Günther Jauch.

Diesen Sonntag darf ich tatsächlich nach Berlin in die Talkshow von Günther Jauch reisen, um ein, zwei Gedanken zum Thema “Inklusion” zu verlieren.

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Obwohl das Thema ein Ernstes ist, bedeutet diese Erfahrung für mich vor allem Aufregung und viel Spaß. Meine Kollegen gaben mir ein abstruses Codewort mit, dass ich sagen solle, um sie zu grüßen. Meine Frau kam auf die gleiche Idee (aber mit anderem Codewort). Meine Schüler ebenfalls.
Um mich abzulenken, reise ich schon Samstag nach Berlin – vielleicht komme ich noch in den Genuss des DFB-Pokalfinales. Je nachdem, wer gewinnt, werde ich dann Sonntagabend fröhlich oder missmutig in der Runde sitzen.
Tatsächlich werden die bestehenden Probleme um und mit Inklusion sicher nicht in dieser Talkshow gelöst. Ich denke, es geht vor allem darum, sich Gedanken zu machen. Zu sprechen. Zu denken. Immer wieder zu prüfen, was das Beste für die Kinder ist. Und dabei den ein oder anderen Zuschauer mitzunehmen.

Wer diesen Blog schon länger verfolgt, wird meine Position diesbezüglich erahnen: Mit einer Klasse haben wir mit dem DFB zusammengearbeitet, mit einer anderen für ARTE in einer Doku mitgewirkt und mit noch anderen ein riesiges Modell unserer Schule gebaut, dabei immer wieder neue Lernformen und Methoden ausprobiert und hier vorgestellt, Filme in meinen Physikunterricht eingebunden, meinen Schülern in flüssigen Stickstoff getauchte Marshmallows zu essen gegeben und immer wieder schreibe ich über meine Inklusionsklasse und meine Erfahrungen damit. Als Lehrer darf man sich ausprobieren, darf wagen, experimentieren, forschen, spielen, entdecken, lernen1.
Ich blende die Schwierigkeiten gewiss nicht aus. Ich weiß, dass Inklusion an vielen Schulen katastrophal umgesetzt wird. Es ist ein schwieriger, langer Weg voller Fehler und Tragödien – aber auch mit viel guten Entwicklungen.

Ich liebe diesen Beruf. (Sagte ich das bereits?)

Am Telefon wies man mich übrigens ausdrücklich darauf hin, nichts Kleinkariertes zu tragen. Auch wenn das einen fernsehtechnischen Hintergrund hat: Alle Welt scheint zu glauben, wie Lehrer würden stets karierte Jackets mit Flicken auf den Ärmeln tragen.  Ich versicherte jedenfalls, mich angemessen zu kleiden. Ob mir das gelungen ist, dürft ihr selbst beurteilen. Zwinkerndes Smiley

1: Insbesondere die mitlesenden Lehramtsstudenten: Es ist großartig! Großartig!

“Inklusion” in den Medien

imageDienstag erschien ein Artikel von mir bei SPIEGEL Online unter der (etwas reißerischen) Überschrift “Ich fühle mich oft alleingelassen”.
Darin beschreibe ich die Herausforderung, eine Klassenfahrt für eine Inklusionsklasse zu gestalten, wenn ich allen Schülern gerecht werden möchte (an welcher Aktionen können alle Kinder teilnehmen? Wer bezahlt Extrakosten?).
Die Reaktionen fallen moderat aus, gehen aber oft in die gleiche Richtung: Im zugehörigen Forum (“Ein bisschen Phantasie wird der Lehrer ja wohl haben”) wird hier und da die Frage aufgeworfen, wo denn genau mein Problem sei und via Facebook wurde ich mehrfach angefragt, ob ich tatsächlich so hilflos und an meiner Schule völlig alleingelassen sei.

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Mit einem Wort:

Nein.

Ich fühle mich ganz wunderprächtig und habe ein klares Ziel vor Augen. Ich erfahre alle Unterstützung von meiner Schule und meinen Kollegen. Es geht aber

nicht

        um

                mich.

Der Kollege aus dem Blog kreidefressen beschäftigt sich aktuell ebenso mit dem Thema Inklusion wie ich. Im Unterschied zu mir, muss er an seinem Gymnasium allerdings die Umsetzung des G8 zukünftig mit emotional-sozial förderbedürftigen Schülern verknüpfen. Zitat:

„Das Sitzen am Tisch müssen Sie mit den Kindern zum Teil erst einüben. Dafür wird einiges an Zeit draufgehen.“

Gestern erhielt ich eine vorsichtige (!) Anfrage der ARD, ob ich nicht am kommenden Sonntag mit Günther Jauch in seiner Sendung zum Thema Inklusion diskutieren wolle.

Ich fühle mich sehr geehrt.

…und sehe Probleme auf mich zukommen: Wie soll ich in der Kürze eines Interviews so antworten, dass ich niemandem auf den Schlips trete, gleichzeitig aber mehr als nur leere Phrasen von mir gebe…?!
Ein paar Beispiele.

“Fühlen Sie sich [mit dem Thema Inklusion] alleingelassen?”
Nein. Ich persönlich nicht. Die Schule gibt mir jede Unterstützung, die nur denkbar ist. Die eingesetzte Förderschullehrerin berät mich bei Formalia, Rechts- und Entwicklungsfragen. Die Zusammenarbeit mit den Eltern ist vorbildlich. Die Stadt Siegen baut einen Fahrstuhl, um unsere Schule ein Stück weit barrierefrei zu gestalten. Der Laden läuft.
Aber…
Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, überall gäbe es heile Dorfschulen und die größte Herausforderung ist eine Türschwelle, bei der ein Rollstuhlfahrer womöglich einen kleinen Hopser nimmt. Es geht nicht wirklich um die Frage, ob Henri aufs Gymnasium darf. (Ich schreibe das, weil ein Leser, der bis hierher gelesen hat1, tendenziell eher gebildeter sein wird und ebenso tendenziell eher Erfahrungen mit dem Gymnasium als der Hauptschule gesammelt hat: Deutschlands Schulen sind nicht nur Bildungsanstalten.)
Sowohl Schulen als auch das Thema Inklusion sind so breit gefächert, dass kein einzelner Lehrer stellvertretend für alle anderen sprechen kann. Inklusion bedeutet auch, Kinder zu inkludieren, die aufgrund emotionaler Störungen bspw. ihre Mitschüler verprügeln. Oder Schüler, die sich unter dem Tisch entblößen, um die Lehrerin zu schockieren.
Und – ja, ich kenne eine Reihe von Kollegen (vornehmlich an Hauptschulen), die – ja! – alleine dastehen. Deren Aufgabe inzwischen mehrheitlich darin besteht, die Kinder zu betreuen. Smaland. “Wenn sich keiner verletzt, war es ein guter Tag.” An Unterricht ist nicht mehr zu denken. Ein großer Teil der Lehrer ist alleingelassen.

“Was kann man tun, um das Problem […] zu lösen?”
Ich bin kein Freund von großem Gejammer.
Lehrer sind Handwerker. Wir arbeiten mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Egal ob die Schule einen Computerraum hat, Inklusionshelfer, Förderkinder, große Klassen oder defekte Klimaanlagen – wir arbeiten mit dem, was wir vorfinden.
So lange wir keinen Fahrstuhl im Gebäude haben, müssen die Mitschüler eben den Rollstuhl das Treppenhaus hochtragen. Wenn es keine angepassten Arbeitstische im Physikraum gibt, wird eben improvisiert.
Lehrer sind Handwerker.
Die Frage ist, ob es besser geht.
Meine Förderschulkollegin macht eine tolle Arbeit. Aber in der achten Klasse in Chemie helfen? In der neunten Klasse Mathematik unterstützen? In der zehnten Klasse physikalische Sachverhalten erklären? Keine Chance. Wir brauchen mehr Fachlehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung.
Oder: Wie sollen Kinder im Rollstuhl am Chemieunterricht aktiv teilnehmen, wenn Tische und Anschlüsse an Strom, Gas und Wasser in unerreichbarer Höhe liegen? Wie erkläre ich dem zappeligen Jonathan, dass er für sein krummes Häuschen nur eine “4” bekommt, während ein Kind mit einer Behinderung im Rahmen seiner Möglichkeiten womöglich nur ein Brett zurechtsägt und dann eine “2” erhält?

All das kostet Geld. Viel Geld.
Und ohne dieses Geld werden wir weiter improvisieren wo es geht – aber viele Kinder und viele Kollegen werden darüber kaputt gehen.

imageSolche Antworten sind laaaaang und ausführlich und wenig sexy. Besser ist ein jammernder Lehrer mit spektakulären Statements (“Ohne mein Schnäpsken abends würde ich gar nicht mehr durchhalten!”).

Günther Jauch2 sagt bestimmt ab – aber wenn nicht:

Bitte nehmt mir meine kurzgefassten Aussagen nicht übel. Ich weiß, dass sie nicht allen Lehrerinnen und Lehrern und solchen Kollegen, die sich noch nicht für ein Geschlecht entschieden haben oder dies bewusst verweigern und allen Real-, Haupt-, Gesamt-, Spezial-, Förder-, Sekundar-, Waldorf-, Privat- und/oder Montessorischulen gerecht werden. Ich ahne, dass ich womöglich fiktive Namen benutze und entschuldige mich im Voraus bei allen Florian-Haukes und Khaleesis.

1: Und wer bis hierher gelesen hat, den grüße ich Sonntagabend, 21:45 aus der ARD.
2: Ob er sich erinnert, dass ich mal nicht-drangekommener-Telefonjoker in einer Sendung vor drei Jahren war? :-D
3: Ich bin jetzt schon so nervös, dass ich seit 3 Uhr auf den Beinen bin und zur Beruhigung lieber diesen Artikel schreibe, als mich im Bett zu wälzen. Bloggen hat eine therapeutische Funktion!

Geiz ist geil. Aber schmerzhaft.

mein FußEs ist 2:45 Uhr und ich liege mit Schmerzen wach im Bett.

Beim Umbau des Hauses gestern bin ich umgeknickt. Die Art von Umknicken, bei der man das Krachen der Bänder, Splittern der Knochen und rythmische Pulsieren der abgerissenen Arterien im Fuß zu hören meint.

Ins Krankenhaus bin ich trotzdem nicht gefahren.

Wie viele Lehrer bin auch ich privat versichert – das ist etwas günstiger, bringt aber im Krankheitsfalle auch organisatorischen Ärger mit sich.
Bei (vielen) Beamten läuft das so ab: Ein Arzt erstellt mir eine Rechnung. Diese Rechnung wird zu 50% von der Krankenkasse bezahlt und zu 50% vom Land, Beihilfe nennt man das. Bevor das Land aber auch nur einen Cent bezahlt, greift eine Art Selbstbeteiligung (wie bei einem Autoschaden): Die ersten 300 Euro muss ich selbst bezahlen. Das ist sozusagen die Praxisgebühr für Privatpatienten. Die Krankenkasse umgekehrt lockt mich mit folgendem Angebot: Hört sie im ganzen Jahr nichts von mir, zahlt sie mir ein Viertel aller Beiträge zurück – das sind in meinem Fall über 600 Euro.

Nun beginnt eine Rechnerei: Ab wie viel Euro lohnt es sich, eine Arztrechnung weiterzuschicken?

Gestern Nachmittag waren die Schmerzen zumindest keine 600 Euro wert.

Heute Nacht sehe ich das anders.

Meine Geschwister drängen mich, in die Notaufnahme zu fahren und den Fuß röntgen zu lassen. Sicher sei sicher. Insgeheim stelle ich mir vor, die die Ärzte eine massive Knochenabsplitterung feststellen und sich fragen, wie ich da so Captain Cool sitzen könne, bei den Schmerzen.
Tatsächlich aber sieht man auf den Röntgenbildern gar nichts. “Mehr als eine Bänderdehnung ist nicht drin, Herr Klinge”, tröstet mich die Ärztin und meint eigentlich “Sie sind ein Waschlappen, Herr Klinge!”.

Immerhin:
Für den Physikunterricht gibt man mir meine Röntgenbilder mit. So kann ich zumindest im Unterricht noch einmal dramatisch meine unmenschlichen Höllenqualen ausbreiten. Vielleicht erhalte ich da ja mehr Mitleid. Zwinkerndes Smiley

Schulpolitik

IMG_20140312_155718Meine Tochter geht auf eine Ganztags-Grundschule in Siegen, die mit dem städtischen Familienzentrum kooperiert. Das bedeutet, vormittags herrscht normaler Unterricht in altersgemischten Klassen, nachmittags gibt es betreute Gruppen. Eine dieser Gruppen wird vom (Familienzentrum) Kindertreff Siegen gestaltet – dort existieren mehr Fachpersonal, mehr Mittel und mehr Möglichkeiten, mit den Kindern zu arbeiten, als in einer reinen “Betruungsgruppe”.
Nachmittags fährt meine Tochter schon mal ins Museum, der Vorlesehund kommt einmal die Woche und die Kinder kochen und backen gemeinsam. Mit “Kinder” meine ich “unterschiedliche Kinder” und mit “unterschiedliche Kinder” meine ich solche mit und ohne Behinderung, solche mit Migrationshintergrund und solche ohne, Bildungsschichten und soziale Randgruppen.
Geht man nachmittags durch die Räume, merkt man von den Unterschieden nichts – denn die Sozialarbeiter machen richtig gute Arbeit. Tatsächlich profitiert der Kindertreff sehr von der Einbindung in die Schule – und umgekehrt ist die Arbeit des Kindertreffs ein Aushängeschild der Grundschule.

Alles prima, könnte man meinen.

Denn bedauerlicherweise hat die Schulleitung dem Kindertreff die Mitarbeit zum kommenden Schuljahr gekündigt.

Nachfragen sind unerwünscht. Das “gehe die Eltern nichts an”.
Ich bin irritiert und erlebe die volle Breitseite schulpolitischen Frusts aus Elternperspektive: Die oberste Schulleitung hat weder vernünftige Gründe, diese Zusammenarbeit zu beenden noch ein Interesse daran, sich mit den verärgerten Eltern auseinanderzusetzen. Gnädigerweise wird ein Elternabend zur Information eingerichtet: Zwei Wochen vor den Sommerferien. Das ist ein schlauer Schachzug – empfinde ich aber als ziemliche Frechheit. Zu diesem Zeitpunkt ist alles entschieden. Ein Mitspracherecht haben wir (wir! die Eltern, deren Kinder betroffen sind!) nicht.

Natürlich wird meine Tochter das Ende dieser Sozialarbeit überstehen. Aber meine Tochter gehört zum Bildungsbürgertum. Sie hat Mama und Papa und Oma und Opa im Haus und wird sich zu beschäftigen wissen. Der Kindertreff ist aber gerade für jene Kinder ein Familienersatz, die es zu Hause deutlich schwerer haben. Die zu Hause alleine sind, weil die Mama bis abends arbeiten muss. Die Regeln brauchen. Und Orientierungspunkte. Die nicht einfach nur eine “Betreuung” benötigen, sondern Menschen, die ausgebildet sind, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ein Lehrer ist verdammt nochmal kein Ersatz für einen Sozialarbeiter.
Die Leidtragenden solcher Entscheidungen sind die Kinder – das interessiert die Schulleitung offenbar nicht. Ein Armutszeugnis. Und gerade in Zeiten, da Schulen mit den Anmeldezahlen ringen, ist solch ein Verhalten dumm.

Was können wir als Eltern machen?

Nichts.

Zum kotzen.

Lehrerfortbildung zu OneNote

Am Samstag hatte ich die Ehre (und das Vergnügen) eine Fortbildung zum Thema “Unterrichtsorganisation mit Microsoft OneNote” leiten zu dürfen. Angefragt wurde ich vom Studienkolleg der Stiftung der Deutschen Wirtschaft. Diese Stiftung vergibt u.a. Stipendien an Lehramtsstudenten, um diese besonders zu fördern.
Ich bin jemand, der sich recht mühsam durchs Studium gequält hat und so weit weg von einem Stipendium, wie Schalke 04 von der Deutschen Meisterschaft – ein ewiger Traum, auch “mal dazu zu gehören”.

Zwei unterschiedlichen Gruppen durfte ich berichten, wie ich meine Unterrichtsaufzeichnungen und mein Material so strukturiere, um möglichst viel Zeit zu sparen. Denn ein großer Teil der Vorbereitung von Unterricht besteht aus dem Zusammensuchen von “gutem Stoff”.
Als skurril empfand ich die Beobachtung, dass kaum einer der Lehramtsstudenten, Referendare und Lehrer sein Smartphone in der Hand hatte. Weder beim Frühstück, noch beim Vortrag oder dem Mittagessen. Und das lag nicht etwa daran, dass sie keine gehabt hätten – sie schienen allesamt einfach fokussiert auf die Fortbildung zu sein.
Fand ich sehr beeindruckend.

Spaß hat es gemacht und womöglich hat der ein oder andere eine Anregung gefunden, zukünftig unübersichtliche “Unsortiertes”-Ordner auf der Festplatte zu vermeiden.

#13: Bewusstsein und Gewalttaten

Also: Lasst uns über Lot, Sodom, Jericho und jede andere gewalttätige Passage aus dem Alten Testament sprechen. Und aus dem Neuen Testament auch, wo wir schon dabei sind. Dabei wollen wir die (berühmt-berüchtigten) Anweisungen zum Steinigen ebenso wenig auslassen, wie diese merkwürdigen Verse aus dem Buch Numeri, wo geschrieben ist, dass eine Frau den Staub trinken soll, um zu erfahren, ob sie schwanger ist oder Abraham, der seinen Sohn als Opfer darbietet (weil man das eben so tat) und weil wir gerade dabei sind, setzen wir uns auch mit der Frage eines Lesers auseinander:

Befahl Gott den Israeliten wirklich jeden umzubringen, inklusive der Frauen und Kinder in diesen AT Geschichten? Haben die Propheten vielleicht etwas missverstanden? Haben sie eventuell einige ihrer eigenen Hoffnungen auf Gott projiziert? Oder haben die Mächtigen Gott einfach als Rechtfertigung gebraucht? Oder ist Gott letztlich vielleicht ein Psychopath, der später einen “Kommt zu Jesus”-Moment hatte?

Naja, dann passt auch noch:

Warum befielt Gott den Menschen alle Frauen und Kinder umzubringen? Warum sind diese Geschichten von irgendeiner Bedeutung?

Gute Fragen.

Viele Antworten.

Zunächst einmal: Wenn wir diese Geschichten in der Bibel lesen, dann sind das (vor allem anderen) Geschichten, die von Menschen erzählt wurden (es ist offensichtlich, aber ich werde es während der ganzen Serie immer wieder wiederholen).

Und Menschen waren (und sind) in verschiedenen Phasen eines Selbst-Bewusstseins (‘Selbst-Bewusstsein’ oder ‘Ich-Bewusstsein’ nicht im Sinne von “mutig”, sondern seiner selbst bewusst seiend; man könnte sich das vielleicht als eine Art Linse oder Filter vorstellen; die Art, wie man sich selbst und die Welt sieht).

Die Geschichten und Erzählungen der Bibel stammen zumeist aus einer Zeit, in der die Menschen in Sippen und Familien zusammenlebten – entsprechend war ihr Ich-Bewusstsein (Sippen existierten zum Selbstschutz; wenn man in einen Kampf mit einer anderen Sippe zog, dann war das unser Gott vs. deren Gott; wenn man gewann, dann tötete man alle um eine Rache zu verhindern – aber das hatten wir ja schon).

So sahen die Menschen die Welt.

So funktionierten die Dinge.

So verstanden sie ihr eigenes Leben.

Zweitens: Wie Menschen Ereignisse und Erfahrungen interpretieren, hängt (auch heute noch) stark von dem Ichbewusstsein ab, indem man sich befindet. (“Natürlich passiert mir das wieder – das Schicksal hat sich einfach gegen mich verschworen” oder dergleichen)

Wenn man diese Geschichten liest, dann erfährt man beim Lesen einen genauen Ausdruck davon, wie die Menschen seinerzeit die Welt und ihre Ereignisse verstanden.

Ist es überraschend, dass jemand, der in einer solchen Welt einen Kampf gewinnt, anschließend Gott dafür rühmt? So etwas tat man seinerzeit (und tut es noch heute).

Ist es wirklich überraschend, dass, nachdem man einen Krieg gewonnen hatte, anschließend jedes einzelne Mitglied der feindlichen Sippe umgebracht wurde, inklusive der Frauen und Kinder und hinterher sagte, Gott habe einem dies befohlen? So etwas taten die Menschen zu jener Zeit.

Wen verwundert es, wenn Lot sagt: “Vergewaltige nicht sie – nimm meine Töchter!” So etwas taten Menschen in solchen Situationen.

Drittens: Wir empfinden diese Geschichten als gewalttätig, abstoßend, primitiv und barbarisch…

…weil sie es sind.

Wenn man so etwas beim Lesen nicht schockierend und furchtbar und verwirrend findet, dann stimmt etwas nicht. Und Menschen, die diese Geschichten lesen und sagen ‘Nunja, so ist Gott eben’ haben eine sehr, sehr gefährliche Vorstellung von Gott.

Viertens: Nicht alle Geschichten der Bibel (wir konzentrieren uns hier auf die Torah) sind so.

Ist es primitiv und barbarisch, sich um die Witwen und Waisen zu kümmern (so wie es in Deuteronomium geschrieben steht)?

Ist es grausam und gewalttätig eine Ecke seines Feldes nicht abzuernten, damit die Armen etwas essen können (Levitikus)?

Ist es primitiv zu hören, dass Menschen aus der Sklaverei befreit werden sollen (Exodus)?

Nein, natürlich nicht.

Diese Ideen waren neu,
und sind in der Bibel zu finden.

Und wo wir gerade da sind: In Ezekiel 16 zitiert der Prophet Gott mit den Worten “Doch ich werde das Schicksal Sodoms zum Guten wenden…” Offensichtlich war das letzte Wort über Sodom nicht gesprochen.
(Mehr dazu später.)

Fünftens (und jetzt wird es spannend): In der Bibel finden wir vor allem Geschichten, die das vorherrschende Bewusstsein und Selbstverständnis der Menschen reflektiert und gleichzeitig (und manchmal mitten drin) finden wir radikal neue Ideen über Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Mitgefühl und Liebe.

Neue Ideen sitzen Seite an Seite mit alten Ideen. Heimtückische Gewalt ist direkt neben einem neuen Verständnis von Frieden und Gerechtigkeit zu finden. Ein wachsendes Ichbewusstsein entspringt aus dem alten Selbstverständnis. Kleine Ideen sprießen wie Samen hin zu einer neuen Vision, einer neuen Bewusstwerdung und neuen Möglichkeiten; Samen, die zu wachsen beginnen wie die Abraham Geschichte von einer Sippe, die alle anderen Sippen segnen soll…

Sechstens (und langsam kommen wir ins Rollen, nicht wahr?) und das ist die Wahrheit hinter der Wahrheit: Ein Selbstverständnis ändert sich nicht über Nacht.

Veränderungen brauchen eine Weile.

So war das schon immer.

Und so ist es immer noch. Auch mit uns.

Wetten?

Hatten wir je die Idee, uns gesünder zu ernähren?

Und wurden wir am nächsten Tag ein überzeugter Veganer?

Hatten wir je die Idee, mehr Sport zu treiben?

Und haben am nächsten Tag für einen Triathlon trainiert?

Hatten wir je die Überzeugung, wir sollten uns mehr für die Umwelt einsetzen?

Und haben wir dann unseren Kohlendioxidausstoß auf Null reduziert?

Wahrscheinlich nicht.

Wir haben eine großartige Idee. Eine Vision. Einen Blick von einem erweiterten, aufgeklärten, tieferen Selbstbild. Etwas, dass eine Zeit reifen muss.

Schritt. Für Schritt. Für Schritt.

Eine neue Veränderung. Gefolgt von einer weiteren. Gefolgt von einer weiteren.

Weil Veränderung seine Zeit braucht.

Und das führt mich zum siebten Punkt, dem Crescendo, dem Höhepunkt, dem Moment, an dem der Schlagzeuger immer schneller und lauter wird und dann plötzlich aussetzt:

Warum stellen wir Fragen über die Gewalt in der Bibel? Warum sind wir so irritiert? So abgestoßen?

Warum hält das viele Menschen davon ab, die Bibel zu lesen?

Weil es primitiv und barbarisch ist?

Ja.

Aber was in uns befähigt uns zu diesem Urteil?

Was in uns ist über die Gewalt so entsetzt? Woher kommt die Idee, dass da etwas falsch läuft?

Wir haben den Gedanken, dass es eine bessere, zivilisiertere Art gibt als das, weil unser Bewusstsein ein anderes ist. Ob es Liebe oder Frieden oder Gerechtigkeit oder Leidenschaft ist – da ist ein Filter, eine Linse, etwas in uns, dass uns sagt, dass das Töten von Menschen falsch ist und dass jedweder Gott, der solche Dinge befiehlt unter allen Umständen getilgt werden muss.

Wie kam es dazu?

Wie in aller Welt hat die Welt uns geschaffen?

Die Menschheit ist älter geworden, erwachsener, vernünftiger und in ihrem Bewusstsein gewachsen, seit diese alten Geschichten erzählt wurden.

(In bestimmten Formen. Dazu kommen wir später noch.)

Letztlich sind wir abgestoßen und angewidert, weil unser Ichbewusstsein auf einer anderen Stufe ist, als das der Menschen jener Zeit.

Wir sehen die Welt nicht mehr so.

Genozid ist falsch.

Vergewaltigung ist falsch.

Frauen und Kinder zu töten ist falsch.

Was mich zu einer weiteren Frage führt: Wie erklären wir, weshalb wir so kritisch auf diese Geschichten zurückblicken?

Was ist in uns geschehen, dass wir sie heute so anders lesen?

Entwickelt sich etwas in uns Menschen? Etwas, dass uns vorwärtstreibt?

Könnte dieses etwas ein jemand sein?

Unsere Fähigkeit, uns von diesen Geschichten abzuwenden ist ein Indiz dafür, dass unser Selbstbild sich verändert hat, gewachsen ist.

Das ist der Kern der Sache: Die Tatsache, dass etwas in uns von diesen Geschichten wirklich entsetzt ist, zeigt letztlich, dass wir uns weiterentwickeln. Das wir in der Lage sind, vorwärtszudenken und größer zu werden, unser Bewusstsein wachsen zu lassen.

Die zu Grunde liegende Abscheu vor den Geschichten des Alten Testaments kommen aus dem Glauben, dass wir aufgeklärter sind, als früher.

Und sind wir am Ziel angekommen?

Sind wir als Kultur, als Gesellschaft, als Menschheit schon am Ende angekommen?

Haben wir den Clou raus?

Gibt es Frieden auf Erden?

Nein.

Liegt noch ein weiter Weg vor uns?

Natürlich.

Aber allein die Tatsache, dass uns diese alten Geschichten verstören zeigt doch, dass die Menschheit sich weiterentwickelt. Vorwärtskommt. Wächst. Etwas arbeitet in uns.

Denn niemand hat es bisher geschafft.

Keine Stadt, kein Land, keine Familie, keine Institution, keine Firma. Wir alle brauchen Hilfe. Und wir alle haben noch einen langen Weg vor uns.

Wenn wir die Bibel als festgeschriebenen Bericht über Gottes Anweisungen lesen, Menschen umzubringen, dann wird sie nie Sinn ergeben.

Aber wenn wir sie als anbahnende Geschichte lesen, als Zeugnis eines wachsenden Bewusstseins darüber, wer Gott ist und wer wir sind und was es heißt, nach Gerechtigkeit und Liebe und Barmherzigkeit zu dürsten, dann werden wir erkennen, dass da etwas am Werk ist. Unter der Oberfläche. Etwas, dass Samen säht und uns langsam, aber unaufhörlich vorwärtstreibt und uns inspiriert und beruft und zieht und zerrt und verwandelt…

Wenn wir die Bibel als Bericht darüber lesen, wie die Menschheit erwacht, sich entwickelt und sich selbst bewusster wird, reifer wird (was Paulus Gebet im Brief an die Epheser entspricht), dann finden wir vielleicht die ein oder andere Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden.

Inklusion und Inklusionskinder

“Darf Henri aufs Gymnasium?” titelt der SPIEGEL an dieser Stelle.
Die Eltern eines Jungen mit Down-Syndrom möchten ihren Jungen am Gymnasium anmelden, damit er in seinem gewohnten, sozialen Umfeld (=Freundeskreis) bleibt. Sie wissen, dass Henri nicht zielgleich unterrichtet werden kann, aber er “könnte die Klasse bereichern”. Eine Petition wurde von 20.000 Menschen unterzeichnet.
Das Gymnasium sperrt sich dagegen. Lehrer (und andere Eltern) fürchten, dass ein geistig behindertes Kind den Unterricht aufhält und in dem “intellektuellen Hochleistungsbetrieb” untergeht. Die betreffende Schule hat bisher eine Menge körperbehinderter Kinder zum Abitur gebracht, diese wurden allerdings allesamt zielgleich unterrichtet.

Zum Glück darf ich in einem meinem Blog schreiben, was ich will und muss mich vor niemandem rechtfertigen.

Punkt 1: Ich bin für die Inklusion.
Das Aussondern von behinderten Kindern, von Ausländerkindern, von Kindern mit emotionalem Förderbedarf oder sonstigen “Abweichungen” kann ich mit meinem (christlichen) Menschenbild nicht vereinbaren. Aber…

Punkt 2: Die Umsetzung der Inklusion ist deutlich schwieriger, als man sich das auf dem Papier so vorstellt und nicht jedes Kind ist an einer “normalen1” Schule am richtigen Ort.

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Datenverbrauch von SkyGo

Rechtzeitig zu unserem Umzug gibt es SkyGo kostenlos für alle Kunden dazu. Großartig für mich, denn in unserem neuen Heim gibt es (noch) keine Satellitenschüssel und dadurch kann ich die Bundesliga nur am Radio verfolgen. Spannend ist für mich vor allem die Frage gewesen, wie viel Traffic das Schauen eines (!) BVB-Spiels kostet. Die Antwort: 3,4 Gigabyte für die Samstagabend-Partie zwischen dem BVB und dem Plastikverein aus Leverkusen.

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Das ist abgefahren viel – sieht aber auch prima aus. Zwinkerndes Smiley

#12: Familie, Stammbäume und Gewalt

Der HERR sprach zu Abraham: Geh…
Da zog Abraham…

Genesis 12

Im antiken Nahen Osten definierte die Sippe, die Familie, die Blutsverwandtschaft die eigene Identität. Die Abstammung bedeutete alles. Und jeder gehörte zu einem solchen Stamm.

Wie jeder andere auch, war man verpflichtet, für das Wohl der Sippe zu arbeiten. Der Besitz wurde geteilt, es wurde gemeinsam gefochten und gemeinsam Allianzen geschlossen – alles um die Familie zu erhalten. Und tat man etwas Schlechtes, Beschämendes, dann hatte das direkte Auswirkungen auf den ganzen Stamm.

Was hat das mit Genesis 12 zu tun? Folgen wir der Geschichte, so lesen wir, dass Gott Abram zum Vater einer neuen Sippe ernannte (Abram nannte sich später um in Abraham und Vater Abraham hat viele Kinder und viele Kinder hat Vater Abraham. Ich bin eins davon und eins bist du…) (Verzeihung, ich konnte nicht widerstehen) (Für alle, die jetzt den Kopf schütteln – dies ist eine Zeile aus einem Lied, das man immer und immer wieder wiederholt und dabei immer schneller und schneller singt, bis man nicht mehr kann).

Und dann fügt Gott noch ein Versprechen hinzu:

…ich will dich segnen […] und du sollst ein Segen sein.

Sippen (in der hebräischen Schrift auch als Nationen bezeichnet) sorgten sich in jener Zeit ausschließlich um ihr eigenes Wohlergehen.
Die Sippe, die Abraham anführen sollte, wäre anders: Sie sollte existieren, um alle anderen zu segnen.

Das war seinerzeit eine ganz neue Idee.

Und als die Familie Abrahams mehr und mehr anwuchs und die Kinder älter wurden, teilten sie das Gefühl einer Berufung, diesen Anspruch, anders zu sein als die anderen und eine einzigartige Rolle im Geschehen der Welt zu spielen.
Wir dürfen nicht vergessen, dass in der Genesisgeschichte (also nur ein Kapitel bevor wir Abraham kennenlernen) die Menschheit sich mit dem Turmbau zu Babel selbst zu Göttern krönen wollte. Wenn also die gesamte Menschheit die Orientierung verloren hat, wie kann man das wieder hinbiegen? Man beginnt mit einer neuen Sippe, einem Stamm der gemeinsam mit Gott und nicht gegen ihn agiert.

Nun – ein paar mehr Details über Sippen.

Stämme hatten ihre eigenen Götter und Göttinnen, Kräfte denen sie folgten und die sie anbeteten und von denen sie annahmen, sie würden sie beschützen und leiten. Wenn man also in den Kampf gegen eine andere Sippe zog – normalerweise um Land oder Ressourcen oder Reichtum – dann kämpfte gleichsam der eine Gott gegen den anderen Gott (das ist übrigens auch der Subtext zu der David gegen Goliath Geschichte). Und wenn man gewann, dann brachte man alle um und nahm alles an sich. Oder man brachte nur die Männer um und nahm die Frauen mit sich. Und die Esel. Oder was immer man wollte. Die Beute. Dies waren die Spielregeln zu jener Zeit (und viel hat sich daran nicht geändert…) und so hielten es die Sippen seit vielen Generationen.

Brutal? Ja.

Gewalttätig? Ja.

Primitiv? Ja.

Barbarisch? Ja.

In der Sippe ging es nicht nur um die Blutsverwandtschaft und die eigenen Götter – es ging um Sicherheit. Die Welt war extrem gefährlich und ohne den Schutz des Stammes fand man sich leicht in Gefangenschaft oder schlimmerem wieder. Es ging nicht darum, ob man eher CDU oder lieber SPD wählt, es ging ums Überleben. Wenn wir im Alten Testament also Geschichten darüber lesen, dass sich so und so viele Männer versammelten und eine bestimmte Anzahl an Schwertern, Pferden oder Kamelen mit sich führten, dass sie ein Bündnis mit König Dingsbums oder Herrscher Soundso eingingen, dann war das kein Hobby. Es ging um Leben und Tod. Töten oder getötet werden. Und egal wie viele Kämpfe man gewonnen hatte – man war stets nur einen weiteren Kampf davon entfernt, umgebracht oder versklavt zu werden. Einen Kampf, der die gesamte eigene Sippe auslöschte und alles vernichtete, was einen ausmachte. (Dies ist auch der Grund, warum Gastfreundlichkeit so wichtig war – der kleinste Versprecher, der geringste Rempler konnte wer-weiß-was für einen gewalttätigen Stammeskonflikt auslösen. (Das ist übrigens der Subtext von der Sodom und Gomorra-Geschichte.))

Wenn wir uns ausmalen, die Sippe im nächsten Dorf hätte eine gewaltige Technologie erfunden – etwa Eisen oder Bronze – dann wüchse in uns die Gewissheit, dass wir beim nächsten Konflikt hoffnungslos unterlegen wären. Unser Leben steht auf dem Spiel (dies ist die Spannung zwischen den Philistern und den Söhnen Israels während der David und Goliath Geschichte).

In einer solchen Welt lesen wir die Geschichte von einem Mann, der als Vater einer neuen Nation, einer neuen Sippe bezeichnet wird. Einer Sippe, die nicht um sich selbst willen existiere, sondern für einen höheren Zweck: Nämlich, um die anderen zu segnen.

Es geht um die Geschichte Abrahams, also Israels.

Kann man jetzt erkennen, wie radikal dieser Ansatz war?

Es ist offensichtlich, dass eine solche Idee Zeit braucht, um angenommen zu werden (und man versteht, wieso Jesus das Volk immer wieder an seine ursprüngliche Berufung erinnert).

Können wir uns vorstellen, dass – egal was man uns darüber erzählte, wer wir sind und was unser Auftrag sei – wir würden die Welt durch eine bestimmte Brille betrachten.

Können wir uns vorstellen, wie einfach es war, in den Kampf zu ziehen, alle Feinde zu töten und hinterher den eigenen Gott zu ehren und Geschichten darüber zu erzählen, wie Gott erst den Auftrag gab, loszuziehen?

Wir sind immer noch ganz am Anfang.

Nächstes Mal: Bewusstsein und Gewalt.