Action mit Glasknochen; Fazit; schöne Ferien!

IMG_20150623_214526Ein weiteres Schuljahr ist vorüber und ich möchte mich zuvorderst ganz herzlich bei euch fürs Mitlesen und Mitfiebern und besonders eure Ideen und Ratschläge bedanken. Immer dann, wenn ich ernsthaft mit dem Gedanken spiele, hier den Stecker zu ziehen, schreibt mir einer von euch einen netten Kommentar und vertreibt meinen Verdruss.

Die Woche begann mit unserem traditionellen Jungs-Mädchen-Tag – oder wie es heute heißen müsste: Gender-Tag. Insgeheim denke ich, dass man locker mehrere Masterarbeiten über die Auswirkungen gendergetrennten Unterrichts bei Kindern schreiben könnte. Offensichtlich ist, wie gut es den Kindern tut, einmal im Jahr in einer geschlechtshomogenen Gruppe zu sein: Die Mädchen brauchen sich keine Sprüche anhören und auch nicht mit den Jungen zu konkurrieren und die Jungs umgekehrt können wild toben und sich auspowern, ohne auf Mädchen Rücksicht zu nehmen. (Ich ahne, dass dieses Bild klischeehaft ist – darum eine Verdeutlichung: In diesem Alter gilt: Wenn Jungs sich ins Wasser schubsen, dann schubsen sie sich. Wenn ein Junge ein Mädchen schubst, hat er ihr dann womöglich schon an den Busen gefasst..!? Manchmal ist es einfacher, wenn alle gleich sind.)

Die Jungs haben sich einmal mehr für eine lange Fahrradtour durch den Wald entschieden, an dessen Ende ein Besuch im Schwimmbad stand. Trotz des schlechten Wetters ein sehr launiger Tag, der bei allen gute Laune hinterlassen hat.

Dass es beim diesjährigen Mädchentag etwas Aufregendes sein musste, etwas mit körperlicher Betätigung, am liebsten etwas, um an die eigenen Grenzen zu gehen, bei dem man aber dennoch als Team agiert und bei dem alle mitmachen können, das war schnell klar. Und wider Erwarten auch schnell gefunden: Ein Besuch im Hochseilgarten auf dem Fischbacherberg.

IMG_0844Dort konnte sich wirklich jede im Rahmen ihrer Möglichkeiten und Besonderheiten einbringen und ihre persönlichen Grenzen austesten. Dabei kam es -wie so oft- zu sehr überraschenden Erlebnissen: Das ganz stille Mädchen, das sich als erste traut, sich auf einen mehrere Meter hohen Pfahl zu stellen und runter in den Gurt zu springen oder das Mädchen mit den Glasknochen, das unbedingt auch die Leiter hochklettern will. Damit unsere Zwillinge auch etwas Höhenluft schnuppern konnten, wurde sogar ein spezieller Sitz eingesetzt, mit dem sie die Seilbahn runtersausen konnten. Das war so spannend, dass uns sogar ein Team der WDR-Lokalzeit dabei begleitete!

Den Bericht dazu gibt es irgendwann demnächst zu sehen – ich werde rechtzeitig darauf aufmerksam machen und außerdem versuchen, ihn hier einzubinden.

Mittwoch dann der Schülerlauf der Stadt Siegen. Mit knapp 10.000 Schülern ein sehr gut besuchtes Ereignis. Den Kindern macht’s Spaß aber mehr gibt es dazu auch nicht zu erzählen.

IMG_20150626_143019Gestern haben wir gepicknickt und Fußball gespielt. Sehr beeindruckt hat mich der Einsatz vieler Mädchen, die ordentlich mitgehalten haben. Keine feinen Damen oder so – da wurde gegrätscht und gezogen und gezerrt, Anweisungen gebrüllt und gemeinsam die Jungs beackert. Etwa ein Drittel aller Tore wurden von Mädchen geschossen. Besonders schön ist, dass niemand umgetreten, niemand geweint und niemand traurig war. Ein lauer Kick mit viel Spaß. So schön der Jungs-Mädchen-Tag auch ist: Alle gemeinsam ist am besten.

Heute dann Zeugnisse und viele Glückwünsche. Zum Schuljahresabschluss wiederholen wir stets unsere Feedback-Runde: Zunächst trennen wir die Klasse in Jungs und Mädchen und bitten jeden Schüler, auf ein weißes Blatt in die Mitte seinen Namen zu schreiben. Im Folgenden sollten sie – ohne zu reden – umhergehen und auf die Zettel der anderen draufschreiben, was sie an ihm besonders mögen würden. Was sie toll fänden.

IMG_20150626_143520Ohne zu sprechen.

Erstmal geschlechtergetrennt und nach ein paar Minuten bei jedem.

Wichtig war: man durfte nur positives draufschreiben. Nur Dinge, die man am anderen schätzte. Und nach einer halben Stunde saß jeder wieder an seinem Platz und hatte eine Art „Zeugnis“ vor sich.

“Toll, wie du uns immer zum Lachen bringst.” “Ich mag, dass du immer so hilfsbereit bist.” „Du bist eine wunderbare Freundin!“

Es tut gut, Gutes zu hören.


Jetzt ist es einmal mehr Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Blicke ich auf das vergangene Jahr zurück bin ich nur so halb zufrieden. Highlights waren sicher Klassenfahrt, Jungs-Mädchen-Tag und das Länderspiel. Die Ergebnisse meiner Kurse bei ZAP und Vera lassen mich auch auf die Mathematik-Klassen zufrieden blicken. Ich glaube, dass ich mit der Lerntheken-Schiene recht gut fahre und sehe da im Augenblick nur wenig Ansätze zu echter Verbesserung. Nächstes Jahr bekomme ich vielleicht wieder eine Klasse 5 – mal sehen, ob das auch da klappt. Außerdem habe ich mich erfolgreich als Moderator für das Fach Mathematik hier im Landkreis beworben. Das wird gewiss spannend.

Wirklich großartig war mein Workbook „Elektronik“ im Fach Technik. Einige Kinder haben unfassbares Wissen aus dem Jahr mitgenommen und mir hat es die Struktur meines Unterrichts enorm erleichtert. Das hat richtig Spaß gemacht und wird wiederholt werden. Im Augenblick (und ins nächste Schuljahr hinein) bauen wir an den Radios – ein Schüler hat eine eigene Sendeanzeige konstruiert, andere Kopfhörerbuchsen eingebaut… Wahnsinn!)

Unzufrieden bin ich hingegen mit dem Fach Physik und dem anderen Technik-Kurs.

Alles bestimmt nicht super-schlechter Unterricht – aber ich… ach.. kennt ihr so Kurse, die ihr euch anders vorstellt? Ich mache gerne Unterricht, bei dem ich hinterher denke, „hui.. das war richtig gut!“ Und Physik war zuletzt immer nur.. „okay“. Irgendwie Schema-F. Ich will mich selbst auf jede Stunde freuen und voller Kreativität und Begeisterung präsent sein, aber das war zuletzt nicht mehr so.
Mir helfen dabei immer Projekte. Und nach der Film-Lerntheke, den NW-Workbooks und dem Elektronik-Workbook in Technik habe ich mir für die Sommerferien vorgenommen, ein solches Projekt für Physik zu entwickeln, bei dem ich selbst am liebsten nochmal Schüler wäre. (Zwei weitere Ideen für das Fach Technik scharren in meinem Kopf schon ungeduldig mit den Füßen – mehr dazu nächstes Schuljahr.)

(Als Entschuldigung führe ich den großen Umbau am Haus und die Geburt meiner zweiten Tochter an – da fehlt dann hier und da die Kreativität für ausgefallenen Unterricht.) (Aber das ist schon lahm – weiß ich selbst.)

Nun aber: Ich wünsche euch ganz schöne Ferien, erholt euch gut. Hier herrscht jetzt erst einmal Sommerpause Smiley

 

Disclaimer: Der Teil über den Mädchentag entstammt der Feder Tastatur meiner Co, Ramona Stock. Ohne sie wäre das ganze Jahr nicht so entspannt gelaufen, wie es gelaufen ist. Vielen Dank an dieser Stelle!

Au revoir

IMAG0785Heute wurden die 10. Klassen verabschiedet. Die Schüler haben ein sehr kurzweiliges Programm auf die Beine gestellt, die Reden waren kurz und – was mich wirklich beeindruckt hat – die Klassen haben verschiedene Lehrer auf die Bühne geholt und sich sehr höflich für die Arbeit bedankt. Besonders die “alten Klassenlehrer” aus der Unterstufe wird das sehr gefreut haben, gerät man doch leicht in Vergessenheit.

Meine Fußball-10er haben sich bei mir für all den Unsinn bedankt, den wir gemeinsam getrieben haben. Eine tolle Zeit war das und ich musste mir tatsächlich eine Träne verdrücken – die habe ich schon ganz schön gern!
Zum Abschied schenkten sie mir BVB-Utensilien und (wohl von einigen uneinsichtigen Schülern ausgesucht) einen Schalke-Becher.

Angesichts Loriotscher Vorkommnisse in diesem Land und weil ich zukünftig als Moderator direkt für das Schulamt tätig bin (Bewerbung erfolgreich! Wuhuuu!), fahre ich mittags brav zur höheren Dienststelle, um diese “Belohnungen” (§59 LBG) anzumelden und “jeden Anschein von Bestechung” zu vermeiden.

Dort werden meine Geschenke kritisch beäugt und mit einem blauen Kugelschreiber mein Name und der Sachverhalt notiert. Anschließend der Wert der Geschenke ermittelt. “Bis zehn Euro is in Ordnung!”, schnarrt man mir entgegen.
Ich nicke pflichtbewusst. Der Schalke-Schal an der Wand lässt böses ahnen.
”Also ich sach ma”, heißt es nach endlosen Minuten, “den Schalke-Becher und die Taschentücher für schlechte Zeiten könn Se behalten. Die Zeckentasse muss wech.”

Ich kneife die Augen zusammen.

Das meint der doch nicht ernst.

Tut er.

Und sein hämisches Grinsen ist nicht zu übersehen. Aber bevor ich reagieren kann, sind Tasse und singender Kugelschreiber (okay, auf den hätte ich verzichten können!) in eine Schublade geräumt. Mürrisch werde ich beiseite gewedelt. “Se ham ja die Taschentücher zum trösten!”

Meckerndes Lachen.

“Au revoir!”

Karriere & Stolpersteine

Früher habe ich oft gehört, dass man als Lehrer zwar ganz gut verdiene, aber halt auch nicht Karriere machen könne, wie in der Wirtschaft. Die FAZ hat vor Jahren einen langen Artikel darüber gebracht und schrieb unter anderem…

Wer heute etwas auf sich hält, will Erfolg, Geld und Anerkennung – so viel wie möglich und am besten sofort. Früher, als die Welt noch klein war und der Lehrer neben dem Arzt und dem Pfarrer der erste Mann im Dorf, mag das auch als Pädagoge möglich gewesen sein. Das ist vorbei.

Heute weiß ich, dass das falsch ist. Auch als Lehrer hat man unzählige Möglichkeiten, seine Karriere in diese und jene Richtung zu lenken. Herr Rau beispielsweise doziert nebenher an der Universität; kubiwahn ist in der Schulleitung; Maik Riecken referiert auf Fortbildungen und Herr Larbig ist nebenher gefragter Autor (und nicht von lustigen Klassenzimmer-Büchern). Meine ehemalige Kunstlehrerin hat in Aachen ein Geschäft eröffnet.

Ob man ans Seminar geht, in die Uni oder die Politik. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Vor einigen Wochen habe ich mich auf eine Moderatorenstelle hier im Kreis beworben. Moderatoren nennt man die Leute, die die Lehrerfortbildungen veranstalten. Meine Intention dahinter war einfach “Lust auf Neues”. Dafür bekommt man weder Geld noch Ruhm – höchstens Arbeit. Aber man lernt spannende Leute kennen und erweitert seinen Horizont immens.
Ich liebe meinen Beruf und möchte gerne hierhin und dahin mal reinschnuppern, um zu sehen, was es noch so gibt.

Nach einem sehr netten Gespräch im Schulamt konnte ich in einer online-Maske meine Daten und Referenzen eintragen. Welche Fortbildungen ich schon genossen habe, welche ich schon gestaltet habe. Dieses und jenes.
Zu guter Letzt:

Für die möglichen Aufgaben der Moderation […] interessiere ich mich, weil ich glaube, dass ich über folgende Kompetenzen verfüge:

1. __________________________

2. __________________________

3. __________________________

Hm.

Ich habe lange gegrübelt. Etwas hingeschrieben. Wieder gelöscht. Was wären denn sinnvolle Kompetenzen? Irgendwas mit Medien? “Ich bin kommunikativ?”
Jede selbstbeweihräuchernde Kompetenz schien mir völlig austauschbar und irgendwie.. mau.

Also schrieb ich:

Ich bin wirklich gut in meinem Job :-)

Ich weiß, dass man so etwas in einer Bewerbungsmappe nicht schreiben sollte. Nie!
Meinen Schülern würde ich was husten. Aber, so dachte ich, wenn sie mir das übel nähmen, sei ich vielleicht nicht der Richtige für den Job und umgekehrt – ich bin überzeugt, dass ich ganz gut bin, sonst würde ich mich ja nicht bewerben. Der Grad zwischen selbstbewusst und arrogant ist schmal.

Heute saß ich dann im Schulamt bei meinem Bewerbungsgespräch. (Immerhin wurde ich eingeladen.)

“Herr Klinge, Sie haben da in Ihrer Bewerbung eine Steilvorlage geliefert: Wie gut sind Sie denn?”

Gespanntes Schweigen.

Ups.

Exkursion zum Länderspiel. Stille.

Stille.
Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

12 Stunden zurück.
Wir treffen uns gut gelaunt an einem kleinen Landbahnhof. Alle sind beisammen und aufgeregt. Uns begleiten zwei weitere Lehrer und zwei Referendare. Ich bin dankbar, die Verantwortung teilen zu können und werde im Laufe der folgenden Nacht merken, wie gut das tat.

IMAG0770Wir haben noch nicht die halbe Zugstrecke geschafft, als Justus vor uns steht. “Herr Klinge”, stammelt er, “ich habe da ein Problem..!”
Für einen Moment weiß ich nicht, ob ich das wirklich hören will. “Ich muss so dringend pinkeln – und die Toilette ist kaputt. Darf ich im nächsten Bahnhof den Wagon wechseln und…!?”

Ich erkläre Justus, dass wir nicht auf ihn warten werden, wenn er aus Schusseligkeit den Zug verpasst, in dem er schon drin sitzt. Er verspricht, keinen Unsinn zu bauen und ist glücklich.

Ich auch.

Bis Jonas vor mir steht.
Jonas verteilt Kuchen. (Eine verlorene Wette.) Linkerhand hält er den selbstgekauften Fertigkuchen, rechterhand ein großes Messer zum Schneiden.

“Schonmal darüber nachgedacht, dass ein Messer im Stadion nur so eine halb coole Idee ist?” Entsorgen möchte Jonas das Lieblingskuchenmesser seiner Oma aber nicht. Die restliche Fahrt überlegt er, es in seinem Schuh zu verstecken. Oder in einem weiteren Fertigkuchen. Oder in seiner Prinzenrolle zwischen den Doppelkeksen. Ich erkläre ihm, wenn das Messer dann gefunden würde, hätte er aber so richtig ein Problem. Alle paar Minuten erzählt er uns von seinem neuesten, immer absurder klingenden Plan. Innerlich sehe ich uns schon die Nacht in einer Gefängniszelle verbringen.

Jeremias kommt zu uns. “Herr Klinge, ich habe im Stadion angerufen – man darf da keine Rucksäcke mit reinnehmen, haben die gesagt.”
Urgs. Unsere Rückfahrt ist minutiös geplant. Wieder ein innerer Spielfilm: Wir stehen vor einer gigantischen Wand aus 30.000 Lockern. “Herr Klinge, ich habe meinen Schlüssel verloren!” “Herr Klinge, ich weiß meine Nummer nicht mehr!” “Herr Klinge!” “Herr Klinge…?!”

Innerlich vergehe ich, aber zum Glück sind die beiden Referendare ganz entspannt. Eine Oase der guten Laune und der Zuversicht.

Als wir dichtgedrängt in der Straßenbahn stehen, meldet sich erneut Justus. Der mit der Kinderblase. Schweiß auf seiner Stirn, die Beine wackelig. “Herr Klinge”, quetscht er mit zusammengebissenen Zähnen hervor, “ich. muss. ganz. dringend.” “Schon wieder?” “Schon wieder!”

Ein Kollege erbarmt sich und springt mit Justus aus der proppenvollen S-Bahn. Sofort machen Gerüchte die Runde, Justus wäre ob seines Benehmens rausgeflogen und würde jetzt abgeholt. (Ich muss zugeben, dass ich diese Version der Geschichte befeuerte, um die anderen zu gutem Benehmen anzuhalten.)

Vor dem Stadion holen uns Justus und Begleitung ein. Außerdem vergräbt Jonas schließlich sein Messer mitten auf der Wiese. Er fotografiert das Stück Rasen (“So finde ich das garantiert wieder!”) und wir gehen ins Stadion.

Keine Locker.

Die Taschen werden durchwühlt. Der Ordner isst einen Doppelkeks (“Huuui!”). Plötzlich werden die beiden Referendare und ich von Ordnern weggezogen. Erstens wollen sie wissen, was wir auf das Plakat geschrieben haben. (“Nicht filmen! Unser Schulleiter denkt, wir sind auf Exkursion!”) Zweitens: Wieso haben wir ermäßigte Tickets?! Da stimmt doch was nicht!
Mit stockender Stimme erklären wir den Sachverhalt. Argwöhnisch mustert man uns. Dann sind wir endlich drin.

Innerlich mache ich drei Kreuze. Bisher lief alles prima. Keine Verletzten. Keine Verlorenen und die Tickets sind echt.

IMAG0772_BURST005Während des Spiels haben wir großen Spaß. Die Jungs und Mädchen feiern und singen und grölen und genießen das Erlebnis. Neben uns sitzen fröhliche Kölner, die sich an uns und über uns freuen. Als ich einmal laut “Schweini, ich will ein Kind von dir” schreie, knuffen sie mich an und erklären mit starkem Dialekt: “Ein Dortmunder, der aus Siegen kommt und ein Kind vom Schweini will? In Köln seit ihr alle willkommen! Hier darf man sein!”
Ein Länderspiel ist eben irgendwie ein Volksfest.

Einige Minuten vor dem Abpfiff ist unsere Zeit gekommen. Wir drehen unser Plakat um (“Oh nein, unser Schulleiter hat uns gesehen!”) und verlassen eilig das Stadion. Verpassen wir die S-Bahn, kommen wir erst um 4:30 in unserem Dorf an. Würde jetzt nur bedingt in meinen Plan passen. “Mein Messer”, kreischt Jonas plötzlich auf halbem Weg und rennt wie von der Tarantel gestochen in die Nacht. “Mein Messer! Mein Messer!”
Stumm sehe ich zu, wie Jonas von der Dunkelheit verschluckt wird. Wenn er jetzt nicht mehr wiederkommt… hmm.
Sekunden vor dem Eintreffen der S-Bahn ist er aber wieder da. Mit dunklen, schmutzigen Fingern, aber glücklich. “Ich habe die Stelle erst nicht gefunden”, erklärt er mir, “im Dunkeln sah das ganz anders aus.”

Die Rückfahrt aus Köln verläuft angenehm ereignislos. Erst jetzt kann ich mich wirklich zurücklehnen. Solche Ausflüge bedeuten doch immer jede Menge Stress für die Verantwortlichen.

Am nächsten Morgen sehen wir uns wieder.

Doppelstunde.

Eigentlich Mathematik.

Stumm sehen wir uns an. Meine 10er und ich. Heute braucht es keine Worte.

Fuuuuußball! (Und anderes.)

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Einige wenige Dinge stehen in den letzten drei Schulwochen noch auf meiner ToDo-Liste:

Mit meiner Klasse steht noch der jährliche Mädchen-Junge-Tag an. Die Kinder freuen sich schon sehr drauf. Die Beobachtung zeigt, dass man den Jungs eigentlich nur einen nassen Schwamm in die Hand drücken muss, damit sie glücklich und einige Stunden beschäftigt sind – die Mädchen sind da schwieriger und anspruchsvoller. Außerdem hat sich die Klasse wieder ein gemeinsames Grillen mit den Eltern gewünscht.

An dieser Stelle wurde zu einer Blogparade eingeladen, über die Erfahrung mit digitalen Medien im Unterricht zu berichten. Dazu passt, dass ich zu einem Lehrerkongress eingeladen wurde, genau darüber zu referieren. Tatsächlich aber werden digitale Medien in meinem Unterricht nur marginal eingesetzt. Für guten Mathematikunterricht braucht man eigentlich nicht viel mehr als ein Blatt Papier, einen gut gespitzten Bleistift und etwas Fantasie. Vielleicht finde ich noch die Zeit, etwas ausführlicher zur Blogparade beizutragen. (Vor zwei Jahren habe ich mich mit einem Schüler einer solchen Laptopklasse unterhalten und das Gespräch hier transkribiert.)

Außerdem: Morgen abend geht es nach Köln zum Länderspiel der Nationalmannschaft gegen die USA.
Ich bin mir noch im Unklaren, ob es sich um eine schulische, oder eine private Veranstaltung handelt – vermutlich irgendwas dazwischen. In jedem Fall wird es lustig – außer, wir verpassen den Zug nach dem Spiel: Dann kommen wir erst gegen 5 Uhr morgens wieder zu Hause an. (Unnötig zu erwähnen, dass die halbe Klasse das großartig fände und schon angekündigt hat, es darauf anzulegen…)
Auf jeden Fall haben wir ein großes Transparent gemacht, um auf uns aufmerksam zu machen – ob man uns nun sieht, oder nicht: Spaß hat es gemacht.

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Wer also das Länderspiel im Fernsehen schaut – habt doch mal ein Auge, ob man uns auf den Rängen sieht Zwinkerndes Smiley

Nähe & Distanz zu Schülern

Vor einigen Tagen beschrieb Arne Ulbricht in der SPIEGEL-Online Sparte, er entspräche in seinem Berufsbild dem Kumpeltyp und würde zuweilen mit der fehlenden Distanz zu den Schülern kämpfen. 

Als Schüler lag ich einer Englisch-Referendarin zu Füßen. Alle Jungs taten das. 

Die Frage von Nähe und Distanz zu den Schülern – im Beamtendeutsch „Schutzbefohlenen“ – ist von immenser Bedeutung: 

Im Unterschied zu einem Hochschulstudium oder einer Berufsausbildung ist „Erziehung“ nämlich durch das Schulgesetz vorgegebene Aufgabe der Lehrer. Wir können uns nicht auf das “Lehren” beschränken.

Obwohl ich sehr viel Spaß in und an meinem Beruf habe und durch SocialMedia sicher leicht zu greifen bin, betrachte ich mich selbst nicht als Kumpel meiner Schüler.
Aber zum Ende eines Schuljahres verbringt man dann doch bei Projekten, Festen und Exkursionen viel Zeit außerhalb des eigentlichen Unterrichts mit den Kindern. In anderthalb Wochen fahre ich mit einer Abschlussklasse zum Länderspiel und schon während der Vorbereitung rutscht dem ein oder anderen Schüler versehentlich ein „Du“ raus. Nicht aus mangelndem Respekt. Nicht wegen unklarer Rollenverteilung. Sondern aus wachsender Vertrautheit.

Diese Nähe empfinde ich als sehr Zwiespältig.

Ich schätze das entgegengebrachte  Vertrauen. Ich mag, wenn Schüler mich mögen und vermutlich kann ich sie besser motivieren, wenn das Unterrichtsklima positiv ist.
Auf der anderen Seite denke ich, dass ein großer Teil der Schülerin-und-Lehrer-brennen-durch-Storys ihren Anfang in fehlender Distanz gefunden haben. Jede zweite Seifenoper behandelt die verbotene Liebe zwischen einem Lehrer und einer Schülerin.

Ich beneide den Kumpeltyp Ulbricht um seine Sorglosigkeit und Freude am Beruf. Aber mir wäre die Gefahr zu hoch, dass einzelne Schüler am Ende nicht mehr damit zurecht kämen, dass ich sie benote und damit Ausbildungschancen vergebe oder verbaue.

Hätte die genannte Englisch Referendarin uns seinerzeit auch nur einmal zugezwinkert oder einen Hauch Nähe gezeigt, hätte es bei uns kein Halten mehr gegeben. 

Ich bin dankbar, dass sie uns auf Abstand hielt.

Apps für (bzw. gegen) den Unterricht (Folge 16)

Screenshot_2015-05-25-17-43-28Chain Reaction

Mein Bruder hat mich für ein simples Spiel begeistert, das ich in einer Vertretungs-Randstunde meiner Klasse zeigte – und seitdem verbreitet es sich wie ein Lauffeuer durch die ganze Schule.

Das Spielprinzip ist nur umständlich zu beschreiben, aber sehr einfach zu spielen: Jeder Spieler (1-8) setzt bunte Kugeln auf das Spielfeld. Hat man genug Kugeln seiner Farbe auf einem Haufen versammelt, kommt es zu einer Kettenreaktion (-> Chain Reaction): Der Haufen spaltet sich und sendet Farbkugeln in alle benachbarten Felder, die daraufhin übernommen werden.
(Für Physiker: ähnlich einem alpha-Zerfall mit je vier freiwerdenden Neutronen, die die benachbarten Atome anregen)
In der Ecke reichen schon 2 Kugeln zum Spalten, am Rand 3 und in einem mittleren Feld benötigt man 4.

Das Besondere ist, dass der Ausgang eines Zuges durchaus berechenbar, aber wegen Denkfaulheit scheinbar zufallsbasiert ist. Durch die zunehmenden Kettenreaktionen wechselt das Spielfeld häufig von fast-ganz-blau über jetzt-fast-komplett-lila zu oh-nein-nur-noch-zwei-Felder-grün. Wer gewinnt ist kaum vorherzusehen und nicht selten siegt jemand, der nur noch ein einziges kümmerliches Feld seiner Farbe besitzt.

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Der Spielspaß ist relativ hoch.
Die Android-Version ist kostenlos und nervt nicht durch eingeblendete Banner. Bis zu 8 Spieler machen einfach Spaß.

Vielleicht etwas für die letzten Stunden vor den Ferien.

 


Zuweilen werden hier Android- und iPhone-Apps vorgestellt, die sich im Unterricht sinnvoll einsetzen lassen. Einen Überblick aller bereits besprochenen Programme findest du hier.

Fehlt noch etwas? Weitere Vorschläge einsenden.

Siebtklässler und Auschwitz

[Ein Gastbeitrag meiner Co-Klassenlehrerin, Ramona Stock.]

IMG-20150519-WA0000Im Deutschunterricht der Klasse 7 werden an unserer Schule häufig Bücher gelesen, die die NS-Zeit thematisieren. Die Sekundärliteratur schlägt derartige Bücher aufgrund der mangelnden „psychologischen Reife und Empfänglichkeit für das Thema Holocaust“ der jüngeren Schüler meistens erst ab der 9., frühestens der 8. Klasse vor. Auch ich war äußerst skeptisch:

Ist die unfassbare Grausamkeit der nationalsozialistischen Effizienz und Menschenverachtung nicht zu viel für die noch kindlichen Gemüter unserer Siebtklässler? Und was ist mit unseren Glasknochenkindern, die in der damaligen Zeit als „unwertes Leben“ eingestuft worden wären? Kann ich sie (schon) damit konfrontieren, dass ihr Leben in einer anderen Zeit einfach ausgelöscht worden wäre? Und wie kann ich mit diesem Thema umgehen, ohne mit erhobenem Zeigefinger Betroffenheit und schlechtes Gewissen einzufordern (wie ich das in meiner Schulzeit empfunden habe)? Wie gehe ich überhaupt angemessen damit um?

Zur Wahl stellte ich den Schülern „Damals war es Friedrich“, „Der Junge im gestreiften Pyjama“ und ein Buch mit völlig anderem Thema. Alle drei stellte ich vor, von allen dreien las ich das erste Kapitel vor. Die Abstimmung war verblüffend: Die Schüler stimmten fast einstimmig für den „Jungen im gestreiften Pyjama“.

Und es wird immer verblüffender: Die Schüler lesen das Buch tatsächlich. Und ihr Gesprächsbedarf darüber, was sie lesen, ist enorm! Wir haben im Klassenzimmer ein Plakat angebracht, auf dem die Schüler eintragen können, worüber sie gerne mehr erfahren möchten. Das bezieht sich auf Textstellen, die sie sich genauer angucken möchten, und auf historisches Hintergrundwissen. Die Schüler tragen tatsächlich Dinge darauf ein! Richtig gute Dinge, die den Unterrichtsverlauf strukturieren und die Lektüre des Buchs vertiefen. Für jedes kleine Nebenthema findet sich sofort jemand, der es recherchiert. Es ist eine der seltenen Unterrichtsreihen, in denen ich tatsächlich den Unterricht ganz schülerzentriert mit ihnen zusammen gestalten kann und es ist wunderbar! Und vor allem ganz unverkrampft!

Eines unserer Glasknochenmädchen erwähnte übrigens selber ganz selbstverständlich, dass auch Menschen mit Handicap damals deportiert wurden. Und einige Schüler fragten, wo denn eigentlich von Siegen aus das nächste KZ sei, das man heute noch besichtigen könnte. Darum kreisen unsere Gedanken jetzt: Ab welchem Alter kann man mit den Schülern ein KZ besuchen? Von Siegen aus, sind alle Wege weit. Sollte man dann nicht aufs Ganze gehen und nach Auschwitz fahren (wo übrigens auch unser Buch spielt)?  Was für Erfahrungen habt ihr da gemacht?

Über Rückmeldungen wäre ich ganz dankbar!

Gnade vor Recht…?!

halbtagsblog - 2SppRNlB4gVor einigen Jahren gab es da in meiner Stufe diesen Jungen: In der Grundschule als Klassenkasper stets im Mittelpunkt. Alle paar Monate Elterngespräche wegen Raufereien, ungebührlichen Betragens und vergessener Hausaufgaben. Eine Karriere, die sich nahtlos an der weiterführenden Schule fortsetzte: Marginale Fremdsprachenkenntnisse in Kombination mit einer Sauklaue und praktizierter Faulheit. Viele flotte Sprüche statt gemachter Hausaufgaben. Bestimmt ein netter Kerl und – typischer Lehrerspruch – mit “so viel Potenzial!”

Obwohl ich meine Behauptung nie belegen könnte, bin ich mir sicher, dass die Lehrer seinerzeit hier und da ein Auge zugedrückt haben. “Komm, der Jan ist zwar in Französisch ne Pfeife, aber ich glaube, aus dem kann trotzdem noch was werden.” Meine mündliche Prüfung in der Uni in Psychologie war – gelinde gesagt – eine Katastrophe. Das ich bestanden habe, verdanke ich ausschließlich der Gnade der Prüfungskommission.

An vielen Stellen hätten meine Lehrer, Dozenten und Ausbildungskoordinatoren mir einen völlig anderen Lebenslauf verpassen können. Mehr als einmal haben sie Gnade vor Recht ergehen lassen. Zurecht?

Aus mir ist etwas geworden. Ich habe das Abitur geschafft, ein Hochschulstudium absolviert, bin verheiratet, habe wunderbare Kinder und darf einen fantastischen Beruf ausüben. Wenn man so will, haben meine Lehrer mir an den richtigen Stellen Tritte versetzt und an den richtigen Stellen weggesehen.

Heute bin ich Lehrer.
Auf meinem Schreibtisch liegen die Leistungen von Jungen und Mädchen mit – ihr habt es kommen sehen – “so viel Potenzial!”
Tendenziell gehöre ich wohl eher zu den strengen Kollegen: Ich reagiere allergisch, wenn Schüler fürs Nichtstun noch eine 4 geschenkt haben wollen. Man darf gerne faul sein – muss dann aber mit den Konsequenzen leben.

Und doch.

Eine 5 im Nebenfach Physik kann in der 10 über Schulabschlüsse und Ausbildungsverträge entscheiden. Ich frage mich, an welchen Stellen ich Gnade vor Recht ergehen lassen sollte. Bei wem wäre es richtig, womöglich mal ein Auge zudrücken?

Aber ist das nicht wiederum ungerecht?

Aber habe andererseits ich nicht von dieser Ungerechtigkeit profitiert? Wäre die Welt besser, wenn auch ich womöglich gerecht behandelt worden wäre – aber heute im IKEA Regale einräumen würde?

Ich wüsste gerne eure Gedanken dazu – sowohl von den mitlesenden Lehrern, als auch von den (noch idealistischen) Lehramtsstudenten und Referendaren, aber auch von mitlesenden Eltern:

Darf ein Bewertungskriterium bei Noten “das Potenzial” sein, was der Lehrer in einem Schüler (euren Kindern?) sieht?

Kann es sein, dass es ungerecht manchmal richtig ist?

Geschafft.

(Dieser Eintrag dient mir selbst vor allem als Erinnerung, dass an mir kein Handwerker verloren gegangen ist.) (Ich komme erst am Schluss dazu, was die ganze Geschichte mit Schule zu tun hat.)

Die Vorbesitzer unseres Hauses haben uns die ramponierten Überreste eines Swimming Pools hinterlassen, die symbolisch für meine Schulleistungen in der Mittelstufe stehen können:

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Es ist etwas vorhanden. Aber nichts wirklich Brauchbares.

Nachdem wir im vergangenen Jahr vor allem das Haus aus- und umgebaut haben, war jetzt ein guter Zeitpunkt für den Pool. Fand zumindest meine Frau.
Die vergangenen Tage und Wochen habe ich also viel freie Zeit damit verbracht, diese Ruine abzutragen:

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Mit einigen geliehenen Baustützen und jeder Menge Beton habe ich die Seitenwände zurückgebogen und neu fixiert. (Auf Fotos sieht das immer so husch-husch wie im Fernsehen aus – aber bedauerlicherweise gibt es keinen Zeitraffer im echten Leben.)

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Damit die Edelstahlwände halten und sich nicht zurückbiegen, wurden jeweils (links im Bild) Bleche aufgeschweißt und verschraubt. (Dabei habe ich festgestellt, dass die Sonnenfinsternisbrillen auch beim Schweißen funktionieren.) (Also, nicht zum arbeiten, sondern zum Betrachten des Lichts!)

Im nächsten Schritt dann eine Unterkonstruktion für die Terrasse.

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Die dann mit Kieferholz gefüllt wurde. Außerdem noch ein Carport Freisitz auf die Terrasse, um etwas mehr von der Sonne zu haben.

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Heute, nach all den Abenden und Nächten bin ich mit dem Ergebnis einigermaßen zufrieden, ziehe mich aber aus dem Terrassenbaugewerbe zurück. IMG_20150501_154304Denn in Wahrheit bin ich ein ungeduldiger, oberflächlicher und schlechter Handwerker. Im Gegensatz zu meinen Geschwistern, die da deutlich akribischer sind.

“Weißt du”, schimpft mein Bruder irgendwann, “du bist doch im Grunde genau wie deine Schüler: Du streichst da mit dem Pinsel zweimal drüber und damit hast du deine Pflicht erfüllt. Ob das scheiße aussieht oder nicht… Du hast gestrichen und das reicht dir als Ausrede.”

Lustlos streiche ich noch ein weiteres Mal über das Holz (trotzdem entdecke ich später, dass da unendlich viele unlackierte Stellen bleiben).

Natürlich hat er Recht. Wie oft erklären mir meine Schüler, sie hätten gelernt… Zwei Stunden lang! Ganz sicher!

Und natürlich habe ich das Holz ordentlich gestrichen! Zweimal! Klar habe ich die Schrauben ordentlich versenkt. Ganz ordentlich!
Und doch sieht es am Ende an vielen Stellen aus wie Kraut und Rüben. Das ginge schon besser – wenn ich nur wollte.

Aber wenn ich ehrlich bin, reicht mir das Ergebnis. Damals wie heute.
Und damit bin ich mit vielen meiner Schüler vermutlich genau auf einer Wellenlänge.

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(Ab sofort habe ich jedenfalls wieder mehr Zeit zum bloggen.) (Bis zur nächsten Idee meiner Frau)

Schule wie zu Großvaters Zeiten.

Aus Gründen unterrichte ich bis zum Sommer einmal wöchentlich einen Mittelstufen-Mathematik-Kurs mit knapp 50 Schülern.
Für mich (und die Kinder) ist das durchaus herausfordernd – läuft bisher aber völlig problemlos. Jeder bemüht sich, seinen eigenen Rede-Drang für 45 Minuten herunterzufahren, um den Lärmpegel erträglich zu halten.
Spannend finde ich die Vorstellung, dass solche Klassengrößen Anfang des letzten Jahrhunderts durchaus üblich waren, in China üblich ist.

Interessant dabei die öffentliche Diskussion, ob sich die Klassengröße auf die Leistung der Schüler auswirkt. Lehrer sagen ja, Studien behaupten (belegen?) das Gegenteil.

Die Lehrarbeit lebe ich oft genug als Beziehungsarbeit: Ich kommuniziere mit Schülern, klopfe Sprüche, spiele mit Antworten und weiß, wie ich einzelnen Schüler begegnen muss. Hier frage ich, wie es dem Pflegepferd geht, dort nach dem Wochenende.
In einem Kurs mit 50 Leuten fällt dieser Faktor völlig weg. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Lehren, für individuelle Hilfestellungen (man könnte auch sagen: Rücksichtnahme auf den Einzelnen) gibt es keinen Platz mehr. Diese eine Stunde in der Woche erinnert eher an die Vorlesung an der Universität als an Schulunterricht.

Für eine Stunde in der Woche ist das ein Erlebnis und schon okay – aber so richtig Spaß macht das niemandem. Denn letztlich geht es in der Schule ja nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um Erziehung und Mensch-Werdung.

Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

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Kultur in der Schule

Wir haben eine wirklich gute, mit verschiedenen Preisen gekrönte Theatergruppe in der Schule und erst im Alter beginne ich den Wert von Kultur wertzuschätzen.
(Als Schüler habe ich – meinem Alter entsprechend – renitent gegen alles, was mit Bildung zu tun hatte, protestiert.) Bisher war meine Klasse stets ein- bis zweimal pro Schuljahr im Theater. Wir haben vorher und nachher darüber gesprochen: Wie man sich dort verhält. Was der Unterschied zum Kino ist. Den Wert von Kultur in unserer Gesellschaft (vielleicht könnte ich auch erfolgreich Staubsauger an Haustüren verkaufen – aber natürlich quatscht man lieber mit dem Onkel vorne über Cooltur, als weiter Mathe zu machen…)
Als ich vergangene Woche fragte, wer Lust hätte, die neue Vorstellung unserer Schulgruppe zu besuchen, schossen alle Hände hoch. Klaro!

Als ich das Eintrittsgeld einsammle (ich habe erklärt, dass auch unsere Schultheatergruppe Lizenzgebühren bezahlen muss und arg in der Kreide steht) und Jonathan sein Wechselgeld geben möchte, hebt er abwehrend die Hände. “Nein, Herr Klinge. Ich habe mit meinem Papa über Kultur gesprochen und möchte mehr bezahlen.”

Ich bin sprachlos.
#Jugend von heute und so.