Schule wie zu Großvaters Zeiten.

Aus Gründen unterrichte ich bis zum Sommer einmal wöchentlich einen Mittelstufen-Mathematik-Kurs mit knapp 50 Schülern.
Für mich (und die Kinder) ist das durchaus herausfordernd – läuft bisher aber völlig problemlos. Jeder bemüht sich, seinen eigenen Rede-Drang für 45 Minuten herunterzufahren, um den Lärmpegel erträglich zu halten.
Spannend finde ich die Vorstellung, dass solche Klassengrößen Anfang des letzten Jahrhunderts durchaus üblich waren, in China üblich ist.

Interessant dabei die öffentliche Diskussion, ob sich die Klassengröße auf die Leistung der Schüler auswirkt. Lehrer sagen ja, Studien behaupten (belegen?) das Gegenteil.

Die Lehrarbeit lebe ich oft genug als Beziehungsarbeit: Ich kommuniziere mit Schülern, klopfe Sprüche, spiele mit Antworten und weiß, wie ich einzelnen Schüler begegnen muss. Hier frage ich, wie es dem Pflegepferd geht, dort nach dem Wochenende.
In einem Kurs mit 50 Leuten fällt dieser Faktor völlig weg. Ich konzentriere mich ausschließlich auf das Lehren, für individuelle Hilfestellungen (man könnte auch sagen: Rücksichtnahme auf den Einzelnen) gibt es keinen Platz mehr. Diese eine Stunde in der Woche erinnert eher an die Vorlesung an der Universität als an Schulunterricht.

Für eine Stunde in der Woche ist das ein Erlebnis und schon okay – aber so richtig Spaß macht das niemandem. Denn letztlich geht es in der Schule ja nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern auch um Erziehung und Mensch-Werdung.

An Tagen wie diesen…

Während ich zu Hause unser zahnendes Baby bespaße, wird meine Frau von einem entgegenkommenden LKW abgedrängt und schlitzt sich dabei an einem unsauber abgefrästen Abflussrohr Felgen samt Reifen kaputt.

Meine Laune sinkt.

Ich gebe das Baby in gute Hände, schnappe mir Ersatzreifen und will mit unserem Zweitwagen los. Der Schlüssel, den wir seit heute morgen suchen, bleibt im familiären Chaos verschwunden. Also leihe mir den Wagen meiner Schwiegereltern.

Ich knirsche mit den Zähnen.

Am Unfallort steht meine Frau verdrießlich im Nieselregen, direkt vor einem dieser typischen Siegerländer Schindelhäuser. Als ich das Auto aufbocke muss ich feststellen, dass die Felge an der Achse festgerostet ist. Ich ziehe und zerre, trete und fluche.

Für einen Moment dachte ich, dass ich wohl kaum noch schlechter gelaunt sein könnte.

Da löst sich der Reifen.

Ich falle zurück und schlage mit dem Hinterkopf gegen die Schindeln des Hauses, von denen zwei zerspringen. Gleichzeitig quetsche ich mir zwei Finger der linken Hand. (Unnötig zu erwähnen, dass ich Linkshänder bin.)

Ich komme mir vor wie in einer beschissenen Slapstick-Komödie.

“Hallo Herr Klinge”, flötet da eine Stimme (!), während ich im Regen inmitten der Scherben sitze und fassungslos auf den beschissenen, zerfetzten Reifen in meinem Schoss und meinen pulsierenden, rußschwarzen Daumen starre. “Na? Kennen Sie mich noch?”

“Ich hatte mal bei Ihnen Unterricht”, plappert irgendwer (wer bist du!?) drauf los. Offenbar eine ehemalige Schülerin, die gerade Zeitung austrägt.

Das kann (!) nur ein Scherz sein (!!). Vergeblich warte ich darauf, dass ich aufwache.

Morgen dann erst mal zum Arzt. :-/

Wasserschlacht (aus päd. Gründen)

IMAG0547Wir Lehrer stehen immer wieder vor einem Dilemma: Erlauben wir etwas, das eigentlich nicht okay ist, aber doch irgendwie Spaß macht?

Der Sommer zieht so langsam ins Land – die Kinder spielen weniger mit dem Handy und mehr miteinander. Als es letzte Woche so warm war, entwickelte sich zwischen einigen 5ern, 6ern und 7ern eine zünftige Wasserschlacht auf dem Schulhof.

Direkte Beobachter war ein Grüppchen 8er, denen man im Gesicht ablas, wie gerne sie mitmischen würden – aber schon zu cool waren. Zwei Schritte rein. Zwei wieder zurück. Sie wollten. Unbedingt! Aber es ging nicht. Also schauten sie die gesamte Mittagspause neidisch zu, wie sich die kleineren mit Wasserflaschen und Wasserbomben gegenseitig abschossen.

Mit einer Kollegin saß ich in der Sonne und beobachtete das Spektakel.

Die Atmosphäre hatte etwas von Freibad und wir dachten beide, wie gut es diesen Kindern geht. Wie aufgeregt sie miteinander spielten. Wie fröhlich sie lachten, kreischten, wegrannten.

Hinterher gab es natürlich den ein oder anderen Kollegen, der die Aktion scheiße nicht ganz gelungen fand. “Die Kinder säßen nun nass und frierend in den Klassenräumen. Das hätte man doch kommen sehen müssen.”

Ja, haben wir.

…aber an der Stelle die (pädagogische) Entscheidung getroffen, die Kinder spielen zu lassen.

Natürlich sind die Kinder hinterher nass. Und ja, das stört und nervt und macht es in den letzten beiden Stunden nicht leichter, seinen Unterricht durchzuziehen. Aber, wenn ich an meine Schulzeit denke, dann sind mir solche Erlebnisse besonders im Kopf geblieben. Wegen solcher Tage habe ich Schule geliebt

So sehr ich den Frust einiger Kollegen nachvollziehen kann – ich würde immer wieder so handeln (natürlich nicht im Wochenrhythmus), denn das, was mich viel mehr nervt, habe ich irgendwann mal in einem Schaubild dargestellt:

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Kultur in der Schule

Wir haben eine wirklich gute, mit verschiedenen Preisen gekrönte Theatergruppe in der Schule und erst im Alter beginne ich den Wert von Kultur wertzuschätzen.
(Als Schüler habe ich – meinem Alter entsprechend – renitent gegen alles, was mit Bildung zu tun hatte, protestiert.) Bisher war meine Klasse stets ein- bis zweimal pro Schuljahr im Theater. Wir haben vorher und nachher darüber gesprochen: Wie man sich dort verhält. Was der Unterschied zum Kino ist. Den Wert von Kultur in unserer Gesellschaft (vielleicht könnte ich auch erfolgreich Staubsauger an Haustüren verkaufen – aber natürlich quatscht man lieber mit dem Onkel vorne über Cooltur, als weiter Mathe zu machen…)
Als ich vergangene Woche fragte, wer Lust hätte, die neue Vorstellung unserer Schulgruppe zu besuchen, schossen alle Hände hoch. Klaro!

Als ich das Eintrittsgeld einsammle (ich habe erklärt, dass auch unsere Schultheatergruppe Lizenzgebühren bezahlen muss und arg in der Kreide steht) und Jonathan sein Wechselgeld geben möchte, hebt er abwehrend die Hände. “Nein, Herr Klinge. Ich habe mit meinem Papa über Kultur gesprochen und möchte mehr bezahlen.”

Ich bin sprachlos.
#Jugend von heute und so.

Alles eine Frage des Blickwinkels.

IMAG0500Mein Bruder und ich arbeiten im Garten. Das Pool-Projekt läuft ganz gut, aber es gibt Schwierigkeiten. Die zwei Schaufeln bspw. sind unterschiedlich das nervt uns ganz gewaltig. Mit der einen kann man schlechter schippen, schlechter drauftreten und der Winkel ist auch kacke.

“Das ist eine Fehlkonstruktion”, schimpfen wir einhellig.

Später kommt mein Schwiegervater dazu. Ein richtiger Handwerker. Während er gräbt und schaufelt, nutzt er er die beschissene Schaufel. Nur richtig. Sie ist super.

Mein Bruder flucht. “Oh man… Die Schaufel ist völlig okay. Wir sind die Fehlkonstruktion hier.”

Dürfen Lehrer im Sommer in der Schule kurze Hosen tragen?

Neulich sitze ich mit Jan auf der Fensterbank im Lehrerzimmer und ich sage:“Guck dir mal den Andreas an, wie der wieder rumläuft!“ Jan darauf:“Der könnte wegen mir im Handtuch bekleidet unterrichten – ich finde den einfach nur genial und er macht vermutlich grandiosen Unterricht.“

Verläuft zwischen uns der Graben, der die Lehrergenerationen trennt? Immerhin bin ich gute 12 Jahre älter und bin weder tätowiert noch gepierct und trage meine Haare nicht zu Rastalocken gedreht. Ich bin der Meinung, dass ich als Lehrer durchaus eine Vorbildfunktion habe – und die gilt irgendwie auch in Hinblick auf das äußere Erscheinungsbild. Dabei meine ich jetzt nicht, dass man im Kostüm oder Anzug rumlaufen muss (wobei es Schulen geben soll, an denen das durchaus Standard ist), aber es ist doch schon gut, wenn die Bluse gebügelt ist und die Schuhe sauber sind. Mir ist auch klar, dass die Welt bunt ist und einen eigenen Stil zu haben, gilt als erstrebenswert. Dennoch finde ich es schwierig, wenn Lehrer im Sommer in kurzen Hosen rumlaufen oder mit Wollmütze im Lehrerzimmer sitzen.

Ich bin eine Old-School-Ignorantin: Die Kleidung sollte sauber und ordentlich sein, und der Tatsache Rechnung tragen, dass wir Kinder nach einigen Jahren in die Welt entlassen, und da sollten diese dann nicht im Büro oder im Betrieb in kurzen Hosen oder mit Wollmütze auftauchen.

Wie seht ihr das?

#31 Ein paar Gedanken über Sidon und PEGIDA

Vor wenigen Tagen erschien bei heise online ein Interview mit einer Frau, die früher ein Mann war. Nach über 1000 z.T. gehässigen Kommentaren sieht sich heise gezwungen, dass Forum zu schließen. Zur gleichen Zeit wird auf den einschlägigen Facebook-Seiten wie Pegida oder anderen rechten Gruppierungen der Brandanschlag in Tröglitz kommentiert: „Scheiß Asylbetrüger!“ „Dreckspack!“ Bedauern, dass zum Zeitpunkt des Feuers noch keine Flüchtlinge im Heim waren: 120 Likes.

Ein Sprung zurück.

In Genesis 9 lesen wir, wie ein Mann namens Noah einen Weinberg anbaut (nach der Boot-Geschichte), sich betrinkt und schließlich nackt einschläft. Sein Sohn Ham sieht ihn so und erzählt seinen Brüdern davon. Die decken ihn zu und dann wird die Sache hässlich: Noah wacht auf, realisiert was geschehen ist und verflucht Hams Familie, beginnend mit dessen Sohn Kanaan.

In der Antike war ein Fluch keine Kleinigkeit. Insbesondere nicht, wenn der Vater ihn aussprach. Ein Fluch ging über die bloße Bedeutung der Worte hinaus – er hing wie eine Wolke über einem, prägte das ganze Leben.

Hams Sohn Kanaan war also verflucht, was implizierte, dass Kanaans Söhne ebenso verflucht seien, unter anderem dessen ältester Sohn Sidon.

Wir erfahren ferner, dass Sidon eine ganze Reihe Söhne hatte. So viele, dass Sidon als Vater einer ganzen Nation gilt. Einer Nation, die wieder und wieder in der Bibel erwähnt wird.

Im Buch der Richter erobern und unterdrücken die Sidonier die Israeliten.

(Spannend zu bemerken, dass die Geschichte mit einem Vater beginnt, der seinen Sohn verflucht (einer Kleinigkeit?), aber dass diese Wunde schwärt und nicht verheilt, bis – Generationen später – die Nation des Sohnes die des Vaters unterdrückt. Einige Wunden verheilen nie, oder?)

(Außerdem interessant, dass eine Wunde, zugefügt vom eigenen Vater, nicht einfach abgetan werden kann – statt dessen weitet sie sich aus, betrifft Menschen, die eigentlich nichts damit zu tun haben. Warum sind diese zwei Länder im Krieg? Antwort: Weil ein Vater seinen Sohn verflucht hat.)

(Und wo wir gerade dabei sind: Habt ihr in letzter Zeit irgendwelche Filme gesehen, in denen die Charaktere ungelöste Probleme mit ihren Vätern hatten? Natürlich. (Die letzte Greys Anatomy Staffel handelte davon. Die Serie Parenthood fast dauerhaft.) Wir erzählen immer noch die gleichen Geschichten, erleben den gleichen Schmerz – in tausenden Jahren haben sich viele Dinge verändert – und manche gar nicht.) Continue reading

Osterferien 2015: Baby, Schule, Pool, BVB

Endlich Ferien. Ferien, die ich sehr herbeigesehnt habe und nun auch schamlos genieße.

IMG_20150401_161129 1Einiges an Zeit widme ich der Kombination Hund & Baby. Kleine Kinder greifen immer nach den spannenden Dingen – und bei einem Tier sind das stets die Augen: Aber Bailey lässt alles geduldig über sich ergehen. Jedes Grapschen und Ziehen und Zerren. Ich vergesse nie, dass ein Hund ein Raubtier bleibt – aber dieser scheint mit dem kleinen Mensch prima klarzukommen.

Ich habe mir vorgenommen, jeden Tag 8 Klassenarbeiten zu korrigieren und halte das (bisher) auch durch. Ich müsste auch noch jede Menge Unterricht vorbereiten – aber dazu habe ich aktuell keine Lust.
Ich gewöhne mich langsam an den Abschied von meiner 10. Klasse. Die letzte Arbeit wurde geschrieben, jetzt stehen nur noch die ZAP und das Länderspiel an. Ich bin nicht nur aus Verbundenheit auf die Ergebnisse gespannt, sondern auch aus lerndidaktischer Perspektive: Diese Klasse hat seit Klasse 7 praktisch ausschließlich mit Lerntheken gearbeitet. Das Mathematik-Buch haben wir nicht ein einziges Mal genutzt. Um sicherzustellen, dass ich nicht meine eigene Suppe auf Kosten der Schüler koche, schreiben wir im Jahrgang sehr ähnliche Klassenarbeiten. Mein Kurs schneidet dabei nicht signifikant besser oder schlechter ab. Also alles im gründen Bereich…!?
Ich werde die Lebensläufe auch die nächsten drei Jahre verfolgen um zu schauen, wie meine Schüler in der Oberstufe zurechtkommen: Haben sie “eigenverantwortliches Lernen” gelernt? Haben sie begriffen, dass ihr Lernerfolg maßgeblich von der eigenen Anstrengung und nicht von der Lehrperson abhängt? Oder werden sie am Bruch “offene Arbeitsform” vs. “frontale Abiturvorbereitung” scheitern? Auch hier bin ich gespannt.

IMAG0292 (Medium)Überdies verbringe ich viel Zeit im Garten.
Unsere Vorbesitzer haben uns einen heruntergekommenen Swimming Pool hinterlassen, der in den nächsten Wochen von mir generalüberholt wird.
Aktuell wird Schubkarre um Schubkarre Erde, Steine und Dreck abgehoben und weggebracht. Ziel wird eine Terrasse außen mit einem Pavillon sein, dazu muss das Becken gereinigt und repariert werden. Wenn es am Ende schön wird, schreibe ich vielleicht nochmal was zum Bau. Wenn es hässlich wird, frage ich die Chemiekollegen nach Sprengstoff (und würde auch darüber schreiben).

Zwei Highlights stehen in den Ferien noch an: Durch glückliche Umstände fahre ich nicht nur Samstagabend zum Spiel des BVB gegen die Münchener Batzis (je nach Spielverlauf korrigiere ich dann nächste Woche großzügiger oder schlechtgelaunter), sondern auch nach Gladbach zum Spiel der falschen Borussia gegen die richtige.
Aufregend wird Samstagabend: Als letzter großer Lothar Matthäus-Fan Deutschlands hoffe ich, die Expertenrunde im Anschluss auf dem Stadionrasen zu stören und den Loddar zu drücken.

Zeitumstellung

Meine Frau und ich fragen uns jedes Mal, ob unsere Smartphones die Zeitumstellung automatisiert übernehmen oder ob wir nachhelfen müssen (sie machen es automatisch).

Die Uhren in unseren Autos verändern sich jedoch nicht.
Während Angela in ihrem Auto konsequent die Sommerzeit eingestellt lässt, bemühe ich mich um Aktualität: Leider habe ich dann aber meist Besseres zu tun, so dass ich oft erst nach einem Quartal dazu komme, die Uhr in meinem Auto einzustellen. So entsteht immer völliges Chaos und die Uhren sind uns letztlich gar nicht hilfreich: Wir wissen nie ob und welche Uhr gerade richtig oder falsch geht, schon umgestellt wurde oder nicht.

Sponsorenlauf (mit Glasknochen)

image_thumb9Schüler aus der Jahrgangsstufe 13 haben einen Sponsorenlauf für einen guten Zweck organisiert. Aufgrund verschiedener Umstände kann der nicht auf einem Sportplatz stattfinden, statt dessen wird um die Schule gerannt – das sind etwa 500 Meter Strecke. Bergauf, bergab. Auch eine Treppe ist dabei.

Weil wir eine recht große Schule mit etwa 900 Schülern sind, wird in Etappen nach Jahrgangsstufen gelaufen. Trotzdem ist die Aktion für meine Schülerinnen mit Glasknochen etwas heikel: 120 rennende Kinder auf schmalen Schulpfaden sind nicht ohne. Die Strecke ist für sie ziemlich und anstrengend. Dazu die Treppen.
Auf keinen Fall werden sie an die Rundenzahl der anderen Schüler heranreichen.

Im Vorfeld wird in Erwägung gezogen, den Zwillingen eine alternative, kleinere Runde auf dem Schulhof anzubieten. Das Stichwort lautet hier “Nachteilsausgleich”.
(In der Schule erhalten viele Schüler mit Behinderungen einen solchen Nachteilsausgleich: Wer unter einer Lese-Rechtschreibschwäche leidet, bekommt u.U. mehr Zeit bei Klassenarbeiten. Wer Asthma hat, muss keine 8000m im Sportunterricht laufen etc.) Für kleingewachsene Kinder im Rollstuhl wäre eine angepasste Runde bei einem Wettrennen unzweifelhaft vertretbar gewesen.

Trotzdem habe ich entschieden dagegen argumentiert.

Als Erwachsene verstehen wir den Zweck eines solchen Nachteilsausgleiches, aber den anderen Kindern erschließt sich das nicht. Sie empfinden ihn als unfair. (Ich habe hier ausführlicher über dieses Ungerechtigkeitsempfinden geschrieben)
Es mag sein, dass die beiden Kinder nur drei Runden schaffen, statt wie die anderen vielleicht neun – aber es sind richtige, große Runden und diese Leistung (behaupte ich) wird jedem Respekt abnötigen. Kein Schüler würde sich vor den Mädchen aufbauen und sagen: “Ätschibätsch – ihr habt nur drei Runden geschafft.”
Ich glaube aber, dass – umgekehrt – neun Runden in einem kleinen, angepassten Parcours bei den anderen Schülern eher Häme erzeugen würde: “Ja, toll, neun BABY-Runden! Das kann doch jeder!”

Am Ende haben wir es einfach gemacht.
Obwohl Gedränge und Geschrei anfangs groß waren, haben die beiden Mädchen sich durchgebissen. Obwohl die Strecke lang und anstrengend und die Treppen unüberwindbar waren, haben sie nicht aufgegeben. Die anderen Schüler haben aufgepasst und die Rollstühle die Treppen hochgetragen (“Looos! Schneller! Ihr kostet mich Zeit!”). Die Mädchen waren am Ende sehr stolz auf ihre Leistung (die mitlaufenden I-Helfer entsprechend erschöpft) und haben von ihren Mitschülern Anerkennung erhalten.

Dieser Tag war einmal mehr ein Beispiel dafür, dass man Inklusion vielleicht einfach wagen muss. Man kann nicht immer jede Eventualität vorausplanen und alles austarieren. Viele Probleme lösen sich von alleine, an anderer Stelle kann man spontan improvisieren – letztlich entscheidet oft der gesunde Menschenverstand.

Übrigens: Die Schüler haben rund 9000 Euro erlaufen. Herzlichen Glückwunsch.

#31: Kurt Cobain und die Offenbarung

A mulatto,
an albino,
a mosquito,
my libido
Yay!

Kurt Cobain

Bei unserer Reihe über die Bibel haben wir ein Buch bisher ausgelassen, obwohl es für viele Menschen (und Filme?) als ganz zentrales Element erscheint – und Fragen aufwirft. Viele Fragen.

Die Offenbarung des Johannes.

Heute also ein paar Gedanken über das Ende der Welt.

Zunächst, zwei Worte: Zukunft und Gewalt.

Zukunft.

Für einige Menschen ist der Hauptgrund, die Offenbarung zu lesen, der, dass sie von der Zukunft spricht. Von Dingen, die noch nicht geschehen sind. (Was vielleicht auch ein Grund ist, weshalb ich einmal bei einer Handleserin war.
Daraus entstehen dann viele Fragen über das Ende der Welt, welches Land die größte Bedrohung für das eigene Land darstellt und natürlich: Leben wir gerade in den letzten Tagen? (Oder wie Christen es ausdrücken: Ist die Endzeit angebrochen?)

An dieser Stelle ist ein kleiner Blick über den Tellerrand (und ins Kino) hilfreich: In den vergangenen Jahren sind unfassbar viele Filme gedreht worden, die sich mit dem Ende der Welt beschäftigen – und nicht von religiösen Leuten. Offenbar ist die Frage nach dem Ende eine, die sich viele Menschen stellen.

Nun, lasst uns noch einen Schritt zurücktreten. Einen noch weiteren Blickwinkel gewinnen. Und ein paar Fragen stellen.

Wir wollen uns vorstellen, dass ein Freund von uns in Syrien lebt. In einem Dorf, das direkt neben einem Ort liegt, der von den IS-Milizen überrannt wurde.

Was für eine Art Mail würden wir unserem Freund schreiben? Würden wir ihm von Dingen erzählen, die womöglich in tausenden von Jahren geschehen mögen?

Macht es überhaupt Sinn, dass das letzte Buch in der Bibel (geschrieben an Menschen die in einer vergleichbaren Situation lebten), von einer Zukunft in tausenden Jahren spricht?

Und – noch ein Stück weiter gedacht: Was, wenn wir eine Antwort erhielten? Was, wenn die Offenbarung uns auf magische Weise mitteilen würde, dass die Welt in 13 Monaten unterginge. Würde das etwas ändern?

Würden wir anders leben?

Wenn die Antwort „ja“ lautet („ich würde meine Träume verwirklichen“ „ich würde intensiver leben“), wirft das natürlich die Frage auf, was uns davon abhält, schon heute so zu leben.

Wenn wir tatsächlich Informationen über das Ende der Welt (und das Erwachen von Godzilla) in die Finger bekämen, welchen Unterschied würde das in unserem Leben machen?

Wissen wir nicht eigentlich schon alles, was nötig ist, um ein glückliches Leben zu führen?

Gewalt.

Ein Aspekt, der oft genannt wird (und der sich in pseudo-christlichen Endzeitromanen widerspiegelt), wenn es um die Offenbarung des Johannes geht, ist die schier absurde Gewalt. Ströme von Blut. Wehklagen.
Wir sind ein bisschen überrascht, eher schockiert aber vor allem angewidert. „Cooler Plan, Gott.“

Aber dann sitze ich mit meiner Tochter im Kino und wir schauen uns den Hobbit 3 an und all die abgeschlagenen Arme und Beine sind nicht eklig, sondern aufregend. Wir können das Erscheinen der DVD gar nicht erwarten.

Ist es nicht skurril, wie oft Menschen von Dingen in der Bibel angewidert sind und gleichzeitig Geld dafür ausgeben, mit den gleichen Inhalten im Alltag amüsiert zu werden?

Okay – zurück zur Offenbarung. Was hat es damit auf sich?

Sie wurde geschrieben von einem Pastor. Dessen Name ist Johannes (nicht zu verwechseln mit dem Evangeliums-Johannes).

Dies ist der Schlüssel, um das Buch zu verstehen.

Johannes lebt im Exil, was bedeutet, dass er von seiner Gemeinde, seinen Freunden getrennt leben. Er sitzt auf einer Insel, viele Kilometer entfernt (und ohne E-Mail und skype). Das Leben ist hart, seine Gemeinde, seine Freunde leiden unter der Angst und Gewalt, die ihre Leben bestimmen. Also schreibt Johannes ihnen einen Brief, um zu helfen und sie zu ermutigen.

Johannes ist außerdem ein Poet.

Das dürfen wir nicht vergessen, weil wir seinen Brief nicht linear und logisch wie einen Bericht über das Weltgeschehen lesen dürfen – ansonsten würde es endlos frustrierend. Man findet keinen roten Faden (egal, wie oft wir End of Days mit Arnold Schwarzenegger schauen!).

Aber wenn wir die Offenbarung lesen, wie wir ein Gedicht lesen, oder Songtexte – dann öffnet sich uns eine ganz neue Welt.

In diesem Brief befinden sich Gut und Böse in einem Konflikt.

Johannes zufolge befindet sich das Böse in der Welt und bekämpft die Menschen. Das Böse ist keine Fantasygestalt oder eine Idee oder ein abstraktes Konzept – sondern eine reale Bedrohung seiner Freunde. Sie werden ermordet und verschleppt, wie wir es heute in vielen Ländern der Welt auch erleben. Johannes benutzt einige Bilder, um dieses Böse zu skizzieren, es fassbar zu machen (Vor wenigen Tagen hat eine Frau in Colorado eine 26-jährige Schwangere niedergestochen, ihr das ungeborene Baby aus dem Leib geschnitten und  ist damit geflohen. Welche Bilder würden wir nutzen, um diese Tat zu beschreiben?)

Johannes benutzt eine ganze Reihe von plastischen, brutalen Bildern und Szenen in seinem Brief, weil das Leben oft genauso ist.

Stellen wir uns für einen Moment vor, in einem Krankenhausbett zu liegen. Wir erholen uns von der Chemotherapie und fragen uns, wie viel Zeit uns wohl verbleibt.
Der Krankenhauspfarrer kommt vorbei, lächelt uns an und erklärt uns, dass das Leben wie eine Schachtel Pralinen sei: Man wisse nie, was man bekommt.

Wie ätzend wäre das? Wir würden mit unserer letzten Kraft den Pfarrer schütteln und ihm seine verdammte Schokolade dahin stecken, wo…

Wenn Menschen an Krebs erkranken, dann sprechen sie übers Kämpfen und über ihre Kräfte und darüber, wie sehr sie am Leben hängen.

Wenn wir in einem Land lebten, in dem militärische Banden durch die Dörfer zögen, Häuser anzündeten, Frauen vergewaltigten und die Männer umbrächten – dann bräuchten wir Ermutigung. Und zwar Ermutigung, die der Gewalt entspricht, die wir jeden Tag erfahren.

Johannes nutzt diese Bilder, weil der daran glaubt, das Gott durch Jesus diesem Bösen entgegen getreten ist.

Er glaubt, dass in dieser neuen Realität von Christus, seine Gemeinde (seine Freunde) beschützt sind und sicher und geliebt. Er schreibt ihnen über eine tiefere Wahrheit, die über ihren brutalen Alltag hinaus geht. Eine Wahrheit, die in Gottes Liebe für die gesamte Schöpfung begründet ist. Er erzählt von einem neuen Leben, das sie durch Christus haben, auch wenn sie jetzt leiden und vielleicht sterben. Johannes will, dass seine Freunde innere Ruhe und Zuversicht finden, unabhängig von dem Sturm um sie herum und er ist davon überzeugt, dass diese Zuversicht in Jesus gefunden werden kann.

Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich Smells Like Teen Spirit von Nirvana gehört habe. Ich behaupte, die meisten von euch werden das Lied kennen und mitsummen können.

Ein Song, den man unwillkürlich voll aufdrehen muss. Den man in den Knochen spürt. All das Gefühl und die Verzweiflung und der Herzschmerz.. alles in dem einen Song. Und dazu der Text:

A mulatto,
an albino,
a mosquito,
my libido
Yay!

Wenn wir uns nun fragen, was diese Worte eigentlich bedeuten sollen: Albino? Mosquito?

Wir würden zu dem Schluss kommen, dass die wörtliche Bedeutung nicht der Punkt sei. Das ist schließlich Poesie, eine Reihe von Fragmenten die man besser fühlt als sie zu analysieren.

Oder?
Die Kraft von Musik – vielleicht aller Musik – kommt daher, wie sie unsere Herzen anspricht. Wie sie uns daran erinnert, nicht allein zu sein. Wie sie Gefühlen, die wir vielleicht gar nicht richtig benennen können, Form und Gestalt gibt. (Ich meine.. wir waren alle Teenager und für uns alle gab es da dieses eine Lied, nicht wahr?)

Bedeutet das nun, dass es keinen geschichtlichen Kern in der Offenbarung gibt?

Nein. Das ist ein echter Pastor, der wirklich gelebt hat, unter einem Herrscher, der echte Menschen einer echten Gemeinde angeschrieben hat, die unter realen Problemen und Ängsten litten.

Es ist nur so, dass Poesie zuweilen genauso real ist, wie wir auch.