Apps für (bzw. gegen) den Unterricht (Folge 16)

Screenshot_2015-05-25-17-43-28Chain Reaction

Mein Bruder hat mich für ein simples Spiel begeistert, das ich in einer Vertretungs-Randstunde meiner Klasse zeigte – und seitdem verbreitet es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Schule.

Das Spielprinzip ist nur umständlich zu beschreiben, aber sehr einfach zu spielen: Jeder Spieler (1-8) setzt bunte Kugeln auf das Spielfeld. Hat man genug Kugeln seiner Farbe auf einem Haufen versammelt, kommt es zu einer Kettenreaktion (-> Chain Reaction): Der Haufen spaltet sich und sendet Farbkugeln in alle benachbarten Felder, die daraufhin übernommen werden.
(Für Physiker: ähnlich einem alpha-Zerfall mit je vier freiwerdenden Neutronen, die die benachbarten Atome anregen)
In der Ecke reichen schon 2 Kugeln zum Spalten, am Rand 3 und in einem mittleren Feld benötigt man 4.

Das Besondere ist, dass der Ausgang eines Zuges durchaus berechenbar, aber wegen Denkfaulheit scheinbar zufallsbasiert ist. Durch die zunehmenden Kettenreaktionen wechselt das Spielfeld häufig von fast-ganz-blau über jetzt-fast-komplett-lila zu oh-nein-nur-noch-zwei-Felder-grün. Wer gewinnt ist kaum vorherzusehen und nicht selten siegt jemand, der nur noch ein einziges kümmerliches Feld seiner Farbe besitzt.

IMAG0677

Der Spielspaß ist relativ hoch.
Die Android-Version ist kostenlos und nervt nicht durch eingeblendete Banner. Bis zu 8 Spieler machen einfach Spaß.

Vielleicht etwas für die letzten Stunden vor den Ferien.

 


Zuweilen werden hier Android- und iPhone-Apps vorgestellt, die sich im Unterricht sinnvoll einsetzen lassen. Einen Überblick aller bereits besprochenen Programme findest du hier.

Fehlt noch etwas? Weitere Vorschläge einsenden.

Kinderstube

Demnächst feiert meine Schule 25jähriges Jubiläum.

Neben allerlei Brimborium werden meine Co und einige Mädchen der Klasse ein Kinderschminken anbieten und brauchten Freiwillige zum Üben und ausprobieren.

Und da war er wieder: Einer jener Momente, von denen ich bedaure, das die Eltern nicht teilhaben können.

Die ganze Mittagspause über ließen sich die Jungs der Klasse Bärte und Muster, Spinnen und Tattoos aufmalen. Geduldig ertrugen sie Blumen, falsche Augenbrauen und Katzengesichter. Diese Klasse ist zu einer Art Familie zusammengewachsen, in der niemand außen vorsteht und es ist schade, dass Eltern diese Perspektive oft vorenthalten bleibt.

Dazu passt auch: Lieblingssport der Kinder ist es, sich in den Pausen heimlich ins Gebäude zu schleichen und vor der Aufsicht zu flüchten. Alle drei Tage stehen die Kollegen zähneknirschend vor mir und ich gelobe, mit der Saubande zu reden. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht um vier oder fünf Kinder. Oder elf oder zwölf. Es geht mehr um fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Kinder. Jede Pause sind es andere. Wenn ich die alle zum Hofdienst schicke, haben sie noch SPaß dabei.
Innerlich jubiliere ich: Wenn alle gemeinsam Unsinn machen, spielen alle auch gemeinsam. Und spielende Kinder fühlen sich wohl und lieben den Ort, an dem sie sind! Äußerlich habe ich mahnend der Zeigefinger und versuche gegenzusteuern. Ohne Erfolg.

Ein Kollege hat Anfang der Woche ein kleines Häuflein geschickt abgefangen und zu einem Besinnungsaufsatz verdonnert. Die Jungs und Mädchen haben den auch ohne Widerspruch und zusätzliche Ermahnung geschrieben. Die Hälfte der Briefe beginnt mit

Geehrter Herr…
es tut mir leid, dass…

Und Strafarbeiten, die mit “Sehr geehrter Herr sowieso” beginnen…  – da ist die Kinderstube noch in Ordnung!

Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Tag der Abrechnung

Vor ein paar Jahren hing am Schwarzen Brett im Lehrerzimmer ein Brief, den die damalige Kultusministerin, deren Namen ich vergessen habe (und das ist kein Spruch :)  ), an alle Gesamtschulen in NRW verschickt hatte. Die Katze war aus dem Sack: Gesamtschüler machen durchschnittlich ein um 0,3  schlechteres Abitur als ihre Kollegen am Gymnasium. Deswegen sollten alle Gesamtschullehrer verstärkt zu Fortbildungen geschickt werden.
Dahinter steckt der Gedanke, dass wir als Lehrer immer hinten raus bekommen, was wir vorne reinstecken.

Stimmt das?
Janövielleicht.

Einerseits kursiert die Geschichte, dass der erfolgreichste Lehrer in Schweden (oder so) die schlechteste Klasse zur zweitbesten gemacht hat. Und einer meiner Kollegen (fragt Jan, wer das war) hat es geschafft, durch unermüdlichen Einsatz von Lerntheken in Mathematik mit Abstand die besten Ergebnisse in Vera 8 einzufahren.

Andererseits kann man aus Stroh eben doch kein Gold spinnen. Oder doch? Was soll ich in der Oberstufe tun, wenn die Leutchen sich weigern einzusteigen, mitzudenken, Hausaufgaben zu machen und zu üben? Jaja blabla, mit der Note abstrafen, aber schaut selber nach: Hausaufgaben zählen nicht zu Sonstigen Mitarbeit   –> Hausaufgaben ergänzen die schulische Arbeit und können dazu dienen, das im Unterricht Erarbeitete einzuprägen, einzuüben und anzuwenden. Hausaufgaben werden deshalb in der Regel nicht zensiert, sollten jedoch unter pädagogischen Aspekten Anerkennung finden (BASS 12-31 Nr. 1 und Nr. 4). Was tue ich, wenn bei den Schülern zu Hause einfach keine Verhätnisse herrschen, in denen man lernen kann? Wenn es keinen Schreibtisch gibt und alle anderen Familienmitglieder vor diversen PCs, Handys oder Fernsehern sitzen? Was tun, wenn 2 – 5 durchgeknallte, unerzogene Kinder so viel Aufmerksamkeit einfordern, dass man den Laden im Prinzip dicht machen könnte?

Das ist die Gretchenfrage für Lehrer: Die einen machen jeden Tag frontalen Schulbuchunterricht, die anderen schneiden bunte Gruppenkarten aus und bestreuen diese mit Glitzer, bevor sie diese laminieren und in Herzform schneiden, alles in der Hoffnung, es würde die Schüler zur Arbeit anregen.
Die Hattie-Studie sagt grob gesprochen, es käme auf den Lehrer an.

Was glauben wir? Geben uns Vera-Prüfungen, ZAPs, Standardsicherungen am Ende der Einführungsphase (11) und das Abitur ein Antwort auf die Frage, ob wir´s bringen?

Feuer fangen.

Seit einem Jahr arbeitet sich mein WP-Technikkurs durch mein Elektronik-Workbook. Wie immer geht es den einen viel zu langsam, während die anderen gerne wieder Praktisches machen wollen.

Weil ein Referendar nun in den Kurs einsteigt, haben wir genau das gemacht: Die Schüler sollen ein Radio bauen. Grundlage ist ein Opitec-Bausatz, der von jedem Schüler individuell modifiziert werden soll.

Hin und wieder lehnt man sich als Lehrer zurück und staunt und genießt einfach.

Ein Schüler möchte den Kippschalter durch einen selbstgebauten Touch-Schalter ersetzen. Ein anderer möchte das Radio beleuchten – die Lichtstärke soll mit dem Lautstärkeregler verbunden sein (“Das geht über den Trimmer, glaube ich!”). Hier möchte jemand ein Plexiglasfenster einsetzen und dort wird gegrübelt, ob man für die Touchkeys nicht eine bistabile Kippschaltung im Hintergrund benötigt.

An einer Gesamtschule kommen die unterschiedlichsten Kinder zusammen. Arme und reiche, solche mit Gymnasialempfehlung und solche mit Hauptschulempfehlung, welche mit fröhlichen Familien im Hintergrund und welche, die beim Nachbarn mal ins Brot beißen wollen. Aber in diesen Stunden gibt es keinen Unterschied.

Ein, zwei SchülerInnen bitten mich am Ende der Stunde, eine Handvoll Kondensatoren, Transistoren, Widerstände und Dioden mit nach Hause nehmen zu dürfen, um am Wochenende schon mal auszuprobieren, ob sich der Wechselblinker mit dem Senderegler sinnvoll verknüpfen lässt.

Abends landet via Facebook ein kurzes Video im Posteingang: Die bistabile Kippschaltung läuft nach einigen Anlaufschwierigkeiten mit dem 22k-Ohm Widerstand.

 

In solchen Momenten bin ich einfach nur fröhlich. Was ich für großartige Schüler habe!

#32: Die Evolution der Volkszählung

Der Herr wurde zornig über die Israeliten. Darum verleitete er David dazu, sie ins Unglück zu stürzen. Er brachte den König auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
2. Samuel 24

Satan wollte Unheil über Israel bringen; deshalb brachte er David auf den Gedanken, eine Volkszählung durchzuführen.
1. Chronik 21

Mein erster Impuls ist: Buch zuklappen.
Mein zweiter auch.

Erstens bekomme ich immer Bauchschmerzen, wenn Menschen anfangen, mir vom Teufel zu erzählen und zweitens: Was soll so eine Gegenüberstellung bringen, außer zu demonstrieren, was für ein widersprüchliches, willkürliches Buch die Bibel ist?

Trotzdem (oder gerade deshalb?) ein paar Gedanken über die Evolution der Volkszählung.

Also: Wessen Idee war es denn nun?

Continue reading

Gnade vor Recht…?!

halbtagsblog - 2SppRNlB4gVor einigen Jahren gab es da in meiner Stufe diesen Jungen: In der Grundschule als Klassenkasper stets im Mittelpunkt. Alle paar Monate Elterngespräche wegen Raufereien, ungebührlichen Betragens und vergessener Hausaufgaben. Eine Karriere, die sich nahtlos an der weiterführenden Schule fortsetzte: Marginale Fremdsprachenkenntnisse in Kombination mit einer Sauklaue und praktizierter Faulheit. Viele flotte Sprüche statt gemachter Hausaufgaben. Bestimmt ein netter Kerl und – typischer Lehrerspruch – mit “so viel Potenzial!”

Obwohl ich meine Behauptung nie belegen könnte, bin ich mir sicher, dass die Lehrer seinerzeit hier und da ein Auge zugedrückt haben. “Komm, der Jan ist zwar in Französisch ne Pfeife, aber ich glaube, aus dem kann trotzdem noch was werden.” Meine mündliche Prüfung in der Uni in Psychologie war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Das ich bestanden habe, verdanke ich ausschließlich der Gnade der Prüfungskommission.

An vielen Stellen hätten meine Lehrer, Dozenten und Ausbildungskoordinatoren mir einen völlig anderen Lebenslauf verpassen können. Mehr als einmal haben sie Gnade vor Recht ergehen lassen. Zurecht?

Aus mir ist etwas geworden. Ich habe das Abitur geschafft, ein Hochschulstudium absolviert, bin verheiratet, habe wunderbare Kinder und darf einen fantastischen Beruf ausüben. Wenn man so will, haben meine Lehrer mir an den richtigen Stellen Tritte versetzt und an den richtigen Stellen weggesehen.

Heute bin ich Lehrer.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Leistungen von Jungen und Mädchen mit – ihr habt es kommen sehen – “so viel Potenzial!”
Tendenziell gehöre ich wohl eher zu den strengen Kollegen: Ich reagiere allergisch, wenn Schüler fürs Nichtstun noch eine 4 geschenkt haben wollen. Man darf gerne faul sein – muss dann aber mit den Konsequenzen leben.

Und doch.

Eine 5 im Nebenfach Physik kann in der 10 über Schulabschlüsse und Ausbildungsverträge entscheiden. Ich frage mich, an welchen Stellen ich Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Bei wem wäre es richtig, womöglich mal ein Auge zudrücken?

Aber ist das nicht wiederum ungerecht?

Aber habe andererseits ich nicht von dieser Ungerechtigkeit profitiert? Wäre die Welt besser, wenn auch ich womöglich gerecht behandelt worden wäre – aber heute im IKEA Regale einräumen würde?

Ich wüsste gerne eure Gedanken dazu – sowohl von den mitlesenden Lehrern, als auch von den (noch idealistischen) Lehramtsstudenten und Referendaren, aber auch von mitlesenden Eltern:

Darf ein Bewertungskriterium bei Noten “das Potenzial” sein, was der Lehrer in einem Schüler (euren Kindern?) sieht?

Kann es sein, dass es ungerecht manchmal richtig ist?

Geschafft.

(Dieser Eintrag dient mir selbst vor allem als Erinnerung, dass an mir kein Handwerker verloren gegangen ist.) (Ich komme erst am Schluss dazu, was die ganze Geschichte mit Schule zu tun hat.)

Die Vorbesitzer unseres Hauses haben uns die ramponierten Überreste eines Swimming Pools hinterlassen, die symbolisch für meine Schulleistungen in der Mittelstufe stehen können:

IMAG0255                      IMAG0256

Es ist etwas vorhanden. Aber nichts wirklich Brauchbares.

Nachdem wir im vergangenen Jahr vor allem das Haus aus- und umgebaut haben, war jetzt ein guter Zeitpunkt für den Pool. Fand zumindest meine Frau.
Die vergangenen Tage und Wochen habe ich also viel freie Zeit damit verbracht, diese Ruine abzutragen:

IMAG0446

Mit einigen geliehenen Baustützen und jeder Menge Beton habe ich die Seitenwände zurückgebogen und neu fixiert. (Auf Fotos sieht das immer so husch-husch wie im Fernsehen aus – aber bedauerlicherweise gibt es keinen Zeitraffer im echten Leben.)

ZOE_0085

Damit die Edelstahlwände halten und sich nicht zurückbiegen, wurden jeweils (links im Bild) Bleche aufgeschweißt und verschraubt. (Dabei habe ich festgestellt, dass die Sonnenfinsternisbrillen auch beim Schweißen funktionieren.) (Also, nicht zum arbeiten, sondern zum Betrachten des Lichts!)

Im nächsten Schritt dann eine Unterkonstruktion für die Terrasse.

IMAG0576

Die dann mit Kieferholz gefüllt wurde. Außerdem noch ein Carport Freisitz auf die Terrasse, um etwas mehr von der Sonne zu haben.

IMAG0597                  IMAG0613

Heute, nach all den Abenden und Nächten bin ich mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden, ziehe mich aber aus dem Terrassenbaugewerbe zurück. IMG_20150501_154304Denn in Wahrheit bin ich ein ungeduldiger, oberflächlicher und schlechter Handwerker. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern, die da deutlich akribischer sind.

“Weißt du”, schimpft mein Bruder irgendwann, “du bist doch im Grunde genau wie deine Schüler: Du streichst da mit dem Pinsel zweimal drüber und damit hast du deine Pflicht erfüllt. Ob das scheiße aussieht oder nicht… Du hast gestrichen und das reicht dir als Ausrede.”

Lustlos streiche ich noch ein weiteres Mal über das Holz (trotzdem entdecke ich später, dass da unendlich viele unlackierte Stellen bleiben).

Natürlich hat er Recht. Wie oft erklären mir meine Schüler, sie hätten gelernt… Zwei Stunden lang! Ganz sicher!

Und natürlich habe ich das Holz ordentlich gestrichen! Zweimal! Klar habe ich die Schrauben ordentlich versenkt. Ganz ordentlich!
Und doch sieht es am Ende an vielen Stellen aus wie Kraut und Rüben. Das ginge schon besser – wenn ich nur wollte.

Aber wenn ich ehrlich bin, reicht mir das Ergebnis. Damals wie heute.
Und damit bin ich mit vielen meiner Schüler vermutlich genau auf einer Wellenlänge.

IMAG0640

(Ab sofort habe ich jedenfalls wieder mehr Zeit zum bloggen.) (Bis zur nächsten Idee meiner Frau)

Schule wie zu Großvaters Zeiten.

Aus Gründen unterrichte ich bis zum Sommer einmal wöchentlich einen Mittelstufen-Mathematik-Kurs mit knapp 50 Schülern.
Für mich (und die Kinder) ist das durchaus herausfordernd – läuft bisher aber völlig problemlos. Jeder bemüht sich, seinen eigenen Rede-Drang für 45 Minuten herunterzufahren, um den Lärmpegel erträglich zu halten.
Spannend finde ich die Vorstellung, dass solche Klassengrößen Anfang des letzten Jahrhunderts durchaus üblich waren, in China üblich ist.

Interessant dabei die öffentliche Diskussion, ob sich die Klassengröße auf die Leistung der Schüler auswirkt. Lehrer sagen ja, Studien behaupten (belegen?) das Gegenteil.

Die Lehrarbeit lebe ich oft genug als Beziehungsarbeit: Ich kommuniziere mit Schülern, klopfe Sprüche, spiele mit Antworten und weiß, wie ich einzelnen Schüler begegnen muss. Hier frage ich, wie es dem Pflegepferd geht, dort nach dem Wochenende.
In einem Kurs mit 50 Leuten fällt dieser Faktor völlig weg. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Lehren, für individuelle Hilfestellungen (man könnte auch sagen: Rücksichtnahme auf den Einzelnen) gibt es keinen Platz mehr. Diese eine Stunde in der Woche erinnert eher an die Vorlesung an der Universität als an Schulunterricht.

Für eine Stunde in der Woche ist das ein Erlebnis und schon okay – aber so richtig Spaß macht das niemandem. Denn letztlich geht es in der Schule ja nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um Erziehung und Mensch-Werdung.

An Tagen wie diesen…

Während ich zu Hause unser zahnendes Baby bespaße, wird meine Frau von einem entgegenkommenden LKW abgedrängt und schlitzt sich dabei an einem unsauber abgefrästen Abflussrohr Felgen samt Reifen kaputt.

Meine Laune sinkt.

Ich gebe das Baby in gute Hände, schnappe mir Ersatzreifen und will mit unserem Zweitwagen los. Der Schlüssel, den wir seit heute morgen suchen, bleibt im familiären Chaos verschwunden. Also leihe mir den Wagen meiner Schwiegereltern.

Ich knirsche mit den Zähnen.

Am Unfallort steht meine Frau verdrießlich im Nieselregen, direkt vor einem dieser typischen Siegerländer Schindelhäuser. Als ich das Auto aufbocke muss ich feststellen, dass die Felge an der Achse festgerostet ist. Ich ziehe und zerre, trete und fluche.

Für einen Moment dachte ich, dass ich wohl kaum noch schlechter gelaunt sein könnte.

Da löst sich der Reifen.

Ich falle zurück und schlage mit dem Hinterkopf gegen die Schindeln des Hauses, von denen zwei zerspringen. Gleichzeitig quetsche ich mir zwei Finger der linken Hand. (Unnötig zu erwähnen, dass ich Linkshänder bin.)

Ich komme mir vor wie in einer beschissenen Slapstick-Komödie.

“Hallo Herr Klinge”, flötet da eine Stimme (!), während ich im Regen inmitten der Scherben sitze und fassungslos auf den beschissenen, zerfetzten Reifen in meinem Schoss und meinen pulsierenden, rußschwarzen Daumen starre. “Na? Kennen Sie mich noch?”

“Ich hatte mal bei Ihnen Unterricht”, plappert irgendwer (wer bist du!?) drauf los. Offenbar eine ehemalige Schülerin, die gerade Zeitung austrägt.

Das kann (!) nur ein Scherz sein (!!). Vergeblich warte ich darauf, dass ich aufwache.

Morgen dann erst mal zum Arzt. :-/

Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

image

Kultur in der Schule

Wir haben eine wirklich gute, mit verschiedenen Preisen gekrönte Theatergruppe in der Schule und erst im Alter beginne ich den Wert von Kultur wertzuschätzen.
(Als Schüler habe ich – meinem Alter entsprechend – renitent gegen alles, was mit Bildung zu tun hatte, protestiert.) Bisher war meine Klasse stets ein- bis zweimal pro Schuljahr im Theater. Wir haben vorher und nachher darüber gesprochen: Wie man sich dort verhält. Was der Unterschied zum Kino ist. Den Wert von Kultur in unserer Gesellschaft (vielleicht könnte ich auch erfolgreich Staubsauger an Haustüren verkaufen – aber natürlich quatscht man lieber mit dem Onkel vorne über Cooltur, als weiter Mathe zu machen…)
Als ich vergangene Woche fragte, wer Lust hätte, die neue Vorstellung unserer Schulgruppe zu besuchen, schossen alle Hände hoch. Klaro!

Als ich das Eintrittsgeld einsammle (ich habe erklärt, dass auch unsere Schultheatergruppe Lizenzgebühren bezahlen muss und arg in der Kreide steht) und Jonathan sein Wechselgeld geben möchte, hebt er abwehrend die Hände. “Nein, Herr Klinge. Ich habe mit meinem Papa über Kultur gesprochen und möchte mehr bezahlen.”

Ich bin sprachlos.
#Jugend von heute und so.