Jungs-Mädchen-Tag (+Inklusion)

IMG_20141031_110615 (Medium)Nachdem der letzte Jungs-Mädchen-Tag von meiner Klasse sehr gut aufgenommen wurde, stand eine Wiederholung völlig außer Frage.

Kurz zum Hintergrund: Verschiedene Untersuchungen zeigen immer wieder, dass Mädchen und Jungen mit unterschiedlichen Leistungen aus der Schule kommen. Ausgehend von einer Mädchenförderung in den vergangenen Jahren sind es jedoch heute eher die Jungen, die einer Förderung bedürfen. Entsprechend plante ich mit meinen 16 Jungs einen Projekttag, während meine Co-Klassenlehrerin sich mit den 12 Mädchen zusammensetzte.

Ungeachtet aller Vor- und Nachteile von Inklusion, empfindet man sie hier als Belastung: Während (körperlich) gesunde Kinder zwischen Eislaufen, Klettern und Schwimmen wählen können, ist man bei einer Inklusionsklasse deutlich eingeschränkter. Und anders als bei einer Klassenfahrt, wo man mal sagen kann: “Das ist jetzt nix für dich, dafür gibt es nachher xy”,  gibt es beim Projekttag nur einen Tag. Fallen dann viele Optionen raus empfinden die anderen Kinder schnell Frust. “Nur wegen dem blinden Alex können wir nie ins Kino.” “Nur wegen der gelähmten Johanna können wir nicht reiten.”
Es erfordert unendlich viel Fingerspitzengefühl, hier die Außenseitersituation einiger Kinder nicht noch zu verschlimmern.

Was stand für mich auf dem Plan?

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Mein persönlicher Shitstorm

Auf SPIEGEL Online ist heute ein weiterer Artikel von mir erschienen – dieser Beitrag bezieht sich darauf. Der Artikel steht hier: Klick. Konkret geht es um meine Filmphysik.

Einigen von euch wird aufgefallen sein, dass der Teaser nicht so recht mit dem Text zusammen passt.

Jan-Martin Klinge weiß, dass seine Schüler später wenig aus dem drögen Physikunterricht erinnern werden. Außerdem würde der Lehrer viel lieber Themen behandeln, die Spaß machen. Doch die Vorgaben aus dem Ministerium sind strikt – und unrealistisch.

Eine Richtigstellung zu Beginn: Titel und Teaser ist nicht von mir und waren mir bis zur Veröffentlichung auch nicht bekannt. Smiley

Spannend wird es (wirklich!), wenn man jetzt auf die Kommentare zu dem Artikel schaut. Zunächst wird über mich geschimpft. Und der erste Kommentator bringt eine neue Behauptung ein:

Physik ……erklärt die gesamte Welt um uns herum. Und das braucht man also nicht? [klick]

Diese Behauptung kommt nicht von mir. Die steht nicht mal im fragwürdigen Teaser. Im folgenden spricht “bernddasbrot” von der Berechnung des Luftwiderstands und dem physikalischen Kraftbegriff. Ein kluger Mensch also. Bildungsbürger. Nur das Textverständnis ist wohl mangelhaft.

Spannend ist, dass sich im folgenden immer mehr Kommentatoren auf die vermeintliche Behauptung stürzen, ich hielte Physik für überflüssig.

Eine (anscheinend) Elite von Physikern, Ingenieuren und Architekten regt sich fürchterlich über meine – von ihnen anhand eines offenbar nicht sorgfältig gelesenen Artikels – Fähigkeiten als Lehrer auf und diagnostiziert Unfähigkeit.

Berufswahl verfehlt: Sechs
[…]
Eben: Beruf nicht begriffen, leider aber ergriffen. Interessant nur, dass er sich dazu bekennt, denn er hätte es wirklich vorher wissen müssen…

Andere Foristen fordern meine sofortige Entlassung.
(Ein kleiner Witz am Rande: In den PISA-Ergebnissen etc. wird stets bemängelt, dass die Schüler die Texte nicht verstehen. “Sinnentnehmendes Lesen” nennt sich das. Kann man im Forum bei all den klugen Foristen gut beobachten.)

Tatsächlich geht diese Physiker-Bildungs-Elite noch weiter:

Es gibt viel unsinnigeren “Lehrstoff” in der Schule – z.B. Religionsunterricht oder “Kunst”. [klick]

Ist das nicht total… skurril? Da behaupten Menschen allen Ernstes, man brauche die Zentripetalkraft und ihren Zusammenhang zur kinetischen Energie für sein Leben und die Hebelgesetze, um die Gießkanne anzuheben – aber Kunst und Religion seien unwichtig? Unsere Kultur ist unwichtig? Ähnliche Beiträge verfluchen Deutsch oder Sozialwissenschaften oder jedes beliebige andere Fach. Und alles geht darauf zurück, dass diese Leute – diese klugen Leute – den Text nicht richtig gelesen haben.

Erst im Kommentar 51 gibt es jemanden, der tatsächlich über den publizierten Inhalt (Physik von Superhelden) nachgedacht hat:

Sie übersehen aber, dass man für die Superhelden echte Grundlagen zur Berechnung braucht….Hebelwirkung, Fall- und Lichtgeschwindigkeit, Trägheitsüberwindung etc….Energie ist Masse mal Lichtgeschwindigkeit zum Quadrat, auch damit kann man sehen, was Flash verzehren muss […] [klick]

Tatsächlich.
Eine Beispielaufgabe aus jenem Kurs:

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Es geht um Rotation und Drehmoment, Zentripetalkräfte und Druck, verbunden mit einer (im Schuljargon: ) “modellierenden Aufgabe”. Ich weiß nicht, wie viele dieser SPIEGEL-Online-Kommentatoren das jetzt so aus dem Stegreif lösen könnten. Ich vermute: Kaum einer.

Da steckt abartig viel Physik drin und meine Schüler haben sehr intensiv daran rechnen müssen. Aber nicht mit komischen Geräten aus dem Physikschrank, sondern mit umherwirbelnden Autos. Die Physik ist die gleiche.

Ich muss mir nun allerdings die Frage stellen, ob ich zukünftig nochmal für den SPIEGEL schreiben möchte. Der Teaser ist nicht mit mir abgesprochen worden und sinnentstellend. SpiegelOnline freut sich natürlich über 160 200 Kommentare und viele Klicks – ich bedanke mich für dämliche Phrasen und die Gelegenheit, einmal mehr auf Lehrer einzuprügeln.

Das ist schon etwas ärgerlich.

PS: Nein, dirkozoid, so einfach ist die Sache mit dem Hulk dann nicht: Der arrogante und herablassende kurzsichtige Panzervergleich von Ihnen übersieht, dass Hulk auf zwei Füßen steht, und nicht auf zwei langen Ketten liegt. Fläche und Druck und so. Physik halt…

PPS: Inzwischen habe ich von der Bildungselite dieses Landes (im Detail: Physik-Professoren namhafter Universitäten) empörte E-Mails erhalten, in welchen sie DURCHGEHEND IN GROSSBUCHSTABEN IHRE EMPÖRUNG ÜBER DIESEN ARTIKEL ausdrücken. UND JA, SIE HABEN IHN GELESEN! ( :-) )

Bailey (Bailinho Rodriguez Klinge)

Es klingelt.
Nichtsahnend öffne ich die Tür und sehe einen völlig Fremden vor mir. Einen Fremden, der gelassen unseren Hund am Nacken zur Haustür geschleppt hat.
Mein Blick wandert von ihm zum Hund und wieder zurück.
”Hi”, stellt er sich vor. “Ich besuche eure Nachbarn – und Bailey ist in mein Auto gesprungen.”

Bailey strahlt mich begeistert an. Ihre Augen rufen “Abenteuer! Abenteuer! Abenteuer!” ihre sabbernde Schnauze dagegen “der Mann hat ganz lecker riechende Sitze!”

“Sie sagten mir, ich solle Bailey einfach hier abliefern.”

Ich entschuldige mich, blicke zerknirscht drein und hoffe, der junge Mann fährt kein Auto mit weißem Lederbezug.

Unser Australian Shepherd ist ein schlechter Wachhund, aber ein toller Familienhund. Sie liebt Menschen (und ich finde, damit passt sie prima in unsere Pastorenfamilie) und früher oder später wird sie zum Postboten ins Auto springen und mit ihm eine Runde fahren.

Ich glaube ja, dass viele Kinder ihren zweiten Namen nur als Steigerung ihres ersten tragen. Wenn ich Carolina rufe, dann überhört sie das geflissentlich – rufe ich sie aber zusätzlich mit zweiten Namen, ahnt sie, dass es Ärger gibt. Natürlich hat auch Bailey einen zweiten Namen (benannt nach Bender Rodriguez aus Futurama) und den schimpfe ich laut vor mich hin, kaum dass der Fremde gegangen ist.

Aber da ist der Hund schon längst verschwunden und schaut mit Carolina eine Dinosaurier-Dokumentation.

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Hach…

Apps für den Unterricht (Folge 15)

Ich bin ja nicht ganz sicher, ob ich das hier veröffentlichen soll, aber die App ist schon wirklich stark: PhotoMath.
Im Prinzip handelt es sich dabei um einen Taschenrechner: Man muss Aufgaben nur noch mit der Kamera scannen und erhält dann das Ergebnis, inklusive Zwischenschritten, auf dem Display angezeigt:

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Im Augenblick funktioniert das nur mit gedruckten Aufgaben, dort allerdings recht zuverlässig. Ich schätze, in wenigen Monaten kann ich mir das Aufdrucken der Lösungen bei meinen Lerntheken sparen. Funktioniert natürlich (im Moment) eher bei einfachen, linearen Gleichungen als bei komplexen Aufgaben. Trotzdem ganz cool zu sehen.

Die App ist aktuell kostenlos für Apple-Geräte und Windows Phones zu haben.

Für Apple: iTunes Appstore Link.

Für Windows Phone: AppStore Link.


Immer wieder werden hier Android- und iPhone-Apps vorgestellt, die sich im Unterricht sinnvoll einsetzen lassen. Einen Überblick aller bereits besprochenen Programme findest du hier.

Fehlt noch etwas? Weitere Vorschläge einsenden.

Wann ist gut gut genug?

Mit Erstaunen stelle ich fest, wie viele Leute den Text über die 12 Wochen Ferien im Jahr lesen. Hm. Da habe ich einen wunden Punkt getroffen (und stelle wieder fest, dass ich an dieser Stelle auch sehr dünnhäutig bin). Allzu oft wird uns Lehrern vorgeworfen, wir seien faul (man denke nur an das Schröder-Zitat) oder schlecht organisiert und  sollten “mal in der freien Wirtschaft arbeiten”, ja dann wüssten wir was wirkliche Arbeit ist. Ich wette, dass jeder von uns solche Sprüche kennt und alle Reaktionen schon ausprobiert hat: eine humorvolle Antwort, ignorieren, einen ernste Antwort oder – um es mit den Ärzten zu sagen – immer mitten in die Fresse rein.

Ich glaube, dass einer der Vorzüge am Beruf des Lehrers die unfassbar große Freiheit ist. In der Regel kontrolliert mich keiner mehr, wenn ich mich erst mal durch das Referendariat gequält habe. Deswegen liegt es im Ermessen jedes Einzelnen, wann gut auch wirklich gut genug ist. Und da liegt meiner Meinung nach nach beiden Seiten die Gefahr: Die extrem bequemen Lehrer gehen 5 Minuten nach dem Klingeln in den Unterricht, um dann früher wieder Schluss zu machen. Oder aber die extrem engagierten Lehrer, die für jede Stunde die Klasse neu dekorieren, rosa Kopien mit Glitzer bestreuen und laminieren, um sie dann in Herzform auszuschneiden. Und irgendwo dazwischen liegt die goldene Mitte.

Ich kann mich ganz wunderbar verzetteln – und dabei verliere ich dann jede Menge Zeit; Zeit, die mir an anderen Ecken wieder fehlt. Ich mache das mal an einem Beispiel deutlich. In der Oberstufe steht in Geschichte einiges zum Thema “Deutschland nach 45″ am Lehrplan. Und weil ich gerne Geschichte unterrichte, ist das mein Verzettelfach Nr. 1. Nehmen wir mal den Aspekt der “Entnazifizierung”. Das, was mir einfällt (Nürnberger Prozesse, Eichmann-Prozess, Hannah Arendt, Frankfurter Prozese, “Im Labyrinth des Schweigens”, Josef Neckermann, “Das Amt”, Franz Nüßlein, Hanns-Martin Schleyer, die RAF usw.), muss ich strukturieren und daraus eine extrem kurze Sequenz basteln. Aber alles ist so interessant und beim Lesen, Nachschlagen, Suchen und Ansehen gehen im schlimmsten Fall Stunden ins Land. So kann man das, glaube ich, mit allem machen. Grundschullehrer können da ein Lied von singen, weil – zumindest meine Freundinnen-  extremen Wert auf ganzheitliches Lernen und Methodenvielfalt legen. Da geht immer noch was – nur schlafen und sich ausruhen, das geht dann nicht mehr.