Bestechung

Carolina schüttelt ihr Sparschwein, um 2 Euro Kakao-Geld zu bekommen. Es klimpert und 2,30 € fallen heraus. “Ach”, sagt sie, “das sind 30 Cent zu viel. Aber die schenke ich einfach meiner Klassenlehrerin.” Sie meint das so. Sie hat keine konkrete Wertvorstellung von Geld und möchte ihrer Lehrerin einfach eine Freude machen.

Zur Geburt meiner zweiten Tochter macht meine Klasse meiner Frau und mir ein (verspätetes) kleines Geschenk.
Ich freue,bedanke mich für die Aufmerksamkeit und weiß das sehr zu schätzen. Als Klassenverbund wird man immer auch ein wenig “Familie”. Man bekommt die Geburt von Geschwisterkindern mit, den Tod von Großeltern, Scheidungen und was die Kinder auf Freizeiten so erleben.

Ich erzähle der Klasse von jener Berliner Lehrerin, die von ihrer Abschlussklasse ein Geschenk erhielt, wegen der Annahme des Geschenkes angezeigt wurde und anschließend eine Geldstrafe von 4000 Euro zahlen musste. (Das Geschenk meiner Klasse ist keine 198 Euro wert, wie jenes der Berliner Kollegin. Nicht mal annähernd.)

Meine Schüler zeigen sich erstaunt und können das Urteil nicht fassen.

Für ein paar Augenblicke lasse ich sie schimpfen. Dann erkläre ich ihnen, wieso ich das Urteil eigentlich richtig finde und es entwickelt sich ein Gespräch über Korruption. Ich verdeutliche, dass eine Bestechung nicht in nachts unter einer Brücke, in dunklen Mänteln und mit einem Geldkoffer abläuft. Sondern das Tills Vater mir einen “besonders guten” Preis für meine Winterreifen macht und ich im Gegenzug bei Tills Abschlussprüfung mal ein Auge zudrücke. Da gibt es keinen Vertrag. Es wird nichts abgesprochen. Gegenseitige Freundlichkeiten. Mehr nicht.
”Am Ende führt das dazu, dass die reichen Eltern euch zu guten Schulabschlüssen verhelfen – und wer zu Hause kein Geld hat, der hat leider Pech gehabt. Das darf nicht sein.”

Obwohl mir jetzt zwanzig Minuten meiner Mathematikstunde fehlen, sind das Stunden, wie ich sie liebe: Man hat eine Meinung, äußert sie lautstark und schimpft und zetert (“dämliches Gesetz” “Wozu soll das gut sein?”)– und nachdem man etwas nachgedacht hat und einen größeren, weiteren Blickwinkel erlangt, vertritt man genau die gegenteilige Meinung (“Gut, dass es solche Gesetz gibt!”).

Vor vielen Jahren schenkte mir meine damalige Klasse als ich die Schule verließ einen großartigen, singenden BVB-Toaster zum Abschied. Auch den hätte ich vermutlich nicht annehmen dürfen. (Die Schüler haben mir aber versichert, es wäre ein oller, gebrauchter Toaster für 9,99 € bei Ebay gewesen.)

Auch Carolina erklären wir, dass man seinen Lehrern kein Geld schenken darf. Auch sie versteht das – wenn sie es auch einfach schade findet, ihrer Klassenlehrerin keine Freude machen zu dürfen.

Schule… da lernt man dann doch Einiges fürs Leben Smiley.

Frust & Konsequenz in der Abschlussklasse

90 Minuten Physik. (Elektrische) Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke.

Ich springe von Tischen und Stühlen um die Spannung als Höhenunterschied zu verdeutlichen. Wir bilden Schülermodelle um den Strom plastisch zu spielen.

90 Minuten. Spannung. Stromstärke. Spannung. Stromstärke.

Ganz am Schluss die Frage: “Was versteht man nochmal unter elektrischer Spannung?”

Leere Gesichter. “Keine Ahnung.”

Manchmal ist der Beruf wirklich ätzend. Als würde ich mit einem IKEA-Button auf der Brust nur zur Belustigung der Kinder herumturnen.

“Och, keine Ahnung, was wir heute gemacht haben, aber der Herr Klinge ist lustig herumgesprungen.”

(den Konsequenzen-daraus-Teil habe ich wieder gelöscht.)

Montessori vs. Dorfschule

IMAG0127_1Ich möchte heute gerne etwas über die unterschiedlichen Schulen erzählen, die meine Tochter so besucht hat. Meine Sichtweise ist dabei total subjektiv und ist bei anderen Eltern, anderen Kindern, anderen Schulen mit Sicherheit ganz anders. Aber ich bin einige Male nach meiner Einschätzung gefragt worden – und was ist das Internet anderes, als eine riesiges schwarzes Brett? Womöglich hilft es dem ein oder anderen, Klarheit zu gewinnen – zumindest aber mir selbst, wenn ich meine Gedanken aufschreibe.

Die ersten drei Schuljahre war Carolina auf einer Montessori-Grundschule. Bestandteile waren jahrgangsstufenübergreifender Unterricht, Inklusionskinder mit emotionalem Förderbedarf (meist) zwei Lehrern im Klassenzimmer, ein Ganztagskonzept mit Hausaufgabenbetreuung und sehr individuellem, offenem Unterricht. Textzeugnisse. Etwa 25 Kinder in der Klasse.

Jetzt ist Carolina in einer kleinen Dorfschule. Nur 14 Kinder in der Klasse. Sehr strenge Bewertungsmaßstäbe. Sehr strukturierter Unterricht bis mittags. Nachmittags oft Lernen am Küchentisch.

Im Vorfeld haben wir uns ganz bewusst für die Montessori-Schule entschieden. Im Nachhinein wäre unsere Entscheidung nicht so klar ausgefallen.

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#30 Wie sollen was tun? Mit unseren.. was!? (Teil 3)

Der Punkt, auf den wir in unserer kleinen Abraham-Reihe zusteuern ist sehr einfach – und gleichzeitig einer der Hauptgründe, weshalb sich so viele Menschen an der Bibel aufreiben.

Um ihn zu erreichen noch eine kleine Rückschau:

Der erste Teil der Bibel handelt von einer Sippe. Einer neuen Sippe, einer, mit der Berufung, die ganze Welt zu segnen. Abraham ist der Vater dieses Stammes und er ist aufgefordert, Gott zu vertrauen – inklusive der Prophezeiung, er als 99 Jahre alter Mann würde einen Sohn bekommen.

Abraham lacht übrigens darüber.

Gott bringt Leute in der Bibel zum Lachen (Wenn du den Begriff “Wort Gottes” hörst, kommt dir “lachen” bestimmt als erstes in den Sinn, oder? Vielleicht sollte es das.)

Dieser Geschichte folgend erleben wir, dass Sippen Bräuche, Initiationsriten und Rituale brauchen. Wege um zu entscheiden, wer es ernst meint, wer dabei ist und wer nicht, wer ein Teil dieser neuen Bewegung sein wollte und wer nicht.

Einer dieser Bräuche dieser umherwandernden Stammesangehörigen, tausende von Jahren in der Vergangenheit, war die Beschneidung. Als Zeichen, als Merkmal, als Demonstration der eigenen Identität.

Bis das nicht mehr galt.

Zu der Zeit, als die ersten Christen die Botschaft von Jesus verbreiteten, war die Frage der Beschneidung in den Augen vieler Zeitgenossen ganz zentral. Einige bestanden auf diesem jahrhundertealten Symbol der Zugehörigkeit, während andere – wie Paulus – das nicht taten.

Dieser Konflikt wird im Galaterbrief des Neuen Testaments beschrieben, in dem Paulus sich fürchterlich über die Beschneidungsanhänger aufregt (neudeutsch: einen ‘Rant’ verfasst) und sogar behauptet, diese Leute seien verflucht und jeder, der ihnen Glauben schenken würde, sei verhext. An einem Punkt schreibt er sogar

Sollen doch jene Leute, die euch aufhetzen, ´so konsequent sein und` sich ´nicht nur beschneiden, sondern` auch gleich noch kastrieren lassen!
Galater 5, 12

Das griechische Wort für “kastrieren” an dieser Stelle ist apokopto, was eigentlich “abschneiden” bedeutet.

Sollen Sie sie sich doch abschneiden.

Nun, wie kann es sein, dass die Beschneidung – ein zentrales Element der Geschichte zu Beginn – schließlich zu einem Problem wurde?

Wie kann es sein, dass etwas, das von Gott augenscheinlich als gut und gewollt betrachtet wurde, von Paulus als ‘Fluch’ bezeichnet wurde.

Wie wurde dieses Zeichen des Vertrauens in Gott zu etwas, dass Paulus sinngemäß als unchristlich bezeichnete?

Das eine war damals, das andere ist jetzt.

Die Bibel entfaltet eine Geschichte, wie eine Blume ihre Blütenblätter. Ein wachsendes Bewusstsein, ein größer werdendes Verständnis des Göttlichen und wir müssen es nach und nach mitverfolgen, um es zu verstehen.

Wenn wir aufwachsen, dann tun wir dies in Stufen.

Man denke an die Pubertät. Während wir sie durchliefen haben wir viel Merkwürdiges getan und noch mehr Merkwürdiges von uns gegeben. Über Jahre hinweg, nicht wahr?

Ist die Pubertät nun richtig oder falsch?

Das ist doch nicht die Frage.

Ein passenderes Wort wäre notwendig.

Die Pubertät ist ein notwendiger Schritt auf dem Weg des Aufwachsens. Sie bringt alle möglichen körperlichen und seelischen Veränderungen und Schwierigkeiten mit und doch – ohne sie blieben wir für immer Kinder. Wir wären nicht, wer wir heute sind.

Paulus spricht in ähnlicher Art über Abraham und die Entwicklung hin bis zu Jesus. Er schreibt, das wir nicht mehr länger das gleiche Gottesbild haben, das sie einst minderjährig waren und das Gesetz seine Schuldigkeit erfüllt habe, bis etwas Neues kam. Sie seien erwachsen geworden.

Das eine war damals, das andere ist jetzt.

Wenn die die Bibel lesen, dann müssen wir das als eine sich entwickelnde Geschichte verstehen, die ihre eigenen Wachstumsschübe und Entwicklungsstufen reflektiert.

Wenn wir zwei Verse aus verschiedenen Stellen der Bibel nebeneinander halten, dann scheinen sie oft sehr unterschiedliche Dinge auszusagen – aus dem Grund, weil sie sehr unterschiedliche Dinge aussagen.

Als Bibelkritik ist das gang und gäbe. Menschen zitieren einen Vers hier und vergleichen ihn mit einer Geschichte dort und erwähnen eine Passage aus einem früheren Teil oder eine Idee von weiter hinten als Beweis dafür, wie primitiv oder widersprüchlich die ganze Bibel ist.

Das ist eine naive Perspektive (egal, wie intelligent die Person sein mag).

Man muss die Bibel mit Verstand lesen. Man muss sich fragen, wo man in der Geschichte gerade ist. Man kann sie nicht als zweidimensionales Bild betrachten, bei dem man sich hier und da einen Aspekt herausgreift, sondern als eine Reflektion davon, wie Menschen die Welt zu verschiedenen Zeiten betrachtet haben.

Mir begegnen immer wieder Fragen, die mit..

Warum kann Gott nicht einfach…

gefolgt von etwas wie

alles Leid der Welt entfernen?

oder

den Himmel (oder was wir uns darunter vorstellen) für alle direkt real machen?

oder

den Baum aus dem Garten entfernen?

oder

eine Alternative zu der ganzen Jesus-Story erfinden?

Hinter diesen Fragen steckt die Annahme, dass die Bibel eine Version der Geschichte beschreibt, die leicht hätte verändert werden können, wenn Gott sich nur etwas anders (klüger?) verhalten hätte.

Aber das entspricht der Bibel gar nicht.

Wir haben einen hier Bericht über die Entwicklung der menschlichen Zivilisation und ihres Gottesbildes. Zu fragen, warum bestimmte Dinge nicht anders hätten laufen können ist zwecklos – und es entfernt uns von einem Verständnis dafür, wer wir heute sind.

Das hat entscheidende Auswirkungen darauf, wie wir von unserem Leben denken.
Glauben wir noch die gleichen Dinge, die wir vor zehn Jahren glaubten? Vertreten wir noch die gleichen Standpunkte? Haben wir das gleiche Welt- und Menschenbild wir zu der Zeit, als wir 15 waren?

Vermutlich nicht. Das war damals, das heute ist jetzt. Wir können nicht zurück gehen und diese Ansichten verändern. Unsere (Jugendsünden?) Handlungen entsprachen unserem Weltbild – heute sehen wir die Dinge anders.

Unsere Erfahrungen haben uns zu dem gemacht, wer wir heute sind. Es wäre falsch, deshalb verbittert zu sein.

Wir wachsen, weil sich unsere Eltern um uns gekümmert haben. Wir erfahren die Welt und handeln danach. Und wir reflektieren unser Verhalten und verändern es. Weitere Erfahrungen lassen uns wieder anders handeln.

Schritt für Schritt für Schritt.

Wachstum geschieht langsam.

Wenn Paulus mit den Menschen über die Beschneidung spricht, dann erklärt er etwas Bedeutsames zu der Zeit, etwas, was jenen Menschen als Symbol diente, als Versprechen darauf, was einst kommen mag.

Es war nicht falsch. Es war damals.

Aber damals ist nicht jetzt.

Wenn Menschen ein damals nehmen und versuchen, es zu einem heute zu machen, dann verfehlen sie den Punkt, sie arbeiten genau entgegen dem, wie ich die Bibel verstehe.

(Gibt es Dinge die damals wahr waren und es heute auch sind? Na klar.)

Diese Bibliothek erzählt von einem Gott der uns zu jedem Punkt unserer Entwicklung begegnet und der uns einlädt, ihm zu vertrauen und zu glauben, dass da noch mehr ist.
Das wir gerade erst am Anfang sind. Das alles gerade erst begonnen hat.

Weil damals war damals … aber jetzt ist jetzt.

#29 Wir sollen was tun? Mit unseren… was!? (Teil 2)

Abraham war neunundneunzig, als er beschnitten wurde.
Genesis 17

Wir sind noch nicht ganz fertig mit unserer kleinen Abraham-Reihe innerhalb unserer größeren Reise.

Heute geht es um Beschneidung.

(Komm schon… wir schreiben das Jahr 2015! Und du schreibst über Beschneidung..!?)

In dieser Geschichte über Gott und Abraham gibt es eine zweite, tiefere Ebene die uns etwas darüber erzählt, wie wir wachsen und werden – etwas, das enorme Auswirkungen auf unseren Alltag hat.

Zunächst ein paar Worte über “Beschneidung”: Wir haben auf unserer Reise immer wieder die Beobachtung gemacht, dass die frühen Teile der Bibel vom Entstehen einer neuen Sippe handeln. Einer Sippe, die von Abraham geführt wird und deren oberste Maxime es ist, der Welt Gottes Liebe nahezubringen.

Nun – wie gründet man eine Sippe?

Es gibt mehrere Möglichkeiten – die offensichtlichste ist: Man bekommt Kinder.

Und…?!

Man hat Sex.

…?!

Guter Einwand! Wir müssen daran denken, dass die Menschen der damaligen Welt nicht unser Verständnis von Biologie, von Zygoten und Eiern und all dem, besaßen. Damals beobachtete man schlicht, dass eine Frau nicht schwanger wurde, bis sie mit einem Mann zusammenlag. Augenscheinlich war der Mann derjenige, der das Leben/die Macht/die Zauberkraft in sich trug. Und um diese Kraft auf die Frau zu übertragen, benutzte er seinen…
Alle noch dabei?

Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch.

Gott zu Abraham, Genesis 17

Die Beschneidung war die Form, wie diese Menschen (okay.. Männer) ihre Zugehörigkeit zu diesem neuen Stamm bewiesen. Ein Kerl, der ohne Drogen oder Schmerztabletten einen Teil seines wichtigsten/verletzlichsten Körperteils abschnitt, war eine Art zu zeigen: “Ich bin dabei! Ich vertraue. Ich möchte meinen Teil zu dieser neuen Welt beitragen.”

Stellt euch Abraham vor, 99 Jahre alt, wie er in ein Handtuch beißt, während sein Nachbar Jürgen zu einem Stein greift und an die Arbeit geht… (Es ist ja nicht so, als ob sie damals schon scharfe Metallmesser oder ähnliches gehabt hätten.)

(Wenn sich der ein oder andere gerade fragt, warum irgendjemand klaren Verstandes so etwas tun sollte: Erinnert euch, dass Initiationsriten überall auf der Welt verbreitet sind, bei denen Menschen eine Form von Qual/Schmerz erleiden; ob das nun eine absurde Studentenverbindung, eine Sportmannschaft oder das interne Firmenwettrennen ist, wer mehr als 100 Stunden in der Woche arbeiten kann.)

Während die Geschichte in der Bibel voranschreitet, wird die Beschneidung zu mehr als einem Symbol. Sie teilt die Welt in diejenigen ein, die beschnitten sind und andere (Heiden und Ungläubige) die es nicht sind (vielleicht kennt jemand die Geschichte des Schäfers David, der von Goliaths Untaten hört und seine Männer fragt wer denn dieser unbeschnittene Philister sei).

Nun – ein schneller Vorlauf ins Neue Testament.
Der Apostel Paulus reist um die Welt, um den Menschen von Jesus zu erzählen, auch Abrahams Nachkommen kreuzen seinen Weg. Und was predigen sie anschließend den Menschen?

Sie sagen, dass – wenn man Jesus nachfolgen wolle – man beschnitten sein müsse. Das sei Teil des Deals. Dieses Zeichen gelte seit Anbeginn.

Stellt euch eine Gruppe von Griechen oder Römern vor, die nie zuvor von Abraham gehört haben, nie zuvor die Torah gelesen und keinen Schimmer haben, wer dieser Mose sein soll (“Spielt der nicht bei Gladbach in der Innenverteidigung?”). Sie hören nur von diesem Jesus und dass sie ihm folgen sollen und jetzt wird ihnen gesagt, dass sie überdies noch eine kleine Operation über sich ergehen lassen müssten.

Diese Griechen und Römer stehen da und sagen…

“Wir sollen was tun? Mit unseren…was!?”

Vera & Graphen gehen

IMAG0217Die Vera 8-Prüfung liegt hinter meiner achten Klasse und ich bin mit dem Abschneiden zufrieden. Die diesjährige Mathematik-Vergleichsarbeit war gut zu bewältigen und hatte eigentlich keine blöden Aufgaben. Obwohl man über die Aussage solcher Diagnose-Tests streiten kann, empfinde ich sie als positiv: Die Schüler, die über ein breites Fachwissen verfügen und über die Jahre gelernt haben, selbstständig Probleme zu lösen und zu denken, kamen ziemlich gut klar. Jene, die eher der Strategie des Bulimie-Lernens folgen (vor der Arbeit alles in sich hineinstopfen und dann auskotzen) hatten größere Schwierigkeiten. Letztlich bestätigt das Ergebnis aber die Beobachtung, die ich im Schulalltag mache. Unter den Schülern herrscht weitgehend Zufriedenheit – die überwiegende Mehrheit hatte den Eindruck, gut klargekommen zu sein.

IMAG0218Die Doppelstunde heute morgen (mit dem gleichen Kurs) habe ich mit der Einführung in die linearen Funktionen verbracht. Dazu wurden zwei Mannschaften gebildet. Einer zog eine Karte (s.Bild) mit einem abgebildeten Graphen und musste diesen ablaufen. Der Rest der Klasse musste dann herausfinden, wie der passende Graph aussieht.
Das verläuft eigentlich immer lustig und am Ende gab es ein Unentschieden zwischen den AtomAmeisen (abgekürzt AA) und den Piesel-Piranha (abgekürzt Pipi). Schöne Aspekte sind der Transfer von Alltagsbeobachtungen in die mathematische Sprache und überhaupt, dass man sich mal bewegt. (Sinnvolles) Spielen im Unterricht ist sowieso immer gut.

Die Karten zum Spiel “Graphen gehen” gibt es übrigens hier zum Download.

Lehrerwechsel vs. Kontinuität?

20140827_130625Im Sommer werde ich meine Klasse schon drei Jahre leiten. Dann ist Halbzeit. Ein guter Augenblick, sich Gedanken zu machen, ob ich die Klasse behalten oder abgeben möchte.
An meiner Schule werden stets zwei Klassenlehrer eingesetzt und nachdem meine erste Co mich wegen ihrer Familienplanung verlassen hat, habe ich mit ihrer Nachfolgerin genauso viel Freude im Alltag. Als wir uns über die Zukunft unserer Klasse unterhalten wird uns beiden schnell klar: Egal was und wie – aber wir bleiben zusammen.

Wir nehmen uns Zeit, viel Zeit, um uns Gedanken zu machen. Zwei Aspekte stehen zentral im Vordergrund:

  • Was ist gut für die Klasse? und
  • Was wollen wir eigentlich?

Familienleben.

IMAG0114_1Kritisch beäugt Oma die kleinen Babyfingerchen vom Amy. “Ihr müsst mal daran denken, der Kleinen die Hände zu waschen”, belehrt sie uns. “Nicht, dass die krank wird.”

“Keine Sorge”, murmelt Carolina wie beiläufig ins Wohnzimmer, “der Hund hat die vorhin ganz sauber geleckt.”

Sie sagt das in einem Tonfall, bei dem man nicht genau weiß, ob sie einen Witz gemacht hat.

DFB-Abenteuer Teil 2

ColorTouchVor knapp drei Jahren habe ich mich mit meiner 7. Klasse beim DFB als EM-Nachwuchsreporter beworben. Eigentlich sollte das Schreiben nur eine “Strafarbeit” für das ständige Fußball-Gequatsche der Schüler sein – am Ende nahm der DFB die Bewerbung jedoch an und so mussten meine Schüler Woche um Woche Berichte über die kommenden Gegner der Nationalmannschaft schreiben.

Später besuchte uns das offizielle DFB-Maskottchen und  an einem aufregenden Nachmittag wurde sogar ein Film über die Aktion gedreht, den man sich immer noch ansehen kann.

Heute, drei Jahre später, stehen die gleichen Schüler kurz vor ihrem Schulabschluss. Einige werden in die Oberstufe gehen, andere streben eine Ausbildung an.

In jedem Fall werden sich unsere Wege trennen.

Ein letztes großes Abenteuer werden wir aber noch gemeinsam erleben: Im Juni fahren wir zusammen nach Köln zu einem Länderspiel der Deutschen Nationalmannschaft. Für die Schüler (und für mich) wird das sicher eine aufregende Sache und ein würdiger Abschluss (werden die meisten wohl auch in zehn Jahren meinen Namen vergessen haben – solche Aktionen bleiben im Gedächtnis).

Der lustigste Punkt aber ist: Wenn man schon mit 30 Mann ins Stadion fährt, dann sollte man die Chance ergreifen und ordentlich auf sich aufmerksam machen. Also: Welches Spruchband sollen wir hochhalten? Welche Buchstaben auf die Stirn malen? In welcher Verkleidung auf den Rängen tanzen?

Uns ist jedes Mittel recht, um einen bunten Abend zu genießen 😀

Ich bitte um Vorschläge :-)

Kinderpsychologie

Die kleine Amy spuckt Milch.
”Lina, hol mir bitte ein ZEWA”, bitte ich meine Älteste, während ich mich um das Baby kümmere. Carolina braucht einige Augenblicke, bis sie die Papierrolle entdeckt und kommt dann seelenruhig zurückgeschlendert, während ihre Freundin meinem Treiben interessiert, aber untätig zuschaut.

Carolina hat genau ein Blatt der Rolle in der Hand.

“Carolina”, sage ich, lege die Stirn in genervte Falten und wische die Sauerei mühsam weg, “wenn ich sage ‘ein Zewa’ meine ich damit zwei oder drei Blätter!”

Statt dass sie zurück in die Küche eilt, schaut sie mir entspannt zu und erklärt ihrer Freundin: “Normalerweise nennt mein Papa mich Lina. Wenn er ‘Carolina’ sagt, dann ist er sauer. ”

Ich blicke auf. “Carolina Sophie!”

“Und so nennt er mich, wenn er stinksauer ist!”, kichert sie und läuft mit ihrer Freundin rasch davon.

Fortbildung: Erstellung von Unterrichtsmaterialien

LehrerfortbildungVor kurzem erhielt ich die Einladung zu einer Fortbildung Ende April. Es geht um die Erstellung von Material für das Fach NW (“Naturwissenschaft”). Solche Einladungen sind nichts besonderes – jeder Lehrer und jede Schule erhält Dutzende davon im Jahr. Diese Fortbildungen sind manchmal cool und manchmal… nunja, auf andere Lehrertypen zugeschnitten.

Da ich (wie üblich) von meinem eigenen Unterricht ganz begeistert bin, habe ich bei dieser Fortbildung gedacht, wie großartig mein selbst erstelltes NW-Workbook dazu passt. Also schrieb ich den Kollegen eine E-Mail, entschuldigte mich für die dreiste Einmischung – und hängte die Workbooks an.

Einige E-Mails später wurde ich herzlich eingeladen, doch bitteschön selbst an der Fortbildung teilzunehmen und – wenn möglich – auch ein bisschen was dazu zu erzählen. Also freue ich mich auf die Gelegenheit, im April etwas beisteuern zu können. Das wird bestimmt cool (und wenn nicht, dann ist es halt auf andere Lehrertypen zugeschnitten Zwinkerndes Smiley). Die Anmeldung erfolgt online hier – evtl. treffe ich ja den ein oder anderen Leser dieses Blogs dort.

Apropos großartiger Unterricht:
Eine liebe Kollegin kam letzte Woche auf mich zu, drückte ihren Unmut über ihre (und meine) Phantasielosigkeit im Unterricht aus und begann aus dem Stehgreif, eine Geometriemappe für das neue Thema “Dreieckskonstruktion” zu erstellen. Inhaltlich entspricht sie in großen Teilen der zugehörigen Lerntheke – der Aufbau ist allerdings geführter mit sehr viel Wert auf Sauberkeit und Ordnung (ich bin nicht so der große Hefte-Einsammler, da passt mir das hier ganz gut).

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Interessierten Kollegen schicke ich die Mappe gerne zu – sie ist aber auch an üblicher Stelle zu finden. Diesmal auch als veränderbare .pptx-Datei, damit ihr sie… öhm… “auf euren Lehrertypus anpassen” könnt. (Falls ihr das Workbook nicht cool findet, wie es ist..!?)

Charakterschwäche

221131_276677482437751_1033654548_oEin Oberstufen-Schüler, den ich inzwischen nicht mehr unterrichte, begegnet mir auf dem Flur. Er ist Schalke-Fan und ich kann von weitem sein süffisantes Grinsen sehen.

Doch noch bevor er mir irgendeinen Spruch reindrücken kann, quatsche ich ihn zu. “Weißt du, Michel”, sage ich, “auf jemanden einzutreten, der schon am Boden liegt… Das sagt einiges über die Person aus. Über ihren Charakter.”

Ich blicke ihn mit enttäuschter Miene an – wie Lehrer oft schauen, wenn einer ihrer Zöglinge etwas richtig Dummes gesagt hat.

“Und wenn ich ehrlich bin, dann macht mich das wirklich betroffen. Ich hätte da einfach mehr von dir erwartet. Aber so.. ich bin ehrlich traurig darüber.”

Der Schüler nickt verstehend.
”Herr Klinge”, erwidert er freundlich, “ich trete nicht nur, ich spucke auch auf Leute, die am Boden liegen.”

Schalker. Muss ich mehr sagen…?!

Die Dorfschullehrerin

Kennt ihr das, dass der obere Rücken- und Nackenbereich völlig verspannt ist?

Ich geh also zur Massagepraxis in Eiserfeld (das Dorf, in dem auch unsere Gesamtschule liegt). Und als ich da so halb nackt auf dem Bauch (Gottseidank!) auf der Massagepritsche liege, kommt der Physiotherapeut mit einem fröhlichen “Guten Morgen, wen haben wir denn da?” herein. Es liest ab “Eva Tellmann. Ah! Ich war bei Ihnen an der Schule!”

Scheiße. Ich verdrehe mich, um den jungen Mann anzuschauen, ohne mich gänzlich zu entblößen. Zum Glück war er nicht MEIN Schüler! Aber ich kann mich gut erinnern, dass ich Klassenlehrerin in seiner Parallelklasse war. Dem ehemaligen Schüler ist das alles gar nicht unangenehm und er plaudert freundlich drauflos über alte Lehrer und gemeinsame Bekannte.  Wunderbarerweise hat er wirklich heilende Hände und versteht sein Handwerk.

Deswegen merke man sich: Seid nett zu den Kindern in der Schule, denn sie werden eure Gynäkologen, Feuerwehrleute, KFZ-Mechaniker und Bestattungsunternehmer.

“Wie aus dem Gesicht geschnitten”

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“Deine Tochter sieht dir so ähnlich”, sagen die Leute ständig. “Besonders die Augen”, sagen sie.

Manchmal zu mir.

Manchmal zu meiner Frau.

Ich sehe das nicht. Für mich sehen Babys alle gleich aus.

Ein weiteres Halbjahr ist rum. Die Tage sind gerade ganz wunderbar aber ich stelle verärgert fest, dass mein Blog mir zu “berufsorientiert” geworden ist. Das nervt mich etwas, weil mein Leben nicht nur aus Schule besteht.

Notiz an mich selbst:
In Zukunft wieder mehr Blödsinniges aus dem Alltag, wie die Geschichte, als wir die Milchzähne vom Hund in Carolinas Milchzahndose gelegt und ihr erzählt haben, sie hätte als Baby solche Reißzähne gehabt.