch sieben aufeinanderfolgende Punkte verdeutlichen lässt:

  1. Die Geschichte beginnt mit einem Aufhänger, hier wird der Leser ins das kalte Wasser geworfen.
    (Damit bin ich zufrieden – Spoiler: Mit dem ersten Satz des ersten Kapitels lasse ich eine wesentliche Figur meiner Geschichte sterben. Vielleicht ist jener Charakter in meinem Interview auch deshalb so schlecht drauf.)
  2. In einer ersten Wendung zeichnet sich ein bereits angedeutetes Problem ab und die Welt der Protagonisten verändert sich durch diese neue Erkenntnis
  3. Es folgt der Schicksalsschlag: Etwas geht schief und die Hauptfigur wird zu einer Handlung gezwungen
  4. Im Mittelpunkt des Romans wird die Situation aktiv angegangen. Das Verhalten des Hauptcharakters verändert sich. Damit einher reagieren die anderen Figuren.
  5. Der Druck nimmt im zweiten Schicksalsschlag zu. Die Situation wird schlimmer und die Umstände erscheinen ausweglos.
  6. In der zweiten Wendung bietet sich eine neue Chance.
  7. Das Problem wird in der siebten Phase der Auflösung gelöst – es gibt ein versöhnliches Ende.

In einer Tragödie oder Horrorroman sind einzelne Aspekte vertauscht: Die Wendungen sind Momente der Hoffnung, dafür endet die Auflösung im Desaster. Der Ablauf ist jedoch schematisch ähnlich.

SchneeflockeDie Entwicklung der einzelnen Szenen, Phasen und Schritte dauert ziemlich lang und bleibt flexibel. Im Laufe des Schreibprozesses habe ich bis zuletzt immer wieder die Reihenfolge verändert, Kapitel hinzugefügt oder gar gelöscht. Schließlich sind etwa 60 Kapitel entstanden, jeweils mit kurzer Zusammenfassung und der Frage: Was ist der zentrale Konflikt, welche Entwicklung geschieht, was ist die Daseinsberechtigung für dieses Kapitel?

Das scheint vielleicht enorm viel Vorarbeit und widerspricht der intuitiven Vorstellung von „ich setze mich halt hin und schreibe den Roman runter“ – aber ich vermochte nicht anders zu arbeiten, als nach dem Schneeflocken-Prinzip. Denn ich ahne: Je akribischer ich die einzelnen Kapitel vorbereite, je klarer ich Konflikt und Daseinsberechtigung herausarbeite, desto schneller komme ich später voran.

Bis zu diesem Zeitpunkt weiß nur eine einzige Person davon, dass ich einen Roman schreibe.

Und jetzt, endlich, kann ich mit dem Schreiben beginnen.


Alle Teile der Reihe:

  1. Wie schreibt man einen Roman?
  2. Prämisse und Buchrücken ausarbeiten
  3. Vom Buchrücken zur Absatzgeschichte
  4. Interview mit einem Geist
  5. Einer Schneeflocke folgen
  6. Einen Roman schreiben
  7. Testleser*innen suchen und finden
  8. Self-Publishing oder Verlag? Was verdient man mit einem Buch?
  9. Als Autor auftreten oder unter Pseudonym schreiben?
  10. Apfelkuchen im Spätsommer
  11. Rückblick

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