Bisschen Schwund ist immer. London #6

Der letzte Tag ist rum. Wir sitzen im Bus und sind müde und glücklich. Erschöpft und zufrieden. Und, und das war zwischenzeitlich nicht zu erwarten, vollständig.

Heute stand Camden Town auf dem Plan. Nachdem gestern viele Kilometer zu Fuß abgespult worden sind, gab es heute etwas mehr Freiraum. Camden Town ist eine gigantische Sammlung von Ramschläden (im Stille NANU NANA), Pubs und kleinen Buden exotischen Essens. Eine Touristenfalle hoch zehn und wir wollten mit der Parallelklasse gemeinsam fahren.
Nach dem Frühstück gab es eine Einführung in das U-Bahn-System von London. Welche Linie nehmen wir, wie verhalten wir uns. Für mich als kleinen Dorfjungen ist U-Bahn-fahren ganz schön aufregend (in unserem Dorf gibt es nicht mal eine Ampel) – gleichzeitig mit 60 Kindern unterwegs zu sein, ein wahrgewordener Alptraum. “Bleibt zusammen. Beeilt euch.”

Alle Anweisungen sind klar.

IMG_20160707_121343Wir steigen in die U-Bahn. Die Türen schließen sich. Ferdinand und Ludwig stehen auf dem Bahnsteig und sehen mich mit traurigen Rehaugen an. Ihre Lippen bewegen sich und formen ein lautloses “Herr Klinge… Hilfe!?” Dann fährt die Bahn los und Ferdinand und Ludwig bleiben einsam zurück.
Habe ich je behauptet, dies sei ein Urlaub? Sagte ich etwas von Erholung?

Meine Co und ich wägen ab: Wenn wir 58 von 60 heimbringen ist das doch eigentlich noch okay, oder?

Zum Glück hatten wir den Schülern vorher eingeschärft, in einem solchen Fall nicht wie ausgesetzte Hunde an der Station stehenzubleiben, sondern das Tageslicht zu suchen: Tief unter der Erde gibt es keinen Handyempfang. Zumindest diesem Rat folgten die beiden und während wir in Camden landeten, meldeten sie sich per Telefon.

Beruhigen kann meine Co besser. Und Wege beschreiben auch. Nach etwa zwanzig Minuten kamen die beiden verlegen grinsend bei uns an – alle wieder da. Vorteil der Nummer: Für den Rest des Tages sind alle Schüler beim Ein- und Aussteigen unglaublich aufmerksam (und ängstlich) gewesen.

In Camden baut sich ein Strassenmusiker bei unserem Treffpunkt auf. Zehn, fünfzehn Minuten spielt er für ein dankbares Publikum. Unsere Schüler applaudieren, amüsieren sich und geben ihm viel verbliebenes Münzgeld.

Vor der Rückreise noch schnell ein Abstecher zu Piccadilly – ein wunderbarer Kontrast zum Nippes vorhin. Während die Schüler nochmal schlendern dürfen, setzen wir Kollegen uns bei Jamie Oliver rein. Aber Jamie ist nicht da. Und die Bedienung ist von der Gruppe erschöpfter Lehrer nur halb begeistert.

Auf den letzten Metern in London lädt mich ein vorbeirasender Ferrari zum Träumen ein. “Was ein Auto”, murmle ich, “hätte ich so ein Auto, wäre ich der König der…”

TUUUUUUUUUUUUUUUUUUTTTTT

Wenige Zentimeter vor unseren Nasen saust ein Motorrad vorbei. ”Das wären schöne letzte Worte gewesen”, grinst mein Kollege. 59 von 60. Bisschen Schwund ist immer.

Abends im Bus auf der Heimreise (alle da!) folgt die klassische “Oh man, wir haben vergessen, etwas abzugeben und müssen nochmal umdrehen”-Nummer. Um den Quatsch glaubwürdiger zu gestalten, fragen wir erst, ob jemand den Herbergsschlüssel gesehen habe. (Phase I) Zehn Minuten später bitten wir, einen speziellen Schüler, doch mal in seiner Tasche nachzusehen (Phase II). Schließlich ein Fund. (Phase III)
Leider müssten wir jetzt umdrehen – täte uns auch leid. Zum Beweis halte ich irgendeinen Schlüssel in die Höhe. Das überzeugt auch die letzten Kritiker und halblautes Gemurre ertönt.
Weil sich meine Schüler nach dieser Gruselpuppen-Nummer angewöhnt haben, auf Fragen immer mit “Von welchen Puppen reden Sie?” zu antworten, drehen wir den Spieß um: “Welcher Schlüssel? Wovon redest du?”

Später erkläre ich den Schülern, ich hätte zu wenig Geld für den Urlaub und wolle daher aus dem Bus eine fahrende Wettbude machen: Aus allen Restpennys der Portemonnaies entsteht ein gewaltiger Pott, von dem ich mir vielleicht doch einen Ferrari kaufen könnte. Sieger wird, wer das Ergebnis des Deutschlandspiels korrekt tippt. Alle sind guter Laune.

Nach zwei unglaublich anstrengenden Tagen, sind meine Co und ich immer noch dankbar füreinander. Auch das war nicht zu erwarten.

Die nächste Katastrophe. London #5

Nach unserem Aufenthalt am Buckingham Palace stellen wir mit zwei Polizisten ein amüsantes „unsere-Lehrer-werden-verhaftet“-Bild. Anschließend wandern wir durch London in Richtung Soho, Covent Garden.

In Kleingruppen dürfen die Schüler durch diesen Stadtviertel schlendern. Ich selbst merke, wie ich kognitiv abbaue. Der fehlende Schlaf und die Anstrengung der vielen gelaufenen Kilometer macht sich bemerkbar. Es ist, als würde man zugucken, wie das eigene Hirn einschläft. Auch die Schüler merken, dass aus mir ein Zombie geworden ist und nur mein starrer, toter Blick hält sie davon ab, Späßchen mit mir zu treiben.
Als wir am späten Nachmittag wieder zueinander finden, gibt es schlechte Neuigkeiten. Zwei weitere Schüler haben sich übergeben und sehen ganz erbärmlich aus. Konstantin winkt ab: „Herr Klinge, ich bin nicht krank. Ich habe schon auf der Busfahrt nur Chips und Cola und solchen Dreck in mich reingestopft, dazu die Sonne und die Anstrengung. Das wird schon wieder!“ Jonathan setzt sich neben ihn, der mit vollen Taschen aus dem M&M-Store kommt. „Willste? Ich habe pinke M&Ms!“ Konstantin greift beherzt zu. Oh man.

Wir nutzen den frühen Abend im RestUp-Hostel, um die Beine hochzulegen. Mein Schrittzähler zeigt mittlerweile 26.000 Schritte an – wir haben ordentlich Programm abgespult. Die Kinder sind genauso fertig wie wir und sitzen stöhnend vor dem Hostel. Hier und da werden Füße und Knie gerieben. „Womöglich lassen wir die Nachtwanderung zur TowerBridge ausfallen…?!“, flüstere ich hoffnungsvoll. Ganz leise, damit es keiner mitbekommt. Eigentlich habe ich nur mit mir selbst gesprochen.
Aber ein Sturm der Entrüstung trifft mich. “Herr Klinge, ich gehe auf jeden Fall!, stellt Jonathan klar und ungesagt (aber deutlich hörbar) bleibt im Raum stehen “…und wenn ich alleine gehe!” Andere stimmen zu. an Schlaf ist nicht zu denken. Adé, du schöne Welt.

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Abends um neun wandern etwa 30 von unserer Gesamtgruppe zur Tower Bridge. Gutgelaunt. Lachend. Vielleicht ein bisschen langsamer, als noch am Nachmittag. Im Dunkeln erstrahlt die Brücke ganz wunderbar und an der Strandpromenade wird Musik gespielt. Die Schülerinnen und Schüler sitzen am Ufer, unterhalten sich leise, kichern und staunen. Ein zauberhafter Abend, den wir alle genießen, aufsaugen, zelebrieren.

Spät falle ich endlich ins Bett. Also nicht ich, sondern nur Teile von mir. Ganz passe ich nämlich nicht hinein – dafür ist es zu klein. Letztlich schlafe ich auf dem Boden. Als, im Herzen katholisch gebliebener, Christ nehme ich es als Lektion in Sachen Demut. David Nathan erklingt und nach fünf oder sechs Sekunden bin ich eingeschlafen.

Als ich aufwache, blinkt mein Handy. “Herr Klinge, ich habe mich ausgeperrt.” Bing. Eine neue Nachricht. “Alles gut. Ein Mann ist hier, um mir zu helfen.” Bing. “Ich glaube, wir fahren gar nicht zum Schlüsseldienst, Herr Klinge.” Bing. “Herr Klinge..?! Vielleicht könnten Sie..!”

Keuchend werde ich wach. Mein Handy blinkt – aber ich ignoriere es.

Beim Frühstück unterhalte ich mich mit einem Rücksacktouristen aus Australien. Er berichtet in knappen Worten von seiner Weltreise und ich spüre eine gewisse Sehnsucht in mir. Aber nicht lang. Dann kommt Simon. “Herr Klinge, meinen Sie, ich kann heute eine kurze Hose anziehen? Normalerweise entscheidet meine Mama sowas.”

Einen Tag noch.

Gartenparty beim Buckingham Palace. London #4

IMG_20160706_115145Okay, ich gebe es zu. Diese ganze Stress-Nummer und “ich bin überarbeitet”.. das war alles Quatsch. Spätestens heute bin ich mit der Welt wieder im Reinen.

Nach unserer Ankunft in London haben wir das Gepäck im Hostel verstaut und sind augenblicklich in die Stadt spaziert um dort zu frühstücken. Dazu sind wir eine Weile gelaufen und haben dann um Shakespeares Globe Theatre hier und da und dort kleine Cafés entdeckt; anschließend die Schüler in Viergruppen zum Frühstücken geschickt. Einige sind in eine französische Patisserie verschwunden, andere in moderne Veganer-Schuppen. Nach der langen Nacht konnten alle zum ersten Mal… durchatmen. Auftanken.
Leider hat Niklas die Reise auf der Fähre arg mitgenommen: Ein rebellierender Magen ist keine Freude. Erst recht nicht, wenn man weit weg von zu Hause ist. Mühsam und mit aschfahlem Gesicht schleppt er sich mit. Aber welche Alternativen haben wir?

Der Rest der Gruppe ist bestens gelaunt. Wir haben keinen einzigen “Stinkstiefel” in der Klasse, niemanden, der irgendwo schlechte Stimmung oder Null-Bock verströmt. Natürlich machen wir alle immer alles gemeinsam – aus der Lust am gemeinsamen Miteinander heraus. Meine Co und ich stehen staunend daneben. Vormittags schicken wir die Schüler umher – sie sollen allerlei unwichtiges in Erfahrung bringen und dazu Leute befragen und – na klar – ihr Englisch einsetzen. Es ist, wie meiner zweijährigen Tochter zuzuschauen, die auf der hohen Rutsche steht und nicht weiß, ob sie sich wirklich, wirklich traut. Man kann in ihrem Gesicht das Wechselbad aus Angst, Mut, “jetzt, ja!”, “nein, doch nicht” ablesen. Genauso geht es meinen Achtklässlern in London. Ist die Hemmschwelle, eine fremde Sprache zu nutzen, einmal gefallen, gibt es für viele Jungen und Mädchen kein Halten mehr. Ständig werden Leute angesprochen. “Entschuldigung – wo bitte geht es zum Museum xy?” “Verzeihung, können Sie mir etwas über yz erzählen?”

Mittags machen wir eine Bootstour (“Schon wieder ein Boot?”, stöhnt Niklas) die Themse hinab und können viele Touristenhighlights im Schnelldurchlauf sehen. Von Milbank aus wandern wir nordwärts in den Buckingham Palace, wo wir uns bei bestem Wetter die Sonne auf den Pelz scheinen lassen.

Ja – es ist wie Urlaub. Ich würde gerne von lustigen Anekdoten, skurrilen Pannen und dergleichen berichten – aber es gibt nichts. Alles läuft absolut reibungslos, alle haben Spaß. Fast schäme ich mich, das zu schreiben. Diese Klasse ist ein Traum.

Es kann sich nur noch um Sekunden handeln, bis die nächste Katastrophe hereinbricht.