Besserer Physikunterricht.

Vorbemerkung: Dieser Artikel dient mir selbst zur Strukturierung meiner Gedanken und mag dem ein oder anderen einen Einblick darin geben, wie Unterricht geplant wird.

Nicht, dass ich die Sommerferien nicht genießen würde.
Die vergangenen Tage habe ich nichts anderes gemacht, als in der Sonne zu braten und das Leben zu genießen. Ich merke dann nach kurzer Zeit der Tatenlosigkeit, wie meine Gedanken anfangen zu rotieren. Ich grüble, denke, probiere, lese.

Im Augenblick steht mein Physikunterricht im Zentrum meines Denkens:

Wie kann mein Unterricht so großartig werden, dass die Schüler keine Stunde verpassen wollen?

In dieser Phase (ich habe ja noch einige Wochen Zeit, bis es wieder losgeht) sammle und sortiere ich das, was ich schon weiß, erlebt habe oder mich an irgendeiner Stelle beeindruckt hat.
Der Reihe nach.

Martin Wagenschein
Wagenschein war ein deutscher Physiker und Pädagoge, der sich stark im Bereich der Fachdidaktik engagierte. Er entwickelte das genetische Lernen weiter und kritisierte am normalen Unterricht vier Punkte, die er “Verdunkelndes Wissen” nannte:

  • Leichte Erkenntnisse werden durch unverstandene Regeln verdeckt (Im Osten geht die Sonne auf, im Norden (oder Süden?) nimmt sie ihren Lauf…?!)
  • Künstliche Apparate aus dem Physikschrank lenken von den freien Naturphänomenen ab.
  • anschauliche Modelle vermitteln eine falsche Theorie des Unanschaulichen, bspw. das Atommodell
  • Fachsprache verfremdet, was sie aussagen will.1

Bei aller Kritik an Wagenschein ist sein Ansatz zu genetischem Lernen fantastisch: Dinge müssen richtig verstanden und nicht blind auswendig gelernt werden. Konkretes Beispiel: Meine Wahrnehmung sagt mir, dass die Sonne (!) sich um die Erde dreht. Die Sonne “geht auf”. Wie kann man sauber beweisen, dass dem nicht so ist? Und zwar ohne die genannten Apparaturen (die doch wieder nur irgendetwas behaupten) und ohne Fachsprache, die Fachwissen vortäuschen, aber kein echtes Verstehen vermitteln kann.

Martin Kramer
Kramer ist Theaterpädagoge und Lehrer in Tübingen. Seine Bücher Physik als Abenteuer empfehle ich wärmstens. Sein Ansatz: Was ich erlebe, brauche ich nicht zu lernen. Er arbeitet viel mit Darstellen und Gestalten, nutzt Kuscheltiere und Schüler für anschauliche Modelle. Seine Arbeit empfinde ich gleichermaßen als brillant und herausfordernd – da bei uns Physik nur in 7 und 10 unterrichtet wird, ist es aber schwer, die Schüler richtig zu packen. Bei ihm würde ich gerne hospitieren.

Christian Spannagel
Spannagel war mein Professor in Ludwigsburg, mittlerweile lehrt er in Heidelberg. Bei ihm ist mir der flipped classroom zum ersten Mal begegnet: Seine Vorlesung kann soll man sich auf Youtube ansehen – in der Uni selbst werden dann Fragen besprochen und Gelerntes angewandt. Eine Umsetzung an Schulen findet hier und da statt. Auch meine Schüler erzählen mir, dass sie sich dieses und jenes in Youtube-Videos noch einmal erklären haben lassen. Finde ich grundsätzlich spannend – aber meinen eigenen Unterricht in Youtube zu stellen, kann ich mir aus verschiedenen Gründen nicht vorstellen. Trotzdem ist der Gedanke, Lernen auszulagern, prinzipiell aufregend.

Außerdem denke ich an meine eigene Lerntheke Filme im Physikunterricht – das war schon ziemlich cool. Allerdings sind diese Beispiele nur nützlich, wenn man die Gesetze schon kennt. Zum verstehen (warum ist Kraft das Produkt aus Masse und Beschleunigung?) taugt sie nichts. Spannend war überdies jener Physikkurs, der ein rein digitales Heft führen sollte. Auch diesen Schülern hat das durchaus Spaß gemacht.

Continue reading

Action mit Glasknochen; Fazit; schöne Ferien!

IMG_20150623_214526Ein weiteres Schuljahr ist vorüber und ich möchte mich zuvorderst ganz herzlich bei euch fürs Mitlesen und Mitfiebern und besonders eure Ideen und Ratschläge bedanken. Immer dann, wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, hier den Stecker zu ziehen, schreibt mir einer von euch einen netten Kommentar und vertreibt meinen Verdruss.

Die Woche begann mit unserem traditionellen Jungs-Mädchen-Tag – oder wie es heute heißen müsste: Gender-Tag. Insgeheim denke ich, dass man locker mehrere Masterarbeiten über die Auswirkungen gendergetrennten Unterrichts bei Kindern schreiben könnte. Offensichtlich ist, wie gut es den Kindern tut, einmal im Jahr in einer geschlechtshomogenen Gruppe zu sein: Die Mädchen brauchen sich keine Sprüche anhören und auch nicht mit den Jungen zu konkurrieren und die Jungs umgekehrt können wild toben und sich auspowern, ohne auf Mädchen Rücksicht zu nehmen. (Ich ahne, dass dieses Bild klischeehaft ist – darum eine Verdeutlichung: In diesem Alter gilt: Wenn Jungs sich ins Wasser schubsen, dann schubsen sie sich. Wenn ein Junge ein Mädchen schubst, hat er ihr dann womöglich schon an den Busen gefasst..!? Manchmal ist es einfacher, wenn alle gleich sind.)

Die Jungs haben sich einmal mehr für eine lange Fahrradtour durch den Wald entschieden, an dessen Ende ein Besuch im Schwimmbad stand. Trotz des schlechten Wetters ein sehr launiger Tag, der bei allen gute Laune hinterlassen hat.

Dass es beim diesjährigen Mädchentag etwas Aufregendes sein musste, etwas mit körperlicher Betätigung, am liebsten etwas, um an die eigenen Grenzen zu gehen, bei dem man aber dennoch als Team agiert und bei dem alle mitmachen können, das war schnell klar. Und wider Erwarten auch schnell gefunden: Ein Besuch im Hochseilgarten auf dem Fischbacherberg.

IMG_0844Dort konnte sich wirklich jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Besonderheiten einbringen und ihre persönlichen Grenzen austesten. Dabei kam es -wie so oft- zu sehr überraschenden Erlebnissen: Das ganz stille Mädchen, das sich als erste traut, sich auf einen mehrere Meter hohen Pfahl zu stellen und runter in den Gurt zu springen oder das Mädchen mit den Glasknochen, das unbedingt auch die Leiter hochklettern will. Damit unsere Zwillinge auch etwas Höhenluft schnuppern konnten, wurde sogar ein spezieller Sitz eingesetzt, mit dem sie die Seilbahn runtersausen konnten. Das war so spannend, dass uns sogar ein Team der WDR-Lokalzeit dabei begleitete!

Den Bericht dazu gibt es irgendwann demnächst zu sehen – ich werde rechtzeitig darauf aufmerksam machen und außerdem versuchen, ihn hier einzubinden.

Mittwoch dann der Schülerlauf der Stadt Siegen. Mit knapp 10.000 Schülern ein sehr gut besuchtes Ereignis. Den Kindern macht’s Spaß aber mehr gibt es dazu auch nicht zu erzählen.

IMG_20150626_143019Gestern haben wir gepicknickt und Fußball gespielt. Sehr beeindruckt hat mich der Einsatz vieler Mädchen, die ordentlich mitgehalten haben. Keine feinen Damen oder so – da wurde gegrätscht und gezogen und gezerrt, Anweisungen gebrüllt und gemeinsam die Jungs beackert. Etwa ein Drittel aller Tore wurden von Mädchen geschossen. Besonders schön ist, dass niemand umgetreten, niemand geweint und niemand traurig war. Ein lauer Kick mit viel Spaß. So schön der Jungs-Mädchen-Tag auch ist: Alle gemeinsam ist am besten.

Heute dann Zeugnisse und viele Glückwünsche. Zum Schuljahresabschluss wiederholen wir stets unsere Feedback-Runde: Zunächst trennen wir die Klasse in Jungs und Mädchen und bitten jeden Schüler, auf ein weißes Blatt in die Mitte seinen Namen zu schreiben. Im Folgenden sollten sie – ohne zu reden – umhergehen und auf die Zettel der anderen draufschreiben, was sie an ihm besonders mögen würden. Was sie toll fänden.

IMG_20150626_143520Ohne zu sprechen.

Erstmal geschlechtergetrennt und nach ein paar Minuten bei jedem.

Wichtig war: man durfte nur positives draufschreiben. Nur Dinge, die man am anderen schätzte. Und nach einer halben Stunde saß jeder wieder an seinem Platz und hatte eine Art „Zeugnis“ vor sich.

“Toll, wie du uns immer zum Lachen bringst.” “Ich mag, dass du immer so hilfsbereit bist.” „Du bist eine wunderbare Freundin!“

Es tut gut, Gutes zu hören.


Jetzt ist es einmal mehr Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Blicke ich auf das vergangene Jahr zurück bin ich nur so halb zufrieden. Highlights waren sicher Klassenfahrt, Jungs-Mädchen-Tag und das Länderspiel. Die Ergebnisse meiner Kurse bei ZAP und Vera lassen mich auch auf die Mathematik-Klassen zufrieden blicken. Ich glaube, dass ich mit der Lerntheken-Schiene recht gut fahre und sehe da im Augenblick nur wenig Ansätze zu echter Verbesserung. Nächstes Jahr bekomme ich vielleicht wieder eine Klasse 5 – mal sehen, ob das auch da klappt. Außerdem habe ich mich erfolgreich als Moderator für das Fach Mathematik hier im Landkreis beworben. Das wird gewiss spannend.

Wirklich großartig war mein Workbook „Elektronik“ im Fach Technik. Einige Kinder haben unfassbares Wissen aus dem Jahr mitgenommen und mir hat es die Struktur meines Unterrichts enorm erleichtert. Das hat richtig Spaß gemacht und wird wiederholt werden. Im Augenblick (und ins nächste Schuljahr hinein) bauen wir an den Radios – ein Schüler hat eine eigene Sendeanzeige konstruiert, andere Kopfhörerbuchsen eingebaut… Wahnsinn!)

Unzufrieden bin ich hingegen mit dem Fach Physik und dem anderen Technik-Kurs.

Alles bestimmt nicht super-schlechter Unterricht – aber ich… ach.. kennt ihr so Kurse, die ihr euch anders vorstellt? Ich mache gerne Unterricht, bei dem ich hinterher denke, „hui.. das war richtig gut!“ Und Physik war zuletzt immer nur.. „okay“. Irgendwie Schema-F. Ich will mich selbst auf jede Stunde freuen und voller Kreativität und Begeisterung präsent sein, aber das war zuletzt nicht mehr so.
Mir helfen dabei immer Projekte. Und nach der Film-Lerntheke, den NW-Workbooks und dem Elektronik-Workbook in Technik habe ich mir für die Sommerferien vorgenommen, ein solches Projekt für Physik zu entwickeln, bei dem ich selbst am liebsten nochmal Schüler wäre. (Zwei weitere Ideen für das Fach Technik scharren in meinem Kopf schon ungeduldig mit den Füßen – mehr dazu nächstes Schuljahr.)

(Als Entschuldigung führe ich den großen Umbau am Haus und die Geburt meiner zweiten Tochter an – da fehlt dann hier und da die Kreativität für ausgefallenen Unterricht.) (Aber das ist schon lahm – weiß ich selbst.)

Nun aber: Ich wünsche euch ganz schöne Ferien, erholt euch gut. Hier herrscht jetzt erst einmal Sommerpause Smiley

 

Disclaimer: Der Teil über den Mädchentag entstammt der Feder Tastatur meiner Co, Ramona Stock. Ohne sie wäre das ganze Jahr nicht so entspannt gelaufen, wie es gelaufen ist. Vielen Dank an dieser Stelle!

Jungs-Mädchen-Tag

Eigentlich sollte hier einen Bericht über den großartigen Verlauf unseres Jungs-Mädchen-Tages stehen – aber ich muss euch leider vertrösten; verspreche aber, einen ausführlichen Bericht nachzuholen!
Eine Gruppe wurde diesmal vom WDR begleitet und – versprochen – ich gebe rechtzeitig Bescheid, wann und wo ihr sie bestaunen könnt.

Morgen steht der Siegener Stadtlauf an – einige Tausend Schüler treffen sich in der Innenstadt und werden rennen, rennen, rennen. Wird sicher ein Spektakel und hoffentlich mit besserem Wetter, als heute.

Au revoir

IMAG0785Heute wurden die 10. Klassen verabschiedet. Die Schüler haben ein sehr kurzweiliges Programm auf die Beine gestellt, die Reden waren kurz und – was mich wirklich beeindruckt hat – die Klassen haben verschiedene Lehrer auf die Bühne geholt und sich sehr höflich für die Arbeit bedankt. Besonders die “alten Klassenlehrer” aus der Unterstufe wird das sehr gefreut haben, gerät man doch leicht in Vergessenheit.

Meine Fußball-10er haben sich bei mir für all den Unsinn bedankt, den wir gemeinsam getrieben haben. Eine tolle Zeit war das und ich musste mir tatsächlich eine Träne verdrücken – die habe ich schon ganz schön gern!
Zum Abschied schenkten sie mir BVB-Utensilien und (wohl von einigen uneinsichtigen Schülern ausgesucht) einen Schalke-Becher.

Angesichts Loriotscher Vorkommnisse in diesem Land und weil ich zukünftig als Moderator direkt für das Schulamt tätig bin (Bewerbung erfolgreich! Wuhuuu!), fahre ich mittags brav zur höheren Dienststelle, um diese “Belohnungen” (§59 LBG) anzumelden und “jeden Anschein von Bestechung” zu vermeiden.

Dort werden meine Geschenke kritisch beäugt und mit einem blauen Kugelschreiber mein Name und der Sachverhalt notiert. Anschließend der Wert der Geschenke ermittelt. “Bis zehn Euro is in Ordnung!”, schnarrt man mir entgegen.
Ich nicke pflichtbewusst. Der Schalke-Schal an der Wand lässt böses ahnen.
”Also ich sach ma”, heißt es nach endlosen Minuten, “den Schalke-Becher und die Taschentücher für schlechte Zeiten könn Se behalten. Die Zeckentasse muss wech.”

Ich kneife die Augen zusammen.

Das meint der doch nicht ernst.

Tut er.

Und sein hämisches Grinsen ist nicht zu übersehen. Aber bevor ich reagieren kann, sind Tasse und singender Kugelschreiber (okay, auf den hätte ich verzichten können!) in eine Schublade geräumt. Mürrisch werde ich beiseite gewedelt. “Se ham ja die Taschentücher zum trösten!”

Meckerndes Lachen.

“Au revoir!”

Karriere & Stolpersteine

Früher habe ich oft gehört, dass man als Lehrer zwar ganz gut verdiene, aber halt auch nicht Karriere machen könne, wie in der Wirtschaft. Die FAZ hat vor Jahren einen langen Artikel darüber gebracht und schrieb unter anderem…

Wer heute etwas auf sich hält, will Erfolg, Geld und Anerkennung – so viel wie möglich und am besten sofort. Früher, als die Welt noch klein war und der Lehrer neben dem Arzt und dem Pfarrer der erste Mann im Dorf, mag das auch als Pädagoge möglich gewesen sein. Das ist vorbei.

Heute weiß ich, dass das falsch ist. Auch als Lehrer hat man unzählige Möglichkeiten, seine Karriere in diese und jene Richtung zu lenken. Herr Rau beispielsweise doziert nebenher an der Universität; kubiwahn ist in der Schulleitung; Maik Riecken referiert auf Fortbildungen und Herr Larbig ist nebenher gefragter Autor (und nicht von lustigen Klassenzimmer-Büchern). Meine ehemalige Kunstlehrerin hat in Aachen ein Geschäft eröffnet.

Ob man ans Seminar geht, in die Uni oder die Politik. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Vor einigen Wochen habe ich mich auf eine Moderatorenstelle hier im Kreis beworben. Moderatoren nennt man die Leute, die die Lehrerfortbildungen veranstalten. Meine Intention dahinter war einfach “Lust auf Neues”. Dafür bekommt man weder Geld noch Ruhm – höchstens Arbeit. Aber man lernt spannende Leute kennen und erweitert seinen Horizont immens.
Ich liebe meinen Beruf und möchte gerne hierhin und dahin mal reinschnuppern, um zu sehen, was es noch so gibt.

Nach einem sehr netten Gespräch im Schulamt konnte ich in einer online-Maske meine Daten und Referenzen eintragen. Welche Fortbildungen ich schon genossen habe, welche ich schon gestaltet habe. Dieses und jenes.
Zu guter Letzt:

Für die möglichen Aufgaben der Moderation […] interessiere ich mich, weil ich glaube, dass ich über folgende Kompetenzen verfüge:

1. __________________________

2. __________________________

3. __________________________

Hm.

Ich habe lange gegrübelt. Etwas hingeschrieben. Wieder gelöscht. Was wären denn sinnvolle Kompetenzen? Irgendwas mit Medien? “Ich bin kommunikativ?”
Jede selbstbeweihräuchernde Kompetenz schien mir völlig austauschbar und irgendwie.. mau.

Also schrieb ich:

Ich bin wirklich gut in meinem Job :-)

Ich weiß, dass man so etwas in einer Bewerbungsmappe nicht schreiben sollte. Nie!
Meinen Schülern würde ich was husten. Aber, so dachte ich, wenn sie mir das übel nähmen, sei ich vielleicht nicht der Richtige für den Job und umgekehrt – ich bin überzeugt, dass ich ganz gut bin, sonst würde ich mich ja nicht bewerben. Der Grad zwischen selbstbewusst und arrogant ist schmal.

Heute saß ich dann im Schulamt bei meinem Bewerbungsgespräch. (Immerhin wurde ich eingeladen.)

“Herr Klinge, Sie haben da in Ihrer Bewerbung eine Steilvorlage geliefert: Wie gut sind Sie denn?”

Gespanntes Schweigen.

Ups.

Exkursion zum Länderspiel. Stille.

Stille.
Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

12 Stunden zurück.
Wir treffen uns gut gelaunt an einem kleinen Landbahnhof. Alle sind beisammen und aufgeregt. Uns begleiten zwei weitere Lehrer und zwei Referendare. Ich bin dankbar, die Verantwortung teilen zu können und werde im Laufe der folgenden Nacht merken, wie gut das tat.

IMAG0770Wir haben noch nicht die halbe Zugstrecke geschafft, als Justus vor uns steht. “Herr Klinge”, stammelt er, “ich habe da ein Problem..!”
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich das wirklich hören will. “Ich muss so dringend pinkeln – und die Toilette ist kaputt. Darf ich im nächsten Bahnhof den Wagon wechseln und…!?”

Ich erkläre Justus, dass wir nicht auf ihn warten werden, wenn er aus Schusseligkeit den Zug verpasst, in dem er schon drin sitzt. Er verspricht, keinen Unsinn zu bauen und ist glücklich.

Ich auch.

Bis Jonas vor mir steht.
Jonas verteilt Kuchen. (Eine verlorene Wette.) Linkerhand hält er den selbstgekauften Fertigkuchen, rechterhand ein großes Messer zum Schneiden.

“Schonmal darüber nachgedacht, dass ein Messer im Stadion nur so eine halb coole Idee ist?” Entsorgen möchte Jonas das Lieblingskuchenmesser seiner Oma aber nicht. Die restliche Fahrt überlegt er, es in seinem Schuh zu verstecken. Oder in einem weiteren Fertigkuchen. Oder in seiner Prinzenrolle zwischen den Doppelkeksen. Ich erkläre ihm, wenn das Messer dann gefunden würde, hätte er aber so richtig ein Problem. Alle paar Minuten erzählt er uns von seinem neuesten, immer absurder klingenden Plan. Innerlich sehe ich uns schon die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen.

Jeremias kommt zu uns. “Herr Klinge, ich habe im Stadion angerufen – man darf da keine Rucksäcke mit reinnehmen, haben die gesagt.”
Urgs. Unsere Rückfahrt ist minutiös geplant. Wieder ein innerer Spielfilm: Wir stehen vor einer gigantischen Wand aus 30.000 Lockern. “Herr Klinge, ich habe meinen Schlüssel verloren!” “Herr Klinge, ich weiß meine Nummer nicht mehr!” “Herr Klinge!” “Herr Klinge…?!”

Innerlich vergehe ich, aber zum Glück sind die beiden Referendare ganz entspannt. Eine Oase der guten Laune und der Zuversicht.

Als wir dichtgedrängt in der Straßenbahn stehen, meldet sich erneut Justus. Der mit der Kinderblase. Schweiß auf seiner Stirn, die Beine wackelig. “Herr Klinge”, quetscht er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, “ich. muss. ganz. dringend.” “Schon wieder?” “Schon wieder!”

Ein Kollege erbarmt sich und springt mit Justus aus der proppenvollen S-Bahn. Sofort machen Gerüchte die Runde, Justus wäre ob seines Benehmens rausgeflogen und würde jetzt abgeholt. (Ich muss zugeben, dass ich diese Version der Geschichte befeuerte, um die anderen zu gutem Benehmen anzuhalten.)

Vor dem Stadion holen uns Justus und Begleitung ein. Außerdem vergräbt Jonas schließlich sein Messer mitten auf der Wiese. Er fotografiert das Stück Rasen (“So finde ich das garantiert wieder!”) und wir gehen ins Stadion.

Keine Locker.

Die Taschen werden durchwühlt. Der Ordner isst einen Doppelkeks (“Huuui!”). Plötzlich werden die beiden Referendare und ich von Ordnern weggezogen. Erstens wollen sie wissen, was wir auf das Plakat geschrieben haben. (“Nicht filmen! Unser Schulleiter denkt, wir sind auf Exkursion!”) Zweitens: Wieso haben wir ermäßigte Tickets?! Da stimmt doch was nicht!
Mit stockender Stimme erklären wir den Sachverhalt. Argwöhnisch mustert man uns. Dann sind wir endlich drin.

Innerlich mache ich drei Kreuze. Bisher lief alles prima. Keine Verletzten. Keine Verlorenen und die Tickets sind echt.

IMAG0772_BURST005Während des Spiels haben wir großen Spaß. Die Jungs und Mädchen feiern und singen und grölen und genießen das Erlebnis. Neben uns sitzen fröhliche Kölner, die sich an uns und über uns freuen. Als ich einmal laut “Schweini, ich will ein Kind von dir” schreie, knuffen sie mich an und erklären mit starkem Dialekt: “Ein Dortmunder, der aus Siegen kommt und ein Kind vom Schweini will? In Köln seit ihr alle willkommen! Hier darf man sein!”
Ein Länderspiel ist eben irgendwie ein Volksfest.

Einige Minuten vor dem Abpfiff ist unsere Zeit gekommen. Wir drehen unser Plakat um (“Oh nein, unser Schulleiter hat uns gesehen!”) und verlassen eilig das Stadion. Verpassen wir die S-Bahn, kommen wir erst um 4:30 in unserem Dorf an. Würde jetzt nur bedingt in meinen Plan passen. “Mein Messer”, kreischt Jonas plötzlich auf halbem Weg und rennt wie von der Tarantel gestochen in die Nacht. “Mein Messer! Mein Messer!”
Stumm sehe ich zu, wie Jonas von der Dunkelheit verschluckt wird. Wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt… hmm.
Sekunden vor dem Eintreffen der S-Bahn ist er aber wieder da. Mit dunklen, schmutzigen Fingern, aber glücklich. “Ich habe die Stelle erst nicht gefunden”, erklärt er mir, “im Dunkeln sah das ganz anders aus.”

Die Rückfahrt aus Köln verläuft angenehm ereignislos. Erst jetzt kann ich mich wirklich zurücklehnen. Solche Ausflüge bedeuten doch immer jede Menge Stress für die Verantwortlichen.

Am nächsten Morgen sehen wir uns wieder.

Doppelstunde.

Eigentlich Mathematik.

Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

Fuuuuußball! (Und anderes.)

IMAG0704

Einige wenige Dinge stehen in den letzten drei Schulwochen noch auf meiner ToDo-Liste:

Mit meiner Klasse steht noch der jährliche Mädchen-Junge-Tag an. Die Kinder freuen sich schon sehr drauf. Die Beobachtung zeigt, dass man den Jungs eigentlich nur einen nassen Schwamm in die Hand drücken muss, damit sie glücklich und einige Stunden beschäftigt sind – die Mädchen sind da schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem hat sich die Klasse wieder ein gemeinsames Grillen mit den Eltern gewünscht.

An dieser Stelle wurde zu einer Blogparade eingeladen, über die Erfahrung mit digitalen Medien im Unterricht zu berichten. Dazu passt, dass ich zu einem Lehrerkongress eingeladen wurde, genau darüber zu referieren. Tatsächlich aber werden digitale Medien in meinem Unterricht nur marginal eingesetzt. Für guten Mathematikunterricht braucht man eigentlich nicht viel mehr als ein Blatt Papier, einen gut gespitzten Bleistift und etwas Fantasie. Vielleicht finde ich noch die Zeit, etwas ausführlicher zur Blogparade beizutragen. (Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Schüler einer solchen Laptopklasse unterhalten und das Gespräch hier transkribiert.)

Außerdem: Morgen abend geht es nach Köln zum Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die USA.
Ich bin mir noch im Unklaren, ob es sich um eine schulische, oder eine private Veranstaltung handelt – vermutlich irgendwas dazwischen. In jedem Fall wird es lustig – außer, wir verpassen den Zug nach dem Spiel: Dann kommen wir erst gegen 5 Uhr morgens wieder zu Hause an. (Unnötig zu erwähnen, dass die halbe Klasse das großartig fände und schon angekündigt hat, es darauf anzulegen…)
Auf jeden Fall haben wir ein großes Transparent gemacht, um auf uns aufmerksam zu machen – ob man uns nun sieht, oder nicht: Spaß hat es gemacht.

IMAG0760

Wer also das Länderspiel im Fernsehen schaut – habt doch mal ein Auge, ob man uns auf den Rängen sieht Zwinkerndes Smiley

Rebellion in der Klasse.

Eine Schülerin wird zum Nacharbeiten einbestellt. Im Laufe des Unterrichts ist einer Kollegin der Geduldsfaden gerissen und sie hat sich den nächsten Störenfried rausgegriffen.

“Aber”, jammert sie, “Herr Klinge ich habe wirklich gar nichts gemacht. Der Emil hat Grimassen geschnitten und dann habe ich lachen müssen!”

Ich nicke verständnisvoll – aber natürlich kann ich nichts daran ändern. Die Folge wären endlose Diskussionen darüber, wer zu Recht und Unrecht bestraft würde. Natalie gehört zu den ruhigen Mädchen, die eigentlich nie auffallen. Diesmal hat sie einfach Pech gehabt.

“Sogar die anderen in der Klasse können das bezeugen!”

Die Rest der Klasse kann das nicht nur bezeugen – sie machen sich auch darüber lustig: Mit großen Gesten und sorgenvoller Miene drücken sie ihr Unverständnis über Natalies Verhalten aus. Sie machen sich Gedanken, wie tief die Klasse schon gesunken ist, wenn sogar Natalie nachsitzen nacharbeiten muss. Andere sind sich sicher, dass es endlich mal die wahre Urheberin allen Übels getroffen hat.

Natalie sitzt da und weiß nicht, ob sie frustriert ist oder lachen soll.

Irgendwann ruft der erste rein, er würde sie befreien wollen und wenige Sekunden später ist sich die ganze Klasse einig: Sie würden als wilder Mob den Raum stürmen, die unschuldige Natalie ergreifen und aus der Hand der bösen Lehrerin befreien. Natürlich sind die wildesten Jungs der Klasse ganz vorne mit dabei.

Natalie lacht.
Ich sehe ihr an, wie sehr sie sich darüber freut, dass ihre Klasse (ihre (!) Klasse) sie so gern hat.

Ich dagegen beiße mir auf die Lippen, während ein innerer Spielfilm vor meinem Auge abläuft. Auf keinen Fall (!) darf ich ihnen zeigen, wie lustig ich die Idee fände.

Fast ist mir das auch gelungen.

 

1: Wie immer sind alle Namen falsch.

#33: Paulus und das Ende der Welt

IMAG0286Es gibt da diesen Jünger namens Paulus, der einen großen Teil des Neuen Testaments verfasst hat. Ein faszinierender Mensch. Ununterbrochen reist er durch die antike Welt, lebt zwischen Juden und Griechen und Römern und findet immer wieder neue, frische Wege über die Auferstehung Jesu zu sprechen. Eine Menge Leute wollen ihn umbringen, er wird zusammengeschlagen, erleidet Schiffbruch und hungert und hört doch nie auf über das neue Leben zu sprechen. Den achten Tag.

Nähe & Distanz zu Schülern

Vor einigen Tagen beschrieb Arne Ulbricht in der SPIEGEL-Online Sparte, er entspräche in seinem Berufsbild dem Kumpeltyp und würde zuweilen mit der fehlenden Distanz zu den Schülern kämpfen. 

Als Schüler lag ich einer Englisch-Referendarin zu Füßen. Alle Jungs taten das. 

Die Frage von Nähe und Distanz zu den Schülern – im Beamtendeutsch „Schutzbefohlenen“ – ist von immenser Bedeutung: 

Im Unterschied zu einem Hochschulstudium oder einer Berufsausbildung ist „Erziehung“ nämlich durch das Schulgesetz vorgegebene Aufgabe der Lehrer. Wir können uns nicht auf das “Lehren” beschränken.

Obwohl ich sehr viel Spaß in und an meinem Beruf habe und durch SocialMedia sicher leicht zu greifen bin, betrachte ich mich selbst nicht als Kumpel meiner Schüler.
Aber zum Ende eines Schuljahres verbringt man dann doch bei Projekten, Festen und Exkursionen viel Zeit außerhalb des eigentlichen Unterrichts mit den Kindern. In anderthalb Wochen fahre ich mit einer Abschlussklasse zum Länderspiel und schon während der Vorbereitung rutscht dem ein oder anderen Schüler versehentlich ein „Du“ raus. Nicht aus mangelndem Respekt. Nicht wegen unklarer Rollenverteilung. Sondern aus wachsender Vertrautheit.

Diese Nähe empfinde ich als sehr Zwiespältig.

Ich schätze das entgegengebrachte  Vertrauen. Ich mag, wenn Schüler mich mögen und vermutlich kann ich sie besser motivieren, wenn das Unterrichtsklima positiv ist.
Auf der anderen Seite denke ich, dass ein großer Teil der Schülerin-und-Lehrer-brennen-durch-Storys ihren Anfang in fehlender Distanz gefunden haben. Jede zweite Seifenoper behandelt die verbotene Liebe zwischen einem Lehrer und einer Schülerin.

Ich beneide den Kumpeltyp Ulbricht um seine Sorglosigkeit und Freude am Beruf. Aber mir wäre die Gefahr zu hoch, dass einzelne Schüler am Ende nicht mehr damit zurecht kämen, dass ich sie benote und damit Ausbildungschancen vergebe oder verbaue.

Hätte die genannte Englisch Referendarin uns seinerzeit auch nur einmal zugezwinkert oder einen Hauch Nähe gezeigt, hätte es bei uns kein Halten mehr gegeben. 

Ich bin dankbar, dass sie uns auf Abstand hielt.

Schrittzähler

Die (technikaffinen) Menschen des beginnenden 21. Jahrhunderts sind oft nebenbei mir Schrittzählern ausgestattet (worden):

Mein Smartphone (HTC One M8) hat einen eingebauten Schrittzähler der Firma „fitbit“, der mit dem zusätzlich softwareseitig installierten „google fit“ um meine Gunst konkurriert. Außerdem zählt auch meine Armbanduhr (Moto 360) meine tägliche Schrittzahl.

20150528_190641

Hintergedanke dieser Implementation war sicher, die Menschen dieses Zeitalters zu mehr Bewegung zu animieren und ich fühle mich auch sehr animiert.

Vergleiche ich die Ergebnisse der drei Schrittzähler, muss ich jedoch eingestehen, dass die Technik heutzutage dem Gedanken hinterherhinkt:

Schrittzähler 1

Mein Gewissen beschließt, immer den höchsten Wert als den realistischen anzunehmen.

(Ja, jetzt ist das langweilig. Aber in zwanzig Jahren!)

Apps für (bzw. gegen) den Unterricht (Folge 16)

Screenshot_2015-05-25-17-43-28Chain Reaction

Mein Bruder hat mich für ein simples Spiel begeistert, das ich in einer Vertretungs-Randstunde meiner Klasse zeigte – und seitdem verbreitet es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Schule.

Das Spielprinzip ist nur umständlich zu beschreiben, aber sehr einfach zu spielen: Jeder Spieler (1-8) setzt bunte Kugeln auf das Spielfeld. Hat man genug Kugeln seiner Farbe auf einem Haufen versammelt, kommt es zu einer Kettenreaktion (-> Chain Reaction): Der Haufen spaltet sich und sendet Farbkugeln in alle benachbarten Felder, die daraufhin übernommen werden.
(Für Physiker: ähnlich einem alpha-Zerfall mit je vier freiwerdenden Neutronen, die die benachbarten Atome anregen)
In der Ecke reichen schon 2 Kugeln zum Spalten, am Rand 3 und in einem mittleren Feld benötigt man 4.

Das Besondere ist, dass der Ausgang eines Zuges durchaus berechenbar, aber wegen Denkfaulheit scheinbar zufallsbasiert ist. Durch die zunehmenden Kettenreaktionen wechselt das Spielfeld häufig von fast-ganz-blau über jetzt-fast-komplett-lila zu oh-nein-nur-noch-zwei-Felder-grün. Wer gewinnt ist kaum vorherzusehen und nicht selten siegt jemand, der nur noch ein einziges kümmerliches Feld seiner Farbe besitzt.

IMAG0677

Der Spielspaß ist relativ hoch.
Die Android-Version ist kostenlos und nervt nicht durch eingeblendete Banner. Bis zu 8 Spieler machen einfach Spaß.

Vielleicht etwas für die letzten Stunden vor den Ferien.

 


Zuweilen werden hier Android- und iPhone-Apps vorgestellt, die sich im Unterricht sinnvoll einsetzen lassen. Einen Überblick aller bereits besprochenen Programme findest du hier.

Fehlt noch etwas? Weitere Vorschläge einsenden.

Kinderstube

Demnächst feiert meine Schule 25jähriges Jubiläum.

Neben allerlei Brimborium werden meine Co und einige Mädchen der Klasse ein Kinderschminken anbieten und brauchten Freiwillige zum Üben und ausprobieren.

Und da war er wieder: Einer jener Momente, von denen ich bedaure, das die Eltern nicht teilhaben können.

Die ganze Mittagspause über ließen sich die Jungs der Klasse Bärte und Muster, Spinnen und Tattoos aufmalen. Geduldig ertrugen sie Blumen, falsche Augenbrauen und Katzengesichter. Diese Klasse ist zu einer Art Familie zusammengewachsen, in der niemand außen vorsteht und es ist schade, dass Eltern diese Perspektive oft vorenthalten bleibt.

Dazu passt auch: Lieblingssport der Kinder ist es, sich in den Pausen heimlich ins Gebäude zu schleichen und vor der Aufsicht zu flüchten. Alle drei Tage stehen die Kollegen zähneknirschend vor mir und ich gelobe, mit der Saubande zu reden. Das Problem ist nur: Es handelt sich nicht um vier oder fünf Kinder. Oder elf oder zwölf. Es geht mehr um fünfundzwanzig oder sechsundzwanzig Kinder. Jede Pause sind es andere. Wenn ich die alle zum Hofdienst schicke, haben sie noch SPaß dabei.
Innerlich jubiliere ich: Wenn alle gemeinsam Unsinn machen, spielen alle auch gemeinsam. Und spielende Kinder fühlen sich wohl und lieben den Ort, an dem sie sind! Äußerlich habe ich mahnend der Zeigefinger und versuche gegenzusteuern. Ohne Erfolg.

Ein Kollege hat Anfang der Woche ein kleines Häuflein geschickt abgefangen und zu einem Besinnungsaufsatz verdonnert. Die Jungs und Mädchen haben den auch ohne Widerspruch und zusätzliche Ermahnung geschrieben. Die Hälfte der Briefe beginnt mit

Geehrter Herr…
es tut mir leid, dass…

Und Strafarbeiten, die mit “Sehr geehrter Herr sowieso” beginnen…  – da ist die Kinderstube noch in Ordnung!

Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!